laut.de-Kritik
Golden Oldies fürs Spaghetti-Kochen und den Stau am Brenner.
Review von Philipp KauseUm in den 1980er oder 90er Jahren einen 'Sommerhit' zu landen, war es von Vorteil, in spanischer, französischer oder italienischer Sprache zu trällern. Darauf hat sich Nino de Angelo womöglich nun besonnen, und auf die damaligen Anfänge seiner Plattenkarriere. Seine zweite und dritte LP nahm er jeweils in deutsch- und italienischsprachigen Editionen auf, 1984. Das eine erreichte in der mehrsprachigen Schweiz auf Charts-Platz 2. Das rhythmisch unwiderstehliche "La Valle Dell' Eden" war damals schon mal drauf. Sein (angeblicher) Mentor Drafi Deutscher hatte es verfasst, der ihn im Übrigen auch zum Koksen verführte.
Das neue, 21. Album "Vivi La Vita" ist jetzt fast ausschließlich in Italienisch gehalten. Eine Ausnahme gibt es: Das ist das quasi thematisch umklammernde Stück, eine Ode an den Stiefel, an die Schönheit Italiens, "Bella Italia È Amore". Dabei handelt es sich um ein Duett mit Friseurin, Berufsschullehrerin, Vocal- und Beziehungs-Coach Marina Marx. Deren Booker handelt sie als "Powerfrau (...) mit ihrer geerdeten, sympathischen Art", ihr Debüt nennt sich "Der Geilste Fehler". Da haben sich also zwei gefunden, zumal de Angelo mit seiner Vorgeschichte an Depressionen von einer Duettpartnerin insbesondere Power gebrauchen kann. Ob er sich deswegen auf der wie stets misslungenen Artwork-Grafik zum Caesar küren muss?
So trüb und grau wie die Stimmung auf seinen Vorgängern "Irgendwann Im Leben" und "Von Ewigkeit Zu Ewigkeit", wo Hölle und Untergang Schlüssel-Motive waren, stellt sich "Vivi La Vita" nicht dar. Nicht einmal im Ansatz. Denn dieses Mal steht die geballte Lässigkeit des Bel Paese im Mittelpunkt, wo man lieber mal einen Espresso zu viel trinkt (siehe den Kaffee zum Küssen in "Solo Noi"), lieber genießt als sich zu überarbeiten ("Una Festa Sui Prati"). Nudel-Rezepte umfasst das Album auch, allerdings nicht in den Liedtexten, sondern im CD-Booklet: Dort findet sich je ein Vorschlag für den Herd pro Song. Die DeLuxe-Ausgabe denkt an die Umsetzung, verkauft eine Kochschürze zur CD, und sogar ein Pizza-Schneider findet sich im Set.
Es ist also ein lebensfrohes Werk und wegen seiner Evergreen-Melodien zum Erfolg verurteilt. Gleichwohl erscheint die Scheibe 'indie', über des Künstlers eigene Firma. Der Rheinländer mit süditalienischen Eltern gräbt Paolo Contes "Azzurro" aus, den größten Hit für Adriano Celentano in der BRD. Orgel, Piano und Bläser gehören selbstverständlich auch zur neuen Version. "Azzurro" war einer von vielen Ansätzen Paolo Contes, seine Vorliebe für Dixie-Jazz mit der italienischen Sprache zu verbinden. Adriano selbst komponierte die Melodie zu "Una Festa Sui Prati" 1966 - liefert somit den ältesten Beitrag dieses Albums.
Zwölf Mal interpretiert Nino anderer Leute Lieder, zwei neue hat er selbst beigetragen, die ersten beiden Tracks. Während "Se Te Ne Vai" unauffälliger Rock-Pop ist, verfügt die Bekundung zur Treue gegenüber Italien zwar über eine prägnante E-Gitarre, besitzt aber doch weitaus mehr Schlager- als Rock-Anteil.
Zu den grün-weiß-roten 'Greatest Hits' zählen in de Angelos Auswahl das stimmungsvoll bleibende "Gente Di Mare" von Umberto Tozzi und Raf, in den Alpenländern einst Top Ten-Hit, "Maledetta Primavera", schmalzig, bekannt geworden durch die Quizmasterin Loretta Goggi, die damit 1981 die Eins in Italien und die Top Ten in den germanophonen Ländern knackte. Lucio Dallas "Caruso" unterzieht sich dem Cover-Reigen, klingt nett. Die Strandclub-Truppe I Santo California aus der Region Campania, wo auch Neapel liegt, war nie wieder so grenzüberschreitend populär wie mit ihrer ersten Single "Tornerò", die Nino sich hier auch unterhaltsam vorknöpft.
Die schwärmerisch gesungene Gesellschaftssatire "L'Italiano" von Toto Cutugno mit Spaghetti im Songtext kam zwar in der West-BRD 1983 'nur' auf den 23. Platz, aber unfreiwillig kennt das wohl jeder, der irgendwo mal einer Kirchweih, einem Volksfest oder einem Oldies-Sender mehr als eine Stunde beigewohnt hat. Für "L'Italiano" gibt es schöne weibliche Harmony-Vocals rund um Ninos rauchige, kratzige Perfomance. "Forse" von Daniele Pace in der Version des Fernsehmoderators Pupo, der außerdem mal mit mehr Reichweite das hier bei Nino hardrockig gecoverte "Su Di Noi" aufnahm, gehört da vergleichsweise schon zu den Insider-Tipps, bäumt sich als pathetische Hymne auf.
Den Nutzwert der Scheibe kann man eindeutig als hoch taxonomieren, weil sich hier in einer runden und leicht zugänglichen Sammlung eine ganze Stange relevanter Titel mit Identitätsmerkmal Italo-Pop-Repräsentanz verbinden und jenseits eines aufgesetzten Ballermann-Lärmens Herzblut in der Musik liegt.
Besonders das leidenschaftlich geschmetterte "Tornerò" und das mit Ninos Reststimme und eingeschränkt verfügbarem Atemvolumen hinaus posaunte "Questo Piccolo Grande Amore" machen das deutlich. Obwohl er es keineswegs geschmeidig singt, möchte sich der nach persönlichen Krisen geläuterte Fernsehgarten-Barde das Fortissimo nicht nehmen lassen, gibt alles und bekommt es auch intensiv heraus geröchelt. Ob das 'schön' klingt, kommt auf den Maßstab an. Schöner als ein kantenloser Richard Marx ist das schon, andererseits hört sich Tom Jones vergleichsweise mehr sexy im Senioren-Balladen-Wettbewerb an. Der 70er-Song in neuem Gewand wirkt auf jeden Fall intensiv und unausweichlich, der neue Imperator will ins Ohr eindringen. Bei "Caruso" steckt dann sogar wirklich Expression mit Feinheiten drin.
Ein gewisser Ramazzotti-Pomp-Effekt lässt sich dem ganzen Unterfangen andererseits ebenso attestieren. Manch überflüssige Klimax wie im Zentrum von "Solo Noi" zählt zu den überkandidelten Momenten. Das Grundsatz-Phänomen bleibt: Wer besonders extrem auf die Tube drückt, erreicht oft ein Mitklatsch-Publikum, das einmal im Jahr auf ein Konzert geht, Leuten, die animiert und angeleitet werden wollen. Auf der anderen Seite mutet so manches dann überdreht, unruhig und bisweilen kitschig an. So oder so, es fehlt bei "Vivi La Vita" zum Glück nicht an Lebensfreude, da kann man Entwarnung geben, aber an Innovation. Von einem Cover-Album war nicht viel zu erwarten, und die Erwartungen übertrifft es durchaus und eignet sich bestimmt für die Urlaubsfahrt mit dem Auto gen Süden.
Damit hat die LP dann ihr Ziel erreicht, Italien eine Stunde lang ein Ständchen zu bereiten. Gerade weil italienische Pop-Banger traditionell sowieso recht aufgebrezelt daher kommen, hätte zum Abtrotzen neuer Aspekte manches Unplugged oder gedämpftere Arrangement genützt. An der vom Leben gezeichneten Stimme kann man nun auch nichts ändern, aber was gut ist: Nino singt nicht über sein bejammernswertes Schicksal oder die Tragik unserer Endlichkeit wie zuletzt, sondern hat ein klar umrissenes Thema, das von ihm selber ablenkt, und da weckt er durchaus Lust auf das Land am Mittelmeer.


8 Kommentare mit 13 Antworten
Ist nicht mein Genre, aber eins möchte ich wissen: Welches Management gibt zu diesem Cover seinen Segen? Oder fehlt mir hier der Geschäftssinn...
Trve geht anders, da hast Du wohl rechts!
Denke, es war der Wechsel zu Nucl€ar Bla$t damals, der ihn bewogen hat, sein Logo gegen diesen allzu lesbaren Namenszug einzutauschen
Das Cover ist definitiv Anwärter auf die Worst-Cover 2026-Hitlist ...
Dachte erst Cover wäre Kollega aber naja Nino hat bessere Hairline
"Nudel-Rezepte umfasst das Album auch, allerdings nicht in den Liedtexten, sondern im CD-Booklet: Dort findet sich je ein Vorschlag für den Herd pro Song."
Und wo ist die Rezi davon?
Berechtigte Frage.
Italien scheint seit Jahrtausenden eine Faszination auf die Menschen auszuüben. Ich muss da auch mal hin demnächst, um mich vor Ort von der Schönheit der ganzen Sache überzeugen zu können. Ich überlege noch, ob ich bereits verfasste Gedichte mitnehme und mir dort unter einer Zypresse selbst vorlese oder, ob ich sie dort direkt am Meer in Rimini schreibe mit Blick nach Kroatien.
Die Leute sind auch so schön lebhaft da unten im Stiefel! Also nicht auf so ne bedrohliche, primitive Art wie die "Menschen" weiter im Süden oder Südosten. Sondern so, dass man da als Werte-Europäer auch traurig sein kann, wenn da was Schlimmes passiert (wie ein Erdbeben zum Beispiel).
Besonders heißer Tipp: Sizilien. Google mal nach Sizilien und Müll.
Kommentar aus einem deutschen Magazin:
"Haben Sie schon einmal überlegt, nach Italien auszuwandern? Nur einen Augenblick lang, wenn der zweite Aperol kickt und das Meer
gerade so schön glänzt? Als Italiener möchte ich Ihnen davon abraten.
Sie würden es kein halbes Jahr aushalten. Das „dolce far niente" - welches von Urlaubern gern romantisiert wird - ist nur so lange charmant, bis man einen Arsch voll Termine hat und der gesamte Dienstleistungssektor dem süßen Nichtstun frönt. Wir sind auch gar nicht so weltoffen, wie wir uns geben: Unsere Ministerpräsidentin ist eine Postfaschistin. Das ist zwar nicht das Gleiche wie eine Faschistin, aber könnten Sie sich vorstellen, von einem Post-Nazi regiert zu werden? Oder dass deutsche Politiker vor Nazi-Denkmälern Wahlkampf machen und keiner was dagegen hat? Bei uns ist das völlig normal. Normal ist auch, dass keiner irgendwas repariert.
Was in Italien kaputtgeht, bleibt kaputt, bis es irgendwann im Glanz vergangener
Tage strahlt. So lief das auch beim Kolosseum. Und das ist ja nur deswegen schön, weil man nicht darin wohnen muss. Apropos wohnen: Als Nachbarn taugen Italiener ungefähr so gut wie Singvögel. Wir sind laut, halten uns nicht an gängige Schlafrhythmen, und unsere männlichen Exemplare bekunden rund um die Uhr ihre Paarungsbereitschaft. Klar, eine Woche Italien kann wie eine Wiedergeburt sein. Vor allem als Tourist. Auswandern sollte man deswegen aber nicht. Das wäre so, als würde man nach einer Luxuskreuzfahrt beschließen, als Seemann anzuheuern."
Kennt ihr ein Album von nem deutschen Typen der Schnulzen auf italienisch singt? Ich hatte da mal ne CD, finde die aber nicht mehr und der Interpret...auch vergessen
Oh, AlecTronic, you sweet summer child...
Ja, Sizilien bringt die raue Seite Italiens zum Ausdruck. Es möchte dazugehören, verbindet sich aber nicht ganz. Eine Last, bestehend aus zerrissener Identität, die wieder diejenigen trifft, die eh schon geschunden sind.
Italien-DLC für "Euro Truck Simulator" gerade zugelegt. Muss das Land wenigstens mal wieder virtuell bereisen. Ansonsten haben mir die Urlaubs- und Touristengebiete in Süditalien gut gefallen, Gardasee war noch besser, Neapel war leider viel Müll und nicht zu empfehlen, Florenz und Rom waren ganz schön, aber mittlerweile wäre es mir zu heiß. Da bin ich dann doch lieber in Skandinavien.
Den Fehler, den ich vor vielen Jahren auf der Mailänder Autobahn mal machte, war, auszuweichen, um den sturen Italiener neben mir drängelnd reinzulassen. Das habt ihr jetzt davon.
Musik (und Beilagen) für deine Mutter!
Props gehen nur raus für seinen Bodycount.