laut.de-Kritik
Zuhause ist es doch am schönsten.
Review von Josephine Maria BayerAuch das kühnste Vagabundenleben braucht irgendwann eine Pause zum Innehalten. Dieser Gegensatz prägt auch die Songs der Brüder Brían und Diarmuid Mac Gloinn aus der irischen Kleinstadt Carlow. Als Ye Vagabonds haben sie sich seit über zehn Jahren einen festen Platz in der irischen und Folkszene erspielt und sich auch außerhalb der grünen Insel mittlerweile einen Namen gemacht. Ob an der Seite von Glen Hansard, Hozier oder boygenius: Die Liste namhafter Kollaborationen und Bewunderer wächst stetig. Dabei wirkt das Duo bis heute auffallend bescheiden und bodenständig.
Mit "All Tied Together" beweisen die Mac Gloinns erneut, warum ihre Indie-Folksongs immer größeren Anklang finden. Beide Brüder sind musikalische Alleskönner: Egal, welches Saiteninstrument man ihnen in die Hand drückt, sie werden es mit höchster Wahrscheinlichkeit zu spielen wissen. Und singen können sie auch noch. Das Erfolgsrezept der Mac Gloinns scheint so simpel wie wirkungsvoll: Ihr Repertoire greift alte Traditionals auf und verbindet sie mit Eigenkompositionen, die durch gesangliche Harmonien und raffinierte instrumentale Klangbilder zum Tagträumen einladen.
Der Charme der Ye Vagabonds liegt dabei nicht in ihrer Innovation, sondern in dem verspielten und respektvollen Umgang mit der irischen Folk-Tradition. So wirken die Lieder zugleich zeitlos und nostalgisch, vergleichbar mit einem rauchigen, über Jahre gereiften Whisky.
Die Aufnahmen für "All Tied Together" entstanden zwar in einem Hausstudio im beschaulichen Galway, jedoch keineswegs in Isolation: Produzent Phil Weinrobe brachte den Multiinstrumentalisten Shahzad Ismaily und mit ihm zehn weitere Instrumentalisten aus Brooklyn mit an Bord. Die kollektive kreative Energie schlägt sich in sphärischen und experimentellen Elementen nieder: Mal wie der Wind, rau oder flüsternd, mal dissonant und aufgeladen wie die Spannungen und Widersprüche des Lebens. "Gravity" widersetzt sich mit einem schwebenden Soundscape der Erdanziehung.
Streicher, Gitarre und Synths vermischen sich unaufdringlich im Hintergrund. "Four Walls" besticht mit Mandoline und Bouzouki. Wer ganz genau hinhört, vernimmt in "Young Again" eine Orgel. In "The Flood" sprudelt die Freude dank einer Violinen-Hook und kräftigen Percussion über. Der Fokus liegt in jedem ihrer Lieder jedoch auf dem Gesang und dem "Storytelling", einer alten irischen Tradition.
Bríans und Diarmuids ungekünstelte, warme Stimmen tragen die Stories des Albums. Diese handeln von real existierenden Menschen und Orten, jede Zeile bedeutungsschwer. "Alle diese Songs haben Adressen", sagt Diarmuid.
Der Kontrast zwischen ihrem ambitionierten Vagabundenleben, sowohl Name als auch Programm des Duos, und der Sehnsucht nach einer guten Tasse Tee in den eigenen "Four Walls" am Kaminfeuer wirkt dabei nicht widersprüchlich. Hier dürfen beide Sehnsüchte existieren und miteinander in einen wortlosen Dialog treten.
Meditativ, melancholisch, herzlich und zärtlich: Die Songtexte vereint eine spürbare Liebe zum Leben mit seinen Ecken und Kanten. Auch wenn die sanften Melodien zu Illusionen einer heilen Welt verleiten, scheinen sich die Sänger der diversen Holprigkeiten des Lebens bewusst. "I always forget about the rain": Wir Menschen sind doch unbelehrbar. Selbst Iren vergessen zuweilen ihren Regenschirm. Sowohl "Danny" als auch "I'll Keep Singing" beschäftigen sich mit Trauer und der Frage, wie man alten Wegbegleitern am passendsten gedenkt. "I'll keep singing after you're gone" lautet die Schlussfolgerung.
"All Tied Together" hebt sich nicht von den drei vorherigen Alben ab, sondern knüpft daran an. Ye Vagabonds sind im Kern Musiker der Irish-Trad-Tradition und erheben nicht den Anspruch, das Genre zu revolutionieren. Den größten Wiedererkennungswert dieses Albums bieten die heimeligen Hymnen "Cuckoo Storm" und "Where The Heart Lies": "This is where the heart lies, where the kettle boils." Es ist doch nirgends schöner als daheim. Vielleicht sind es ja gerade die Vagabunden, die von dieser feierlichen Erkenntnis ein Lied singen können.


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