laut.de-Kritik
Das Chaos ist hier Programm.
Review von Emil DröllMit ihrem Debüt "Take To The Skies" und dem späteren "The Spark" haben Enter Shikari ihren kreativen Rahmen wohl längst bis zum Anschlag gedehnt – es waren vielleicht die zwei besten, definitiv aber die zwei unterschiedlichsten Alben ihrer Karriere. Der naheliegende Vorwurf, die Briten würden sich für "Lose Your Self" einfach nur das Beste aus beiden Welten zusammenklauben, greift da zu kurz. Dieses Album greift nicht nur zu, es reißt sich gleich alles unter den Nagel. Und genau dadurch wird es zwangsläufig zu Zuckerbrot und Peitsche: Es ist nahezu ausgeschlossen, dass hier irgendwem alles gefällt. Und genau das macht die Platte so verdammt gut. Ein bisschen antithetisch? Geschenkt. Während man sich durch dieses musikalische Zuckerbrot frisst, ist das ohnehin egal.
Schon der Titeltrack macht keine Gefangenen: entspannt flirrende Synths, dann plötzlich Trip Hop- und Industrial-Anleihen. Man wartet auf den alles niederwalzenden Breakdown, der aber einfach nicht kommt. Stattdessen biegt der Song fast schon Richtung poppige Bring Me The Horizon ab, während im Hintergrund Dubstep, Trip Hop und sonstige Genre-Splitter miteinander kollidieren. Düster ist das Ganze sowieso, und das Ausbleiben des erwarteten Ausbruchs verstärkt dieses Gefühl nur noch.
"Find Out The Hard Way..." setzt dazu einen bewussten Kontrast: lebensbejahende Melodien, ein kurzer Ausflug in Indie Rock-Gefilde, wie man sie auf den jüngeren Shikari-Platten schon anklingen hörte. Aber wer glaubt, hier irgendwo anzukommen, irrt – und lernt es, wie der Titel verspricht, auf die harte Tour. In der zweiten Hälfte knallt plötzlich ein Metal-Riff rein, das sich erstaunlich organisch einfügt, nur um direkt wieder in luftigeren Rock zu zerfallen.
"Dead In The Water" zitiert wieder klassische Metalcore-Strukturen, während das Intro von "Demons" kurz so tut, als sei man auf dem belanglosesten Pop-Album des Jahres gelandet. Der folgende Elektro-Beat straft diesen Eindruck Lügen: Der Track pendelt zwischen tanzbarer Ekstase und melancholischem Pop und bleibt genau deshalb hängen.
Mit "The Flick Of A Switch I." wird es dystopisch: ein Dub-getränktes Klangkorsett, in dem verjährter Trancecore nur noch als ferner Schatten existiert. Generell fällt auf, dass die "klassischen" Shikari-Bausteine hier selten gleichzeitig auftreten, eher wie Einzelteile, die neu zusammengesetzt werden.
"I Can't Keep My Hands Clean" wirkt mit seiner Kürze und Eintönigkeit eher wie ein Interlude, während "It's OK" als Emo-Ballade startet und sich durch Spoken-Word-Passagen aufbrechen lässt. Der zweite Flick Of The Switch beginnt beinahe ambienthaft und kippt am Ende in einen Industrial-Brecher, der schlicht Spaß macht.
"Shipwrecked!" baut erneut düstere Spannung auf, nur um sie in poppigen Strukturen aufzulösen. Danach folgt die "Spaceship Earth"-Trilogie: "(I. Avec Abandon)" schwankt zwischen Synth-Spielereien und Hardrock-Attacken, "(II. Angoscioso)" reduziert sich fast vollständig auf seine Vocals.
Der Abschluss "(III. Maestoso)" setzt schließlich auf Bläser und Streicher-Synths, ein Song, der auf dem Papier überhaupt nicht auf dieses Album passen dürfte, es aber erstaunlich stimmig beendet. Am Ende liefern Enter Shikari einmal mehr ein absurd vielseitiges, eigenständiges Werk in einer Zeit, in der vieles nur noch homogen vor sich hin plätschert. Und trotz dieser stilistischen Zersplitterung klingt "Lose Your Self" unverkennbar nach ihnen, was fast schon an eine kleine Meisterleistung grenzt.
Von absoluter Lärmbelästigung über Indie bis hin zu spacigem Trance ist hier irgendwie alles vertreten. Der entscheidende Unterschied: Das wirkt nie wie anbiedernde Vielseitigkeit, sondern tatsächlich wie Persönlichkeit. Andere Bands würden aus so einem Album eine komplette Identität stricken, Shikari werfen es scheinbar nebenbei in ihren Katalog. Ohne Ankündigung.


12 Kommentare mit 17 Antworten
Brillante Band, kreativ und kompromisslos bis zum Anschlag, wird gehört.
Bin auch grad schon dabei. Sehr nice!
Unbedingt auch mal live anschauen, die sind ne Wucht! Ich hab sie schon 2008 das erst mal gesehen, immer wieder ein fettes Erlebnis.
Der Rezi ist nichts hinzuzufügen. Das Wochenende ist gerettet.
Freu mich auf die Tour im Herbst.
Kompromisslos! Xhaka!
Kann sein, dass ich in einen für mich falschen Entwicklungsschritt einsteige. Aber klingt für mich wie der unkommerziellere Nährboden für Schrott wie Electric Callboy.
Kann nicht nur sein, sondern ist so.
Enter Shikari sind Nintendo-Core.
Also die Musik von Super Mario I-III
war auf jeden Fall besser als
das Geenterte Shakri... Shakiri...Shakira...Shaq...
ach, egal.
Knall ihn einfach rein, Lord.
https://www.youtube.com/watch?v=NAhJor6C4ik
So ganz verstehe ich die sich überschlagende Begeisterung in Rezi und Kommentaren hier auch nicht. Reißt mich jetzt nicht vom Hocker, auch wenn das Album sicherlich handwerklich gut und zudem musikalisch vielfältig ist.
Vielleicht reicht hier ein unangekündigter Release ja schon für einen kleinen Hype....
Hype? Hat da jemand „Turnstile“ gesagt?
Viele richtig catchy Songs. Könnte härter sein, ist aber eben ein Stilmix, den sie anbieten. Cooler shadow drop
Klingt wie der, im Keta-Rausch gezeugte, Basstard von In Flames, Skrillex, Coldplay und Pendulum - macht mir richtig Bock!