laut.de-Kritik

Vom Upside Down ins Gitarrenchaos.

Review von

Für die meisten bleibt Finn Wolfhard wohl für immer Mike Wheeler aus "Stranger Things". Es ist so erstaunlich, wie viele musikalische Talente diese Serie hervorgebracht hat: Maya Hawke hat vor kurzem ein Album herausgebracht, Joe Keery ist mit seinem Projekt Djo in den vergangenen Jahren international durchgestartet – und nun legt auch Finn Wolfhard mit einem weiteren Album nach. Aber es handelt sich hierbei nicht um irgendein gehyptes Nebenprojekt, sondern um wirklich starke Musik.

Wolfhard musiziert bereits, seit er sieben Jahre alt ist, und gründete mit gerade einmal 13 Jahren seine erste Garage-Rock-Band Calpurnia. Später folgten The Aubreys. Mit "Fire From The Hip" veröffentlicht er nun sein zweites Soloalbum – insgesamt bereits das sechste Werk, wenn man seine bisherigen Bands und EPs mitzählt.

Dass Gitarren dabei die Hauptrolle spielen, überrascht nicht. "Kinda the only thing I ever really spent money on", sagt Wolfhard selbst über seine Sammlung. Während der Aufnahmen im legendären Pachyderm Studio – jenem Ort, an dem Nirvanas In Utero entstand – stapelten sich die Instrumente derart im Raum, dass einer seiner Tontechniker irgendwann im Chaos versank. Er solle sich doch einfach für eine Gitarre entscheiden und diese für das ganze Album benutzen, forderte er. "No, actually no, no way", war Finns Antwort darauf. Dieses Gitarrenchaos ist definitiv eine Entscheidung, die man dem Album anhört.

Denn Fire From The Hip lebt von seinen Gitarren. Mal kratzig und schroff, dann wieder schimmernd und verträumt ziehen sie sich durch die Songs. Die Einflüsse liegen offen auf dem Tisch: Bob Dylan, George Harrison, Aimee Mann und Elliott Smith. Immer wieder wollte Wolfhard laut eigener Aussage einen typischen "New Order bass tone" einfangen – besonders in den mittleren Albumtracks schimmern diese post-punkigen Grooves deutlich durch.

Inhaltlich beschäftigt sich Wolfhard mit Abschieden, Heimat und dem Erwachsenwerden. Besonders eindrucksvoll gelingt das auf "Tunnels". Ausgangspunkt ist seine Angst vor dem Tod, die ausgerechnet ein Gespräch mit "Stranger Things"-Kollege Gaten Matarazzo relativierte. Dessen einfacher Gedanke – "Erinnerst du dich an die Zeit vor deiner Geburt?" – wurde zur zentralen Zeile des Songs: "I said I was afraid of death / You said remember before your birth." Gleichzeitig verarbeitet Wolfhard hier auch das Ende von "Stranger Things". Der Titel bezieht sich auf einen Tunnel in seiner damaligen Nachbarschaft in Atlanta – wo die Serie größtenteils gedreht wurde. Musikalisch gehört "Tunnels" ebenfalls zu den Höhepunkten. Die Gitarren sind schrill, rau und shoegazig. Gerade hier zeigt sich, wie sehr seine leicht brüchige Stimme von diesem Gitarrensound profitiert.

Für einen ruhigen Gegenpol sorgt "Trail". Lediglich eine Akustikgitarre und eine sanfte weibliche Harmoniestimme bestimmen den Song, dessen Atmosphäre sehr folkig wirkt. Direkt danach folgt mit "Crater" der Kontrast: Laut aufgedrehte Gitarrenwände, dichter Shoegaze und ein deutlich rauerer Sound reißen die zuvor aufgebaute Ruhe sofort wieder ein.

Auch textlich bleibt das Album persönlich. "Nice To Meet You Again" erzählt von Wolfhards Rückkehr nach Vancouver nach Jahren des Reisens und Arbeitens in den USA. Es geht um das eigenartige Gefühl, sich der eigenen Heimat neu vorstellen zu müssen – alten Freunden ebenso wie sich selbst. "The Climb (Not That One)" – der Titel grenzt sich augenzwinkernd von Miley Cyrus' Hit ab – verarbeitet dagegen das Ende einer engen Freundschaft. Wolfhard beschreibt den Song selbst als Warnung vor männlichem Stolz und der Sturheit, Beziehungen für das Bedürfnis, Recht zu behalten, aufs Spiel zu setzen.

Mit welchem Hintergrund auch immer Finn auf diese Idee gekommen ist: Er hat es geschafft, nicht nur Miley Cyrus in diesem Album unterzubringen, sondern auch noch einen legendären popkulturellen Moment zu vertonen. "I sing country music / So thank you so much for giving me a chance to win a VMA award", sagte Taylor Swift 2009 in ihrer Dankesrede bei der Award-Show, bevor sie von Kanye West unterbrochen wurde: "Yo, Taylor, I'm really happy for you, I'll let you finish / But Beyoncé had one of the best videos of all time." Ein bis heute völlig absurder Moment– und ich würde zu gerne wissen, welche Gedanken im Vorfeld dazu geführt haben, ausgerechnet dieses Meme in den ersten Song des Albums einzubauen.

Fire From The Hip ist kein Album, das ständig nach Aufmerksamkeit schreit. Es setzt vielmehr auf Atmosphäre, starke Melodien und Gitarren, die gleichzeitig kantig und warm klingen. Ein Album, an das ich ohne große Erwartungen herangegangen bin, das mich aber völlig überzeugt hat. Wolfhard reist musikalisch durch die Zeit und bedient sich an den Sounds vergangener Jahrzehnte, ohne dabei wie eine bloße Kopie zu wirken. Vor allem aber beweist er, dass seine musikalische Karriere längst nicht mehr nur eine Randnotiz zu seiner Schauspielkarriere ist.

Trackliste

  1. 1. I’ll Let You Finish
  2. 2. Common Side Effects
  3. 3. Lights Go Down
  4. 4. Follow
  5. 5. Tunnels
  6. 6. Trail
  7. 7. Crater
  8. 8. Oscilloscope
  9. 9. Maggie
  10. 10. Nice To Meet You Again
  11. 11. Good Morning
  12. 12. The Climb (Not That One)

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2 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Stunden

    Heeeeey, ist das nicht das süße Kind aus dieser einen Serie?

    • Vor 2 Stunden

      Man sollte gerade als infantiler Schauspieler frühzeitig den Absprung von seiner prägenden Rolle finden. Man tut ja auch den Zuschauern keinen Gefallen damit, Ihnen eine konsequente Weiterentwicklung des Darstellers (Nicht Serienkind!) zu verweigern. Ich fand's immer super, wenn der Eine nochmal woanders zu sehen gewesen ist und damit weitere Facetten zeigen konnte.
      Fred Savage und Malcullay Culkin haben ihre Absprünge ja auch nur ganz schwach moderieren können, was sehr schade ist, denn sie waren in jungen Jahren begnadete Schauspieler.

    • Vor einer Stunde

      Meine Empfehlung: Der Distelfink. Starke Rolle, starker Film...

    • Vor einer Stunde

      Da bleib ich lieber bei Wieselflink.

    • Vor 42 Sekunden

      Ach, das ist doch der mit Amsel Elgort.

  • Vor einer Stunde

    "Während der Aufnahmen im legendären Pachyderm Studio – jenem Ort, an dem Nirvanas In Utero entstand – stapelten sich die Instrumente derart im Raum, dass einer seiner Tontechniker irgendwann im Chaos versank."

    Ach ja, the power of money. :-(