laut.de-Kritik

Sommerende: auf Wave-Kurs.

Review von

Auf "Desintegration" zollten Klez.e 2017 "Disintegration" von The Cure ihren Tribut. Textlich begann die Platte im Jahr 1989, dem Erscheinungsjahr des Cure-Klassikers und endete in der düsteren Gegenwart. Auf "Erregung" präsentierte sich Band um den in Ost-Berlin geborenen und in Mecklenburg-Vorpommern lebenden Sänger und Texter Tobias Siebert etwas leichtfüßiger, ohne an Dringlichkeit einzubüßen. Auch mit "Einmal Mehr Mit Dir Gegen Die Furcht" hält die Formation, wie das gruftige Albumcover unmissverständlich verdeutlicht, ihren Wave-Kurs.

"Hymnus" leitet mit eben solchen Keyboards, stoischen Drums, tiefen Bass- und nebelverhangenen Saitentönen das Album in bester "Plainsong"-Manier ein. Dabei reflektiert Siebert textlich über den bisher zurückgelegten Weg, aber auch über die aktuelle politische Situation und wie man ihr begegnen kann, während der Gemeinschaftsgedanke, der sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht, hervorragend zur Geltung kommt.

In "Melancholia" bildet den Abschied vom Sommer, der sich zur Sommersonnenwende viel zu früh einstellt. Dennoch beklagt Siebert den Zustand nicht. Eher dient die Melancholie als Fels in der Brandung. Die für Klez.e-Verhältnisse fast schon fröhlichen, tanzbaren Melodien, die an "Just Like Heaven" erinnern, unterstreichen die inhaltliche Stimmung.

"Ich Seh Es An Mir" orientiert sich mit harten, aggressiven Sounds an die Tracks von "Pornography", während Siebert einen kritischen Blick auf die moderne Konsumgesellschaft wirft und geht auch mit sich selbst hart ins Gericht. "Mailied" reißt mit trüben Tönen in bester "Faith"-Manier noch mehr in die Tiefe, wagt aber textlich den Blick nach vorne, wenn es um das Loslassen geht. Mehr poppige Leichtigkeit bekommt man wieder mit "Call It Love" geboten.

"La Boum" lässt nicht nur an die gleichnamige Teenie-Komödie denken, sondern versprüht mit süßlichen, getragenen Harmonien auch eine Menge Nostalgie. Inhaltlich beschwört Siebert dabei kollektiven Widerstand in politisch schweren Zeiten, so dass das Stück erfolgreich die Brücke zur Gegenwart schlägt. "Das Paradies", dessen Zeilen sich gut auf das aktuelle gesellschaftliche Klima übertragen lassen, gerät wieder deutlich aggressiver und dringlicher. Etwas Hoffnung weht aber dennoch durch den Song, ebenso wie im trotzigen "Das Eine Treffen Im Jahr".

"Einer Mehr Im Zement" bildet sowas wie die Klez.e-Version von "Fascination Street" und handelt davon, im Leben eingemauert, aufgrund von gesellschaftlichen Erwartungen oder aus Bequemlichkeit, festzustecken. Die an Nirvana gemahnenden "Hallo, hallo, hallo"-Rufe wirken wie ein Aufruf, sich von den eigenen Fesseln zu befreien.

Das von elegischen Sounds und traurigen, marschartigen Rhythmen durchzogene "Im Herbst" knüpft an "Mauern", den Eröffnungsstück von "Desintegration", an, was eventuell darauf hindeutet, dass "Einmal Mehr Mit Dir Gegen Die Furcht" das letzte Album im The Cure-Stil sein könnte. Damals beklagte Siebert den Verfall des sozialen Gespürs. Heute zeigt er sich "von all dem Westglück" erschöpft.

Dementsprechend appelliert das Werk daran, näher zusammenzurücken, auch wenn so ziemlich alles vor die Hunde geht. Trotz aller Tiefgründigkeit, die die Platte wieder einmal versprüht, lässt sich aber nicht verleugnen, dass sich beim Hören an manchen Stellen ein gewisser Sättigungseffekt einstellt. Zumal die Scheibe musikalisch nicht ganz die Höhen der Vorgänger erreicht. Zudem geht so manche Textzeile im viel zu lauten Sound etwas unter, ähnlich The Cures aktuellem Album "Songs Of A Lost World".

Trotzdem bewegt sich die Musik immer noch auf einem sehr hohen Niveau, so dass Klez.e nach wie vor eine der feinsinnigsten und besten deutschsprachigen Bands bleiben. Beim nächsten Werk darf die Formation aber gerne alte Gewohnheiten hinter sich lassen und etwas mutiger und experimentierfreudiger agieren.

Trackliste

  1. 1. Hymnus
  2. 2. Melancholia
  3. 3. Ich Seh Es An Mir
  4. 4. Mailied
  5. 5. Call It Love
  6. 6. La Boum
  7. 7. Das Paradies
  8. 8. Das Eine Treffen Im Jahr
  9. 9. Einer Mehr Im Zement
  10. 10. Im Herbst

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1 Kommentar mit 3 Antworten

  • Vor 2 Stunden

    Ach, Klez.e und die Alben seit 2017... schlecht finden kann ich sie nicht, weil ich The Cure zu gut finde und gut finden kann ich sie auch nicht, weil ich The Cure zu gut finde.

    Klez.e ist mir derzeit musikalisch einfach ein bisschen zu dicht an The Cure ohne ganz deren Qualität zu erreichen oder sich auch nur davon abzuheben. Das aber auf technisch hohem Niveau und absolut nicht "The Cure bei Wish bestellt" – wenn es The Cure nicht gäbe, würde ich sie wohl gnadenlos abfeiern.

    So reiht sich dieses Album leider in die Reihe der letzten recht epigonesken Alben der Band ein, die mich erst interessiert aufhorchen lassen, dann aber doch ein wenig – ich muss es leider so sagen – langweilen. Trotz der guten Texte und Themen und musikalischen Gefälligkeit.
    Da fand ich vieles von den alten Sachen und Sieberts Nebenprojekt And the Golden Choir interessanter und richtig gut.

    Aber wenn es das ist, was sie gerade gerne machen wollen, ist das vielleicht nich meins, aber sie scheinen große Freude damit zu haben und sicherlich begeistertere Hörer finden. Und ich werde sie mir im September auf der Tour auch sehr gerne live angucken.