laut.de-Kritik

Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl.

Review von

Es gibt diese Abende, an denen man bei Bekannten auf der Terrasse sitzt, die Sonne geht unter und es läuft Musik, die klingt wie eine Vanille-Duftkerze mit der Aufschrift "Dankbarkeit". Auf dem Gartentisch steht eine Schale mit Deko-Steinen, irgendwo hängt ein Schild mit "Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl". Genau dort wohnt Florian Künstler.

Sein Deutschpop bewegt sich irgendwo zwischen Johannes Oerding, Tim Bendzko und Ben Zucker – also genau an der Grenze, an der Singer/Songwriter langsam in den Schlager kippen. Viel Klavier, viel Akustikgitarre, sanfte Drums, im Refrain zuverlässig der euphorische "Oh-oh-oh"-Chor. Das klingt alles sauber produziert, und auch wenn ich nicht besonders stolz darauf bin, hatte ich zwischendurch sogar einen kleinen Ohrwurm. Shit is catchy, oder so.

Der Titelsong "Alles Nur Geliehen" liefert nicht nur die Erkenntnis, dass Materialismus nicht alles ist – augenöffnend, ich weiß –, sondern erklärt gleich zu Beginn auch noch, dass offenbar selbst die Texte hier "nur geliehen" sind. Florian Künstler schreibt keine Songs, er vertont die Holzschilder, die im Eingangsbereich von Nanu-Nana zwischen "Home is where the heart is" und "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum" hängen.

"Groß Geworden" handelt vom Erwachsenwerden der Kinder und malt Bilder vom ersten Schultag bis zum leeren Kinderzimmer. Das Licht im Flur bleibt natürlich an und es herrscht kein Chaos mehr. Irritierend wird es allerdings, wenn wenige Songs später "Wenn Ich Einmal Kinder Hab" folgt. Also gibt es jetzt Nachwuchs, dem man beim Großwerden zuschaut? Für den man das Licht anlässt? "Eine Tochter, ein Sohn wär schön vielleicht", "Wenn ich einmal Kinder hab, dann werde ich sie lieben" – ich bin so verwirrt.

Auf dem Album gibt es insgesamt drei Features. Neben 1986zig, der immerhin noch eine erkennbare zweite Farbe ins Spiel bringt, bleiben die anderen beiden Kollaborationen von LORI und SOPHIA erstaunlich blass. Die krass deepe Message, die 1986zig in "Kirschblüten" beisteuert: "Der erste Schritt ist manchmal schwer" und "Die Zeit rennt, ich renn ihr hinterher". Gänsehaut.

"Wehe Du Gibst Auf" nervt dann endgültig. "Der Kampf, den du kämpfst, ist der schwerste auf der Welt / der Kampf gegen dich selbst." Natürlich ist die Botschaft gut gemeint, wirkt aber ungefähr so differenziert wie ein Motivationsposter im Fitnessstudio.

Dabei nimmt man Künstler vieles ab, wenn man seine Biografie kennt. Nach schwieriger Kindheit, Pflegefamilie und Zeit auf der Straße wirkt hier kein kalkulierter Popstar, sondern ein Typ mit Gitarre, der seine Geschichte erzählt. Das Problem: Er erzählt sie mittlerweile mit der sprachlichen Eleganz eines KI-generierten Poetry Slams. Und man fragt sich irgendwann, wie es ihm trotz all dieser Erfahrungen gelingt, seine Gefühle konsequent in maximal allgemeinverträgliche Sätze zu übersetzen.

Überhaupt scheint jede Lebenslage auf diesem Album dieselbe Lösung zu kennen. "Es Gibt Ein Danach" beantwortet alle zuvor aufgebauten Konflikte mit einem freundlichen Schulterklopfen. Ich freue mich auf das Danach – das nach diesem Album.

Dabei blitzt musikalisch durchaus Potenzial auf. Einzelne Gitarrenparts funktionieren, die Klaviermelodien sind angenehm und die raue Stimme Künstlers erzeugt Nähe. Auch als Person wirkt er in Interviews sympathisch und authentisch, geht offen mit seinen Themen um. Gerade deshalb ist es so schade, wie sprachlich ungefährlich und flach das alles bleibt.

Vielleicht liegt genau darin der Erfolg von Florian Künstler. Seine Songs fordern niemanden heraus. Sie wollen umarmen, trösten, Taschentücher reichen und versprechen, dass schon alles irgendwie gut wird. Wer darin Halt findet, bekommt hier 35 Minuten zuverlässig produzierten Schmusepop.

Für alle anderen bleibt "Alles Nur Geliehen" vor allem eines: ein Album voller Sätze, die man schon tausendmal gehört hat – und erstaunlich wenig musikalischer Spannung.

Trackliste

  1. 1. Alles Nur Geliehen
  2. 2. Groß Geworden
  3. 3. Kirschblüten ft. 1986zig
  4. 4. Das Alles Ist Passiert
  5. 5. Wehe Du Gibst Auf
  6. 6. Fremd Auf Der Party ft. SOPHIA
  7. 7. So Lang Nicht Mehr Getanzt
  8. 8. Weil Ich Dir Begegnet Bin ft. LORI
  9. 9. Es Gibt Ein Danach
  10. 10. Glaub Mir Ich Bin Da
  11. 11. Wenn Ich Einmal Kinder Habe
  12. 12. Fuck Ich Liebe Dich
  13. 13. Sag Es Weiter

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4 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 5 Tagen

    Es ist in diesen herausfordernden Zeiten sehr wichtig, dass man (menschlich gesehen) ein Mensch bleibt.

    • Vor 5 Tagen

      In Zeiten von fehlender Verbindlichkeit eröffnet uns Florian Kuenstler eine völlig neue Perspektive in Form eines wunderbar zur aktuellen gesellschaftlichen Spaltung passenden Albumtitels, den die Prinzen leider schon uneindeutig anders-euphemistisch mit Hilfe ihres Welthits formulierten. Denn, wie es ja auch unter Juristen oft heißt, die halbe Wahrheit ist tausend Mal schlimmer als die ganze Lüge, ist es auch hier schon immer so gewesen, dass das Geliehende tausend mal schlimmer ist, als das Geklaute. Ich jedenfalls möchte keine Energie mehr auf Hoffnung verwenden, jemandem hinterher zu rennen, sondern die Verantwortung lieber komplett strafrechtlich an die Behörden übergeben, sodass ich direkt einen Ansprechpartner hab, an den ich mich wenden kann und der mich entsprechend an die Hand nimmt.

  • Vor 5 Tagen

    Also der Schriftzug ist viiiel zu lesbar. Daran erkenne ich, dass er sich dem Massenpublikum anbiedert! :whisky:

  • Vor 5 Tagen

    Künstler ist tatsächlich sein Nachname. Ich wollte schon zynisch werden.

    • Vor 5 Tagen

      Wahrscheinlich hat er von seiner Kunstlehrerin oft gehört, dass er besonders begabt sein muss und es möglicherweise genetische Hinweise diesbezüglich gäbe, aufgrund der bekannten Praxis, insbesondere im Mittelalter, Nachnamen nach Fähigkeit oder Berufsstand zu verteilen oder sich anzueignen/ausleihen. Das Unterbewusstsein konstruiert hier gut gerne eine zunächst im jungen Erwachsenenalter subtile Rebellion, die wegen der einsetzenden Bequemlichkeit im mittleren Alter ebenfalls gut und gerne ins Offensichtliche abdriften kann, wobei man aber auch hier konstatieren muss, dass zwei Sterne die erwähnte und womöglich intendierte Rebellion dann ebenfalls vielversprechend versenkt haben. Um Ergänzungen der hiesigen Fachkraft wird erbeten.

    • Vor 5 Tagen

      Seht, es ist Florian Künstler! Gleich neben Fabian HabwasOrdentlichesgelernt!

    • Vor 4 Tagen

      Seht, es ist Florian Künstler! Gleich neben Ella MachBitteWofürDuLeidenschaftHastSonstEndestDuImBÜroUndVerschickstExcelTabellenWährendDuDeinenLaut.deAccountBedienst.