laut.de-Kritik

Golden Oldies fürs Spaghetti-Kochen und den Stau am Brenner.

Review von

Um in den 1980er oder 90er Jahren einen 'Sommerhit' zu landen, war es von Vorteil, in spanischer, französischer oder italienischer Sprache zu trällern. Darauf hat sich Nino de Angelo womöglich nun besonnen, und auf die damaligen Anfänge seiner Plattenkarriere. Seine zweite und dritte LP nahm er jeweils in deutsch- und italienischsprachigen Editionen auf, 1984. Das eine erreichte in der mehrsprachigen Schweiz auf Charts-Platz 2. Das rhythmisch unwiderstehliche "La Valle Dell' Eden" war damals schon mal drauf. Sein (angeblicher) Mentor Drafi Deutscher hatte es verfasst, der ihn im Übrigen auch zum Koksen verführte.

Das neue, 21. Album "Vivi La Vita" ist jetzt fast ausschließlich in Italienisch gehalten. Eine Ausnahme gibt es: Das ist das quasi thematisch umklammernde Stück, eine Ode an den Stiefel, an die Schönheit Italiens, "Bella Italia È Amore". Dabei handelt es sich um ein Duett mit Friseurin, Berufsschullehrerin, Vocal- und Beziehungs-Coach Marina Marx. Deren Booker handelt sie als "Powerfrau (...) mit ihrer geerdeten, sympathischen Art", ihr Debüt nennt sich "Der Geilste Fehler". Da haben sich also zwei gefunden, zumal de Angelo mit seiner Vorgeschichte an Depressionen von einer Duettpartnerin insbesondere Power gebrauchen kann. Ob er sich deswegen auf der wie stets misslungenen Artwork-Grafik zum Caesar küren muss?

So trüb und grau wie die Stimmung auf seinen Vorgängern "Irgendwann Im Leben" und "Von Ewigkeit Zu Ewigkeit", wo Hölle und Untergang Schlüssel-Motive waren, stellt sich "Vivi La Vita" nicht dar. Nicht einmal im Ansatz. Denn dieses Mal steht die geballte Lässigkeit des Bel Paese im Mittelpunkt, wo man lieber mal einen Espresso zu viel trinkt (siehe den Kaffee zum Küssen in "Solo Noi"), lieber genießt als sich zu überarbeiten ("Una Festa Sui Prati"). Nudel-Rezepte umfasst das Album auch, allerdings nicht in den Liedtexten, sondern im CD-Booklet: Dort findet sich je ein Vorschlag für den Herd pro Song. Die DeLuxe-Ausgabe denkt an die Umsetzung, verkauft eine Kochschürze zur CD, und sogar ein Pizza-Schneider findet sich im Set.

Es ist also ein lebensfrohes Werk und wegen seiner Evergreen-Melodien zum Erfolg verurteilt. Gleichwohl erscheint die Scheibe 'indie', über des Künstlers eigene Firma. Der Rheinländer mit süditalienischen Eltern gräbt Paolo Contes "Azzurro" aus, den größten Hit für Adriano Celentano in der BRD. Orgel, Piano und Bläser gehören selbstverständlich auch zur neuen Version. "Azzurro" war einer von vielen Ansätzen Paolo Contes, seine Vorliebe für Dixie-Jazz mit der italienischen Sprache zu verbinden. Adriano selbst komponierte die Melodie zu "Una Festa Sui Prati" 1966 - liefert somit den ältesten Beitrag dieses Albums.

Zwölf Mal interpretiert Nino anderer Leute Lieder, zwei neue hat er selbst beigetragen, die ersten beiden Tracks. Während "Se Te Ne Vai" unauffälliger Rock-Pop ist, verfügt die Bekundung zur Treue gegenüber Italien zwar über eine prägnante E-Gitarre, besitzt aber doch weitaus mehr Schlager- als Rock-Anteil.

Zu den grün-weiß-roten 'Greatest Hits' zählen in de Angelos Auswahl das stimmungsvoll bleibende "Gente Di Mare" von Umberto Tozzi und Raf, in den Alpenländern einst Top Ten-Hit, "Maledetta Primavera", schmalzig, bekannt geworden durch die Quizmasterin Loretta Goggi, die damit 1981 die Eins in Italien und die Top Ten in den germanophonen Ländern knackte. Lucio Dallas "Caruso" unterzieht sich dem Cover-Reigen, klingt nett. Die Strandclub-Truppe I Santo California aus der Region Campania, wo auch Neapel liegt, war nie wieder so grenzüberschreitend populär wie mit ihrer ersten Single "Tornerò", die Nino sich hier auch unterhaltsam vorknöpft.

Die schwärmerisch gesungene Gesellschaftssatire "L'Italiano" von Toto Cutugno mit Spaghetti im Songtext kam zwar in der West-BRD 1983 'nur' auf den 23. Platz, aber unfreiwillig kennt das wohl jeder, der irgendwo mal einer Kirchweih, einem Volksfest oder einem Oldies-Sender mehr als eine Stunde beigewohnt hat. Für "L'Italiano" gibt es schöne weibliche Harmony-Vocals rund um Ninos rauchige, kratzige Perfomance. "Forse" von Daniele Pace in der Version des Fernsehmoderators Pupo, der außerdem mal mit mehr Reichweite das hier bei Nino hardrockig gecoverte "Su Di Noi" aufnahm, gehört da vergleichsweise schon zu den Insider-Tipps, bäumt sich als pathetische Hymne auf.

Den Nutzwert der Scheibe kann man eindeutig als hoch taxonomieren, weil sich hier in einer runden und leicht zugänglichen Sammlung eine ganze Stange relevanter Titel mit Identitätsmerkmal Italo-Pop-Repräsentanz verbinden und jenseits eines aufgesetzten Ballermann-Lärmens Herzblut in der Musik liegt.

Besonders das leidenschaftlich geschmetterte "Tornerò" und das mit Ninos Reststimme und eingeschränkt verfügbarem Atemvolumen hinaus posaunte "Questo Piccolo Grande Amore" machen das deutlich. Obwohl er es keineswegs geschmeidig singt, möchte sich der nach persönlichen Krisen geläuterte Fernsehgarten-Barde das Fortissimo nicht nehmen lassen, gibt alles und bekommt es auch intensiv heraus geröchelt. Ob das 'schön' klingt, kommt auf den Maßstab an. Schöner als ein kantenloser Richard Marx ist das schon, andererseits hört sich Tom Jones vergleichsweise mehr sexy im Senioren-Balladen-Wettbewerb an. Der 70er-Song in neuem Gewand wirkt auf jeden Fall intensiv und unausweichlich, der neue Imperator will ins Ohr eindringen. Bei "Caruso" steckt dann sogar wirklich Expression mit Feinheiten drin.

Ein gewisser Ramazzotti-Pomp-Effekt lässt sich dem ganzen Unterfangen andererseits ebenso attestieren. Manch überflüssige Klimax wie im Zentrum von "Solo Noi" zählt zu den überkandidelten Momenten. Das Grundsatz-Phänomen bleibt: Wer besonders extrem auf die Tube drückt, erreicht oft ein Mitklatsch-Publikum, das einmal im Jahr auf ein Konzert geht, Leuten, die animiert und angeleitet werden wollen. Auf der anderen Seite mutet so manches dann überdreht, unruhig und bisweilen kitschig an. So oder so, es fehlt bei "Vivi La Vita" zum Glück nicht an Lebensfreude, da kann man Entwarnung geben, aber an Innovation. Von einem Cover-Album war nicht viel zu erwarten, und die Erwartungen übertrifft es durchaus und eignet sich bestimmt für die Urlaubsfahrt mit dem Auto gen Süden.

Damit hat die LP dann ihr Ziel erreicht, Italien eine Stunde lang ein Ständchen zu bereiten. Gerade weil italienische Pop-Banger traditionell sowieso recht aufgebrezelt daher kommen, hätte zum Abtrotzen neuer Aspekte manches Unplugged oder gedämpftere Arrangement genützt. An der vom Leben gezeichneten Stimme kann man nun auch nichts ändern, aber was gut ist: Nino singt nicht über sein bejammernswertes Schicksal oder die Tragik unserer Endlichkeit wie zuletzt, sondern hat ein klar umrissenes Thema, das von ihm selber ablenkt, und da weckt er durchaus Lust auf das Land am Mittelmeer.

Trackliste

  1. 1. Se Te Ne Vai
  2. 2. Bella Italia È Amore
  3. 3. Forse
  4. 4. L'Italiano
  5. 5. Su Di Noi
  6. 6. Gente Di Mare
  7. 7. Maledetta Primavera
  8. 8. Azzurro
  9. 9. Tornerò
  10. 10. Solo Noi
  11. 11. Questo Piccolo Grande Amore
  12. 12. Una Festa Sui Prati
  13. 13. Caruso
  14. 14. La Valle Dell' Eden

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