laut.de-Kritik
Der Stern der Briten strahlt in den Balladen am hellsten.
Review von Toni HennigDie Veröffentlichung des letzten Mesh-Albums "Looking Skyward" liegt schon fast zehn Jahre zurück. Nun entschädigen die Briten ihre Fans mit "The Truth Doesn't Matter", das ganze sechzehn Songs enthält.
Dabei zeigt sich die Band ungewohnt politisch. Mesh hinterfragen die beängstigenden aktuellen Entwicklungen, das Zusammenspiel aus KI und Social Media, das uns zweifeln lässt, ob "das, was wir sehen, real ist", wie sie in einem Interview für die Monkeypress betonen. Aber auch intime und persönliche Songs haben es auf die Platte geschafft.
Das Titelstück stellt zwar noch eine recht schleppende Angelegenheit dar. Trotzdem kommt aber schon das besondere Gespür des Duos für einnehmende, eingängige Melodien deutlich zur Geltung. Die warme Produktion und das dynamische Mastering sind wieder mal ein Genuss. Eine bestimmte Band aus Basildon, mit der man Mesh immer wieder vergleicht, sollte sich mittlerweile daran ein Beispiel nehmen.
In "A Storm Is Coming" treffen dagegen harte Dancefloorbeats auf stürmische Vocals von Mark Hockings. Mehr von ihrer ruhigen, intimen Seite zeigt die Formation in "I Lost A Friend Today", das vom Verlust eines Freundes handelt.
"Polygraph" stellt ein kurzes Intermezzo dar, bestehend aus orchestralen elektronischen Arrangements und dunklen Pianotönen. "Trying To Save You" verbindet 80s-Klänge mit emotionalem Gesang. "Bury Me Again" mit Elektronik/Industrial-Musikerin Mari Kattman erweist sich als gefühlvolles, fast schon souliges Duett, das ganz klar zu den Highlights des Albums zählt. "I Bleed Through You" und "Kill Us With Silence" gehen wütend, fast schon rockig nach vorne.
Nach dem kurzen Electro-Intermezzo "1031030" folgt mit "This World" das nächste Highlight, das von einer hymnischen, ziemlich umwerfenden Melodie lebt, die man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt. "Exile" wildert in Future Pop-Gefilden, entwickelt aber genauso viel Ohrwurmpotential. Demgegenüber zündet "Hey Stranger", das das Wiedersehen mit einem alten Freund zum Thema hat, mit seiner Mischung aus behäbigen Rhythmen und Marc Almond-Theatralik nicht so richtig.
Das kurze "Cipher" durchziehen düstere Industrial-Töne. In "Not Everyone Is Lonely" spielt das Duo wieder mal seine hymnischen Qualitäten aus, während man bei den ergänzenden Background-Vocals schon ziemlich genau hinhören muss, ob es sich nicht um Dave Gahan höchstpersönlich handelt. Mit "Be Kind" setzen Mesh einen versöhnlichen Schlusspunkt.
Sicherlich erfinden die Briten auch mit diesem Album das musikalische Rad nicht neu. Dafür bietet die Scheibe wieder einmal für Synthpop-Verhältnisse viel Abwechslung bei Umschiffung jeglicher Klischees. Gerade in den Balladen strahlt der Stern Meshs mittlerweile am hellsten. Genre-Liebhaber sollten sich diesen Leckerbissen nicht entgehen lassen.


4 Kommentare mit 17 Antworten
Gefällt mir schon ziemlich gut, allerdings höre ich so etwas lieber mit ner ordentlichen Portion Gruftie Note. Daher würde ich doch tausend Mal eher zu Solar Fake oder Diary of Dreams zugreifen
Dieser Kommentar wurde vor 19 Tagen durch den Autor entfernt.
Dieser Kommentar wurde vor 19 Tagen durch den Autor entfernt.
Neue Diorama kommt glaube ich nächste Woche und die Single war schon mal sehr gut. Inwieweit dir das gruftig genug sein wird, weiß ich aber nicht. Hauptkopf Torben Wendt war übrigens mal bei Diary Of Dreams involviert.
Diorama mag ich auch sehr, nicht alles von denen, gibt aber sehr viel gutes! Richtig vernarrt war ich damals in die Musik von Namnambulu. Sehr schade, dass die sich verstritten haben
Hör ich auch mal bei gesteigerter Lust darauf. Mein Bedarf an Mesh ist nach der langen Review letzten Herbst immernoch gedeckt.
Welche lange Review vom letzten Herbst?
Von mir, bin noch gesättigt
https://ancientcave.blogspot.com/2025/11/w…
Ok, danke. Das kann ich verstehen, wenn man sich so intensiv mit einem Album auseinandergesetzt hat. Für wen oder was ist euer Blog - wenn ich fragen darf - gedacht? Gibt es da einen roten Faden?
Der blog ist als eine Art Gedankentagebuch gedacht, folgte vor 8-10 Jahren noch einer teilweise fortlaufenden Struktur. Doch spätestens nach Stephans Tod ist das totaler freejazz (war aber grundsätzlich schon immer so eigentlich, gerade seine Beiträge)
Ich finde deinen Schreibstil in der Review beinahe lyrisch. Das fällt hier nicht so auf.
Deswegen der blog. Wenn ich darauf Bock habe, hab ich dort die Bühne. Immer so zu schreiben, entwertet den Stil auf Dauer und wäre auch unpassend in lockerer Konversation.
Das stimmt.
Joa. Habt ihr viele Leser auf dem Blog?
Früher waren es mehr, da wurde auch mehr Werbung gemacht auf anderen Seiten, Foren, social media etc Hab ich komplett eingestellt, poste hier mal einen Link wenn es was neues gibt und das wars. Gibt aber Stammleser und solange es auch nur eine Person interessiert, hat sich es schon gelohnt.
Ich war massiv geschockt als ich Einblick erhielt in die Metriken. Mit so viel Lesern hatte ich nicht gerechnet. Danach ist etwas abgefallen, si. Und ja, ich muss mal wieder schreiben oder halt veröffentlichen
War jemand bei denen im Konzert? Die waren doch jetzt gerade hier in D.
Exzellent! Für mich schon jetzt das (Synthpop)-Album des Jahres. Ich skippe da keinen einzigen Track.
Schwanke zwischen Mesh und Diorama. Sind beide klasse und ziemlich super vom Sound, wenn auch völlig verschieden. Definitiv will ich mich, was Synthpop angeht, noch nicht festlegen. Vielleicht wartet ja noch eine Überraschung.
Ja, tatsächlich auch sehr gut. Danke für den Tipp!
Das Mesh-Album bleibt jedoch mein Favorit.