laut.de-Kritik
Starkes Westcoast-Material und zwei dumme Ausrutscher.
Review von Yannik GölzEigentlich sollten ein, zwei dumme Songs kein gutes Album zunichte machen. Man könnte sie als Ausrutscher abtun, als gut gedacht-schlecht gemacht, wie dem auch sei. Und dann könnte man es vielleicht ausblenden und "The Gentleman's Club" eine ganze Menge Kudos geben.
Denn im Grunde steckt in diesem Projekt viel, das man sich von YG erhoffen würde. "My Krazy Life" und "Still Brazy" haben ja vor etwa zehn Jahren gezeigt, dass in dem Kerl, den man bis dahin vor allem für die abgespecktesten aller DJ Mustard-Beats kannte, definitiv das Potenzial für einen Album-Artist steckt. Dieses Versprechen hat er nun eine Weile nicht unbedingt eingehalten - und dieses Projekt macht klare Anstalten, den Eindruck zu beheben.
Das liest man nicht nur an einer wirklich hochkarätigen und sehr geschmackvollen Feature-Liste ab. Tyler The Creator, Pusha T, Buddy, Ab-Soul, J.I.D - YG umgibt sich mit Lyrikern und mit Leuten, die mit Konzeptsongs umgehen können. Und Konzeptsongs will er schreiben. Klar sind da seine handelsüblichen Straßenhymnen und Partytracks ebenso vertreten, aber die größte Stärke liegt definitiv darin, dass YG auf diesem Projekt so sehr in Songwriting investiert, wie man es im Rapgenre gerade selten tut.
Das klingt jetzt wie nicht die höchste Hürde, aber: In Zeiten, in denen Punch-In die dominierende Recording-Technik ist, zerfließen viele Songs zu Freestyles, die gleichförmige, Vibe-starke Songs auf einen Beat nach dem anderen skizzieren. "The Gentleman's Club" ist definitiv nicht das. Es braucht nur einen Durchlauf und man kann die Trackliste sehr gut sortieren, die Tracks heben sich klanglich wie inhaltlich deutlich voneinander ab. Man spürt Spannungskurve und einen Hauch von Konzept.
Aber hier liegt auch der Hund begraben. Denn YG ist am Ende des Tages leider nicht der begnadete Lyriker.
Viel wurde schon über "Tiffany" gesprochen. Das ist ein richtiger Slick-Rick-ass-Storyteller über einen Kumpel, der eine Frau im Club mit nach Hause nimmt, die sich dann als trans entpuppt, worauf er versucht, sie umzubringen. Man hört dem Song schon an, dass er den Protagonisten nicht gerade als gutes Beispiel verkaufen möchte, und man glaubt auch nebulös zu merken, dass YG versucht, hier eine gewisse Empathie zu kreieren. Aber tatsächlich: Gut gewollt ist nicht gut gekonnt. Und man spürt den ganzen Track über, dass seine Empathie zur Frau wesentlich länger reisen muss als seine Empathie für den Typen.
Verse eins und zwei hat er die Perspektive und man soll wohl nachvollziehen können, wie irrsinnig er es findet, mit einer Trans-Frau zu schlafen. Und konzeptuell sollte dann der dritte Verse alles geradebiegen, in dem der Mann sie mit gezückter Knarre noch ein paar letzte Worte sprechen lässt. "I know it ain't an excuse, I know it ain't gon' change shit / This situation the strangest, but let me explain it", textet da jemand, dem man anmerkt, dass er jetzt kein ... Kenner der Trans-Erfahrung ist. Sie konkludiert dann: "I just wanna be loved, you pointin' your gun got me nervous / Selfish of me, I knew I was self-serving But let me go, I believe in God, I'm worth it / Please don't do it, I'm not perfect".
Das ist also unser Fazit: trans sein ist schon scheiße und weird und irgendwie auch egoistisch, aber sie haben's ja auch schwer und vielleicht verdienen sie den Tod nicht. Traurigerweise verschiebt er damit das Overton-Window zu diesem Thema sogar ein klein bisschen nach links, aber es suckt schon. Denn das Wohlwollen und ein gescheiter Track von jemanden wie YG hätte ehrlich viel zum Thema bewegen können. Stattdessen kriegen wir einen irgendwie bescheuerten Song, in dem er ungelenk eine Frauenstimme nachmacht und kontempliert, ob und inwiefern sie jetzt den Tod verdient.
Der andere Song, der inhaltlich auf die Fresse fliegt, ist "We Know The Truth". Für alle, die nicht ganz hip mit Westküsten-Lore sind: Vor ein paar Jahren wurde der Rapper Drakeo The Ruler ermordet - und viele von seinen Fans haben YG als Schuldigen identifiziert. Der äußert sich nun auf einem mit dem klassischen Drakeo-Slogan benannten Track zum Thema. Und er macht es so abfällig, ignorant und bescheuert, wie er nur kann. 'Keine Ahnung, was mit dem Hurensohn war, ich weiß von nichts', wäre die grobe Inhaltsangabe. Dazwischen gibt es einen superseltsamen Refrain, in dem er immer wieder "I'm at war, up the score" wiederholt (eine typische Aussage für jemand Unbeteiligten). "We Know The Truth" liest sich wie ein Disstrack, der gleichzeitig leugnet, in den Beef involviert zu sein. Seine einzige Äußerung zu einer ehrlichen Tragödie seiner Heimat ist also ein hingerotzter Track, der vor Abfälligkeit und Herabschauen trieft.
Ruinieren also diese beiden seltsame Tracks das Album? Nicht unbedingt. Aber sie entlarven strukturelle Schwierigkeiten. "The Gentleman's Club" zeigt einen YG mit einer gewissen Kendrick-Envy. Wir kriegen pseudocineastische Skits, Plot-Twist-Storyteller (oh krass, der Typ, den er so hasst, war eigentlich die ganze Zeit er selbst?!), Beatswitches. Und doch sind die besten Songs die am wenigsten konzeptuellen.
"OMG" mit Pusha-T ist ein erzgemeiner Banger, dessen Subbass perfekt fürs Autoradio kommt. Mit Tyler The Creator lässt er den "Whisper Song" der Ying Yang Twins neu aufleben. Er rappt selten so lebendig, wie wenn er sich Shoreline Mafia für einen Song übers Bumsen einlädt.
Ich glaube, YG ist einfach nicht der Typ, der kompliziert erzählte Storyteller über vier Parts strecken sollte. Selbst wenn man den Inhalt ausblenden würde: Er ist einfach kein wahnsinnig graziler Erzähler. Auch die Skits und der Konzeptrahmen fühlen sich klobig und ungeschickt an. "The Gentleman's Club" ist ein Album, das von seiner Ambition ebenso profitiert, wie es darunter leidet. Es bietet eine Menge richtig starken Westcoast-Materials. Und es bietet ebenso einen YG, der ein bisschen seine lyrische Kragenweite verschätzt.


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