laut.de-Kritik
Skurril, verwirrend und wunderschön zugleich.
Review von Jasmin LützEs funktioniert also wohl noch auf die Fucking Independent Art. Man schickt sein Demo an verschiedene Plattenfirmen. Ein Label mag die Songs auf Anhieb, und Zack erscheint das Album. So geschehen bei The Sophs. Die Band aus Los Angeles ist eine Entdeckung aus dem Hause Rough Trade, und jetzt feiert sie mit "Goldstar" ihr Debüt.
Nicht nur die Stimme von Sänger Ethan Ramon überzeugt den Hörer, sondern auch die abwechslungsreiche musikalische Stimmungsgewalt. "The Dog Dies In The End" beginnt gleich mit einer ordentlichen Rock-Ballade im Walzer-Schritt, deren Dramatik sich langsam aufbaut, denn schließlich beißt der Hund am Ende ins Gras, aber nur bildlich gesprochen.
Der Titelsong ist der eigentliche Star. "Goldstar" ist die Hymne, die man in den 1990ern schon hätte abfeiern können. Gitarren im Flamenco-Stil. Keinerlei Sorge im musikalischen Wechselspiel. Inhaltlich sind die Texte allerdings von Ängsten geprägt, der Sehnsucht nach Anerkennung und Menschlichkeit: "Oh, humanity. Where are you?".
Los Angeles ist immer noch ein beliebter Ort zum Auswandern. Ein Teil von Tokio Hotel sind schon vor Jahren dorthin gezogen. Das Wetter und der Vibe scheinen das Songwriting vieler Künstler:innen zu beeinflussen. Moment mal, was fängt die jetzt mit der Band aus Magdeburg an. Ganz kurz war sie geblitztdingst. Hört man "Blitzed Again" fühlt man sich erinnert an das musikalische Werk der Zwillingsbrüder. Aber auch nur die ersten vier Minuten, denn dann landet der Song in einer griechischen Bar in den 1960ern und man tanzt im Gedanken den filmreifen Sirtaki.
The Sophs sind skurril, verwirrend und wunderschön zugleich. Stimmlich überzeugt Frontmann Ethan Ramon eindeutig. Er meistert den Wechsel zwischen harmonisch-melancholisch bis zu dramatisch-laut. "Sweat" betont zunächst die leiseren Töne, und egal ob man durch die Hollywood Hills fährt oder durch den Grunewald spazieren geht, diese Melodien bleiben im Ohr hängen. Die Band fokussiert sich auch nicht auf ein Genre, sondern wechselt zwischen Folk, Pop, Country und Indie-Rock. Da darf auch gerne mal die Maultrommel ausgekramt werden. ("Sweetiepie")
Das ist alles schon ziemlich viel Material und an manchen Stellen auch übertrieben. Man ist zunächst überfordert. Am Ende gefällt einem aber genau diese charismatische Darbietung, denn die macht einfach nur glücklich. Es schwingt dabei eine gewisse Leichtigkeit mit. Keine verkopfte Songstruktur oder verkrampfte Gitarren-Riffs. Keine Regeln und Vorschriften. Hier trifft man sich im Proberaum, greift zu diversen Instrumenten und legt einfach los.
Auf die klassische Indie-Pop-Rock-Melancholie ("Death In The Family"), die auch von Travis stammen könnte, folgt die Power-Nummer "A Sympathetic Person". Mit Spoken Words wird der Song eingeläutet. Die Mischung aus Moritat und allerlei Klangerzeugnissen erinnern fast an Kurt Weill. Typen, wie Timothée Chalamet sollten sich unbedingt diese Platte mal anhören.
Letztes Jahr lief im Kino die neu-restaurierte Doku "When You're Strange" von The Doors in den Kinos, und da wurde man noch mal an die Vielfältigkeit dieser Band und seinen charismatischen Sänger Jim Morrison erinnert. Der nostalgische, quirlige Orgel-Keyboard-Sound ist auch auf "They Told Me Jump, I Said How High" zu hören - rhythmisch spricht und hustet Sänger und Texter Ethan seine Lines über die betonte Basslinie, bevor er euphorisch in Morrisons-Manier ins Mikro schreit und das Gitarrensolo beginnt.
Der letzte Song krönt das Album mit der vollen Ladung Punk-Garage. In DIY-Laune holt die Band für "I'm Your Fiend" noch mal alles raus: Stimme, Gitarre und Schlagwerk bestens vereint. Man versucht, seine Emotionen in den Griff zu bekommen und hört dabei Joy Division. Nach nur zehn Songs ist Goldstar dann auch schon vorbei. Man möchte gerne mehr von dieser frischen Pop-Rock-Punk-Art und freut sich jetzt noch mal mehr auf die Live-Shows.


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