laut.de-Kritik
Mehr Bruderliebe als bei Oasis? The Cribs sind zurück.
Review von Alexander KrollBrothers Won't Break. So sehr sich Brüder in Rockbands auch zanken mögen, so unzertrennlich bleiben sie. Den besten Beweis haben letztes Jahr die Gallagher-Streithähne mit ihrer spektakulären Reunion-Tour geliefert. Mit gutem Beispiel voran gingen im Jahr zuvor schon Jim und William Reid, als sie ihre legendäre Noisepop-Band The Jesus and Mary Chain auf eine neue elektrisierende Stufe hievten.
"Brothers Won't Break" heißt der Schlusstrack auf "Selling A Vibe", dem neunten Album der britischen Rockband The Cribs. Es ist das resolute Motto einer Band, die gleich aus drei Brüdern besteht und zum 25-jährigen Jubiläum lautstark allen Hindernissen trotzt. Rund um das Vorgänger-Album "Night Network" hatte es Rechtsstreitigkeiten zum Backkatalog und eine pandemiebedingte Tour-Abstinenz gegeben.
Für "Selling A Vibe" sind die Jarman-Brüder näher zusammengerückt. Während die Indierocker ansonsten weit auseinander leben – Sänger und Gitarrist Ryan wohnt in New York, Sänger und Bassist Gary in Portland und Drummer Ross in der nordenglischen Heimat Wakefield – haben sie nach langer Zeit wieder einen Sommer zusammen verbracht, ganz ohne an ihre gemeinsame Arbeit zu denken. Raus aus den professionellen Abläufen, zurück zum Zusammenhalt als Familie.
"Auf unseren ersten Alben haben wir nur über unsere individuellen Erfahrungen geschrieben, aber im Laufe der Zeit weist dich das Leben auf größere Themen hin", erklärt Gary im Presse-Statement. "Dieses Mal wurde mir beim Schreiben der Texte klar, dass alle Songs wirklich auf der einzigen beständigen und wertvollsten Sache basierten, nämlich unserer Beziehung als Familie. Das ist das, was uns bis hierher gebracht hat".
Produziert von Patrick Wimberly (Solange, MGMT, Lil Yachty) und gemixt von Lars Stalfors (St. Vincent, The Mars Volta, Lil Peep), knüpfen The Cribs ihre neue Vertrautheit an einen poppigeren Sound. Doch die Band, die vom London Standard zur neuntbesten Indierockband aller Zeiten gekürt wurde (noch vor den Pixies, Pavement und sogar Radiohead), hat Schwierigkeiten ins Album zu finden.
Aus schroffen Garage-Rock-Riffs und exponierten Soulpop-Pirouetten bildet der Opener "Dark Luck" keine überzeugende Synthese. Selbst dem Titeltrack "Selling A Vibe" fehlt die zündende Idee. Stattdessen verliert sich das Lied im monotonen Strudel verzerrter E-Gitarren. "A Point Too Hard To Make" lädt dann zu einer ausgiebigen Indie-Party der 2000er mit Franz Ferdinand, Maximo Park und den Kooks, ohne allerdings selbst etwas Neues beizutragen.
Zum Glück kann sich "Selling A Vibe" steigern. "Never The Same" münzt nostalgisches Vermissen in ein Stück um, das gleichzeitig tanzbar und unverschämt cool ist – als würden die Cribs den Strokes "This is it!" zurufen. "Summer Seizures" inszeniert sommerlichen Herzschmerz zwischen leisem Zirpen und treibenden Beat. "Looking For The Wrong Guy" liefert schliesslich mit knisternder Grunge-Gitarre und großem Britpop-Chorus das strahlende Highlight des Albums.
Auch wenn die 12-Song-Sammlung zum Ende in vorhersehbare Muster zurückkehrt ("Rose Mist", "Distractions"), steht am Ende die Brüderhymne, die auch Unebenheiten verzeiht. Sie dient als Rückblick und mutiger Ausblick. "Be like brothers / Don't ever break".


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