laut.de-Kritik
Karamell mit extra reduziertem Soul-Anteil.
Review von Philipp KauseIm kleinen Kämmerchen hätten die Instrumente gar nicht alle Platz, die Michael Kiwanuka auf "Fudge" zusammen pfercht. Doch die Texte wirken völlig introspektiv und manchmal wie das Tagebuch eines zurückgezogenen verliebten Teenagers. Hier präsentiert der Londoner Soul-Sänger, 39 Jahre, das Gegenteil dessen, was andere in zwölfköpfigen Ghostwriter-Teams von links nach rechts kneten. Sein Album handelt von der Liebe, einer Fixierung auf eine Partnerin, gemäß dem Track "Sing", oder wohl doch eine ehemalige, wenn man "Move In My Direction" zugrunde legt. Was es dieses Mal nicht ist, und das wird wohl auch eingefleischte langjährige Fans verwundern, ist Soul.
Barock-Pop (mit "California" und "Summer Clothes" als besten Beispielen), Tagtraum-Folk ("Steve's Paradise" vorne dran), zarte Kammermusik ("Love In My Heart"), lange Lieder (mehrmals fünf, sechs, sieben Minuten) und Soundtrack-Dramatik wie im symphonischen "Just Another Moment" sind Kiwanukas Spielwiesen 2026. Cello, Akustikgitarre, Piano illustrieren Herzschläge, Paradies und das Gefühl zu fliegen, "You Sent Me Flying". "Fudge" ist eine sauber produzierte, handwerklich äußerst hochwertige Platte. Sie hat Momente wie bei "Move In My Direction", da kann man sich gut vorstellen: Wenn das jemand in 50 Jahren einmal ausbuddelt, wird das wohl so gewichtet werden wie Nick Drake oder ähnliches Kaliber aus heutiger Sicht.
Die Sache mit einem historisch bedeutsamen Kunstwerk ist jedoch: Ist es innovativ und beschreitet neue Pfade, dann beeinflusst es bestenfalls andere, setzt Maßstäbe und zielt übers Publikum hinaus als Ausstrahlung eines musician's musician auf die eigene Szene. Das ist hier nun weniger zu erwarten. Denn der Grad an Erfindungsreichtum tendiert gegen Null. Und ein Teil des bisherigen Publikums dürfte sich enttäuscht abwenden, weil sich "Fudge" immer wieder im Kitsch verliert, herrlichem Kitsch, aber eben doch solchem, der sich die Walker Brothers zum Vorbild nimmt. "Love In My Heart" als eines der besten Stücke pulsiert behutsam durch eine glitzernde vorweihnachtliche Atmosphäre. Mit Crooner-Tonfall intoniert Kiwanuka anlässlich des Herzschmerzes, "the pain I feel inside, when you're not here".
Das Intro zu "Summer Clothes", eine Sprachnachricht, referiert über den künstlerischen Anspruch der Scheibe. Ein anderer Musiker, der anonym bleibt, berät Michael Kiwanuka: Dieser solle keine Musik machen, von der er die Einschätzung habe, dass sie anderen Leuten gefalle - sondern herausfinden, was er selber möge und genau das dann weiter verfolgen. Kiwanuka legt sein fünftes Album vor, bisher kochten alle mehr oder minder im gleichen Saft, und der war von Bill Withers, Donny Hathaway, aber immer auch von ausgeschmückten Arrangements geprägt, die Gefahr liefen, over the top zu landen.
Dabei blieb der Soul immer bestimmend und hegte den Glamour ein. Das Genre hielt die Klangfülle schlank genug. Nun herrscht auf einmal Soul-Verzicht. Bei "Fudge" schwillt zu relativ langsamen Tempi mitunter allzu oft während der Stücke der Streicher-Anteil an, die Intensität und Lautstärke, in der die Strings beigemischt werden. Sobald es sich da lediglich um ein einzelnes Cello handelt, passt das noch ganz gut. Das Cello genießt gerade seine Hochkonjunktur, Heather Nova tourte zuletzt nur mit einer Cellistin, Tricky steht drauf, Kristin Hersh mittlerweile ganz massiv. Bei Kollegin Celeste, deren Karriere hierzulande als Support-Act Kiwanukas startete, haben wohl eher Produzent(en) und Label die Streicher aufgedrückt, von denen sie sich live und in einem Interview wieder distanzierte.
Trotz feinstem Pling-Pling und viel Dynamik in einigen Tracks tritt Michael Kiwanuka dem Risiko der Monotonie nicht wirkungsvoll entgegen. Too much ist halt auch nicht gut. Seine Stimme ist schön, aber auf Dauer sediert sie, vor allem wenn er stets in gemächlichem Tempo verharrt und immer wieder über gebrochene Herzen und unstillbares Verlangen sinniert. Das Strickmuster mehrerer Stücke ist, dass sie unscheinbar und acoustic/unplugged, sanft, gedämpft, teils hölzern, anfangen und dann zu einer goldenen Prunk-Dekoration und manchmal sogar einem quietschenden Ende (bei "Drowning In Your Heart") oder einer arg länglichen Gestaltung (in "Just Another Moment") umschwenken.
Um in Schlichtheit zu betören, nutzt Michael aber auch manche Gelegenheit, etwa in "Across The Sky". Besonders stark gerät trotz braver Strophen der Chorus des fast übersteuerten Songs "Stars", der Alternative-Rock mit dem klebrigen Karamell-Konzept des übrigen Longplayers garniert. Zwischen den frühen Turin Brakes, Garage-Riffs und dem späten Peter Frampton steuert Kiwanuka durch eine sehr coole Dramaturgie.
Mit smarten Bässen, fester Stimme, kernig angezupfter Gitarre und kristallinem Geklimper gleitet "Swings And Roundabouts" von einem besinnlichen Einstieg über einen charismatischen Mittelteil zum lässigen Ende des Songs und dieser Platte. "Fudge" ist eine pinke und eine gute Platte, die ordentlich Luft nach oben lässt, sofern man den Vorgänger als Messlatte anlegt. Es handelt sich fast nur um langsame Liebeslieder. Dennoch wird die LP alle beglücken, die "Let It Be" fürs beste Werk der Beatles halten und eventuell neue Hörer*Innenkreise bei Josephine Foster- und Mozart-Fans erschließen.


3 Kommentare mit 10 Antworten
Innovativ im klassischen Sinne war Michael Kiwanuka nie. Aber wen kümmert das? Der Mann besitzt etwas viel Selteneres: Eine Seele und die Fähigkeit, Musik zu machen, die tröstet und die eventuell bleibt.
Er besitzt ne Seele? Krass. Finde auch Musik toll, die eventuell bleibt. Muss ich unbedingt mal checken.
Ich weiss natürlich, dass das, was wir früher stolz „Seelenleben“ oder „menschliche Tiefe“ nannten, in Wahrheit vollständig von Molekülen und Hormonen gesteuert wird. Stirbt die Libido oder sinkt der Serotoninspiegel, bricht das gesamte vermeintliche spirituelle Fundament des Menschen zusammen. Der Mensch ist eine biologische Maschine, deren Verschleiß und Verfall unausweichlich sind.
Ja ja, Untergang des Abendlandes. Lösch dich...
In einer Welt, in der die KI den Menschen schneller ersetzt als gedacht, wird für „echten“ Soul eventuell kein Platz mehr sein. Dies würde ich aber nicht als Tragödie, sondern als unvermeidbares Symptom einer hyper-effizienten westlichen Zivilisation betrachten.
Für was bist du eigentlich das Symptom?
Ich bin das Fieberthermometer in einem Patienten, der felsenfest davon überzeugt ist, dass er kerngesund ist, während er phantasiert.
Eventuell bist du nur zu tief in den Patienten reingeflutscht, ma sagen.
Eventuell.
Bleibt die Frage, wie der Patient, in dessen Rektum es sich Peterchen so schön bequem gemacht hat heißt.
Maximilian, Alice, Tino, Björn oder ist es vielleicht doch gar Patient Zero Wladimir?
"Ich bin der Schrecken, der die Nacht durchflattert. Ich bin das Fieberthermometer in einem Patienten, der phantasiert. Ich bin Darkwing Duck."
"Ich bin der Schrecken, der die Nacht durchflattert. Ich bin das Fieberthermometer in einem Patienten, der phantasiert. Ich bin Darkwing Duck."
Klingt, als wenn Thilo von Lacrimosa beim Texte schreiben einen ganz schlechten Tag gefunden hätte.