laut.de-Kritik
So klänge wohl ein Rave auf Arrakis.
Review von Fabian BroicherStatisch ist bei Simon Green schon lange nichts mehr. Als Bonobo transzendiert der Brite die musikalischen Grenzen. Im Studio werkelt er an gefälligem Downtempo, seine Konzerte bestreitet er größtenteils als Bass-Virtuose samt futurejazzig aufspielender Band. Außerdem legt er als DJ auf und produziert für Acts wie Erykah Badu und Damon Albarn.
Den affenhauswarmen Clubs ist er längst entwachsen, beschallt mit seinen Wohlklang-Beats nun auch Kaffeehäuser, entspannte WG-Partys und pseudogesunde Schnellrestaurants. Trotzdem ist es ihm für zweieinhalb Dekaden gelungen, in beiden Welten relevant zu bleiben. Seine Musik, abseits der DJ-Sets und Remixe, bleibt dabei aber überraschend konstant. Seit "The North Borders" von 2013 unterscheiden sich die Alben nur noch in Nuancen.
Die Formel aus weltmusikalischen Samples, tanzbaren Beats und souligen Gesangsnummern setzt er zwar jedes Mal neu zusammen, die Summen ähneln sich allerdings sehr. Während "Migration" dank seiner Weltoffenheit brannte, ertrank "Fragments" 2022 eher in allzu wohlfeilen Klängen. Und auch "Distance In Static", Greens achtes Studioalbum, ändert daran erst mal nichts.
Da gibt es wieder die hanszimmerigen Instrumentals, wie etwa der Opener "Dawn". Dem harmlosen Breakbeat-Pop "Can't You See" leiht die aufstrebende Aanya Martin ihre Stimme. Dazwischen sorgen vernebelte Instrumentals à la Jon Hopkins für Abwechslung, "Uncasually" erzeugt mit weitem Spannungsbögen große Dynamik.
Im Grunde also alles beim Alten, oder? Nicht ganz, denn nach und nach entblättern sich die Klangschichten und offenbaren dahinter eine von Bonobos bis dato ambitioniertesten Produktionen. Durch "Shokoufeh" bauchtanzt sich ein Geigensample, das Green mit einem schlierigen Rhythmus unterlegt. So klänge wohl ein Rave auf Arrakis, dem Wüstenplaneten. "ID700", der unverhohlen gen Club schielt, wird von zerhackten Stimmen heimgesucht, als schwebten Geister um ihn herum. Und "Mercury", in dem Kanako Yamamoto asiatische Saiteninstrumente spielt, ergibt sich ganz dem Ambient, eine knietiefe Verbeugung vor Vangelis.
Auch beweist Green erneut, dass er ein gutes Händchen hat, um seinen Features eine gleichzeitig subversive wie liebevolle Bühne zu bauen. Besonders profitiert davon Arooj Aftab in "Fire On The Water", die zwar in Urdu singt, der Landessprache ihrer pakistanischen Heimat aber dank der luftigen Streicher und einem perlenden E-Piano alle Spuren ihrer Herkunft verwischt. Keine Weltmusik, sondern Musik der Welt. Stark!
Auf "Youth's Fountain" hingegen spielt Bonobo mit schlurfenden Drums, einem hüpfenden Bass und einem Bett aus Blech- und Holzbläsern der sprechsingenden Nilüfer Yanya direkt in die Karten.
Green hat bereits angekündigt, dass "Distance In Static" sein letztes klassisches Album sein könnte. Wie genau er künftig seine Musik darbieten möchte, hat er indes noch nicht genau definiert. "Es geht mir vor allem darum, das Musikersein von nun an neu zu definieren", wird er im Promotext zitiert. Es könnte Bonobo dabei helfen, seine eigene Stasis zu überwinden.


1 Kommentar mit 12 Antworten
Seine zwei ersten Alben höre ich mir immer noch gerne, aber die Rezension trifft es schon gut auf den Punkt. Seit über einer Dekade sind die Alben und EPs sehr kommerziell angehaucht, mit wenigen Überraschungen.
Es bleiben einem aber seine DJ Sets, die noch immer vieles im House und Downtempo in den Schatten stellen.
Besagte ersten beiden sind mir oft noch zu eindimensionial und zu eindeutig aus dem Beatbasteln für HH- und Rapmusik daher kommend... diese ganz eigene Magie zwischen Weltmusiksamples, absolut dringlichen Gastgesangsbeiträgen und eigener instrumentaler Virtuosität oszilliert für mich erst zwischen "Days to come" und "Black Sands" immer wieder zu Momenten musikalischer Perfektion, während es auf diesen beiden auch ohne jede zu vernehmende Anstrengung den heute so bekannten und beliebten Bonobo-character in der Musik zementiert.
"Black Sands" höre ich auch immer noch gerne. War mal auf einem Konzert von ihm, wo sie "Kiara" mit mehreren Streichern, einem Live Drummer, etc. als Intro benutzt haben. Funktionierte unglaublich gut.
Ich muss vielleicht wirklich nochmal in die anderen Alben reinhören. Ist schon was her.
Müsste bei mir ebenfalls gut bis zu 15 Jahre her sein, dass ich ihn mit mind. halbem Orchester live in der Darmstädter Markthalle(?) sah. "Immer wieder gerne" sagte ich damals laut in die Runde, auch wenn's dann bis heute leider doch nicht mehr dazu kam - sicher auch wegen der wie hier angemerkt seit "Northern Borders" einfach sehr angebiederten Veröffentlichungen. Wie er diese Stücke dann aber live arranghiert hat und das Ganze über das gesamte Set dann doch zuerst fast allen Anwesenden in die Hüften und danach erst durch die Hirnwindungen schoss - a class of its own.
Kenne Bonobo nicht, finde das hier hat Potential, mir ist es aber auch etwas zu easy-listening. Hätte interessanter sein können
@Puschel
Wenn Dir das hier gefällt, Du es aber lieber etwas experimenteller/unkommerzieller haben willst, dann würde ich empfehlen, nach "Balearic House" als Genre zu suchen.
Ist ähnlich vom World Music vibe her, hat noch tanzbarere Momente und ist oft weit experimenteller.
Würde mal in John Talabot's "Fin" reinhören, seinen DJ-Kicks Mix oder andere live DJ Mixes via Mixcloud, Soundcloud etc.;
Baby Mammoths Fabric Mix ("Fabric 18"), der aber mehr im Downtempo angesiedelt ist;
spätere Caribou Alben haben einen ähnlichen Stil (vocal samples + melodischer, exotischer House);
Sesssion Victim.
"Studio K7" ist allgemein das Label, dessen DJ-Kicks Reihe wohl noch am nächsten einen Bonobo Sound bietet.
Danke für die Tipps! Die DJ Kicks und Fabric Reihe sagt mir sogar was, habe ich hier und da mal reingehört.
Bei K7 sagen mir einige Künstler was, Kruder & Dorfmeister, Tosca, Dominik Eulberg - gutes Zeugs!
Die DJ Kicks-Ausgabe v. Kruder und Dorfmeister ist dabei geradezu exemplarisch als Beispiel für das, was AL-90i da anspricht. M.E. aber auch eine außergewöhnlich gut gelungene Ausgabe.
Ansonsten? Sollte Puschel noch Boards of Canada (insb. "The Campfire Headphase" u. drum herum) hören!
...und Edith sacht, dass Ninja Tune und Warp bis heute so die Label-Anlaufstellen sind, bei denen mensch grundsätzlich am ehesten Artververwandte von Bonobo finden kann, oft aber leider nicht in seiner Evolutionsstufe (Kwallided) und oft (zu) vieles auch so mit dem Anspruch der Fahrstuhlhintergrundbeschallung komponiert anscheinend.
Warp ist immer Pflichtprogramm!
Bei Bords of Canada habe ich mich auch schon sehr positiv geäußert!
))
https://laut.de/Boards-Of-Canada/Alben/Inf…
...oder einige Albeng der Thievery Corporation (wenn das Pendel auch mal deutlicher Richtung Reggae ausschlagen darf)!
...oder die "Danish & Blue" von Lilacs & Champagne (wenn dich unerwartet eingestreute, käsige 80er Gitarren-Soli nicht weiter aufregen)!
...oder die "Atol Scrap" von Arovane (die läuft eigentlich bei allen Menschen, die ich so kenne, relativ ohne Zwischenfälle durch)!
Thievery Corporation hab ich ganz vergessen! Ja, da wird man auch fündig. Ebenfalls ein Erlebnis Live, vor allem durch das Band Ensemble.
...oder die "Lektion #3" von Den Sorte Skole, wenn es nicht immer der Beat (Beat ist eh mies, genau wie Sex!
) sein muss, der deine positive Einstellung zu dieser Art Musik besiegelt.