laut.de-Kritik
Der endgültige Herzinfarkt der Gitarren-Boomer.
Review von Ben SchiwekPolyphia als das Feindbild einer Gitarrengeneration zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas übertrieben. Als sie ihre ersten Platten machten, war das noch hauptsächlich etwas für Nerds der Saiteninstrumente, die bemerkten: Die können echt krass spielen! Spätestens ab "New Levels New Devils" wurde der Stil dann aber so eigenständig, dass es für manche wie ein Aufatmen war: Endlich eine virtuose Instrumental-Rockband, die nicht wie ein Prog-Wallpaper klingt!
Ob man nun oversized Streetwear-Hoodies, Gesichtstattoos und übertrieben glamouröse Visuals aus dem Kopf eines Stoners, der zu viele Animes schaut, fühlte, war nebensächlich. Tim Henson und co. fielen musikalisch auf, weil sie mit Trap-Produzent:innen zusammenarbeiteten, eine bunte und gänzlich digitale Ästhetik fuhren und trotz all der Virtuosität eben doch Pop und Tanzbarkeit verstanden. Die Melodien gingen ins Ohr, auch wenn sie sich gern mal sehr komplex verwickelten. Es groovte wie Hölle, aber eben nicht auf die typische Prog-Art. Stattdessen hatte ihr Spielstil einen Swag, den man so eher aus dem Hip Hop kennt; privat hört Tim Henson ja auch hauptsächlich Ami-Rap. Wie er selbst mal sagte: Auch wenn manche das als Math Rock bezeichnen würden, haben Polyphia nur Songs im 4/4-Takt geschrieben.
Für andere war diese Musik schon immer großer Schmuh. Sei es für Fans von Satriani, Clapton und co., die sich von Tim Hensons scherzhaften Kommentare über Gitarren-"Boomer" angegriffen fühlten. Oder sei es für Fans weniger virtuoser Musik, denen das zu viele Noten und zu wenig Gefühl war. Polyphia haben schon immer Leute verärgert. Und nun scheinen sie mit "Be Not Afraid" sogar einige ihrer eigenen Fans und Sympathisant:innen zu verschrecken.
Es ist nicht schwer zu erkennen, warum. "Be Not Afraid" ist bei weitem ihr gewagtestes Album. Es ist bisher am meisten "zu viel", und das nicht mal, weil sie so viele virtuose Soli spielen. Tatsächlich legen sie diesen Aspekt hier ein wenig in den Hintergrund, auch wenn sie immer noch verrückt kompliziert spielen. Auf "Be Not Afraid" nimmt aber vor allem die Produktion den Fokus und das ist auch gut so, denn: Virtuosität erzählt sich irgendwann aus; klangliche Ästhetik und Vermischung von Farben hingegen, das war schon immer eine Stärke von Polyphia. Ich habe sie nie nur dafür gefeiert, weil ich dachte: "Alter, wie geil schwer zu spielen war das gerade!" Sondern weil es so ein bunter Cocktail aus Stilen, Rhythmen, Texturen und Melodien war, der in den besten Momenten einfach glüht.
Die Produktion auf diesem Album wird aber verständlicherweise viele abschrecken. EDM-Synths springen umher, 808s und Trap-Drums übersteuern trommelfellzerfetzend, die Gitarren ertrinken in Wahwah, Pitchshifter und sämtlichen anderen digitalen Effekten, dazwischen plärren irgendwelche Gospel-Samples. Wer das als absolut unhörbaren Earrape sieht, den kann ich verstehen, vor allem auf einer Länge von zwölf Tracks. Prätentiös und übertrieben ist es ebenfalls, keine Frage. Polyphia sagen selbst: "Wir haben uns keine Sorgen darüber gemacht, ob etwas zu ungewöhnlich war oder ob die Leute es verstehen würden." Und ganz ehrlich: Gut so.
Ich kaufe ihnen ehrlich ab, dass sie genau das hier machen wollten. Wenn man sich diese vier Dudes als Privatpersonen anschaut, wirkt ihr Humor so, als würde er genauso klingen. Sie sprechen von sich selbst als "America's Band", schauen Family Guy beim Gitarre-Aufnehmen und drehen Reels, in denen sie ihre Jawline flexen. Die Produktion auf "Be Not Afraid" mit seinen übersteuerten Bässen klingt wie genau so ein verdammtes Looksmaxxing-Reel. Dieses Album ist eindeutig aus einem Brainrot-Zeitalter entstanden und versucht laut Polyphia auch, die abgründigen und widerwärtigen Seiten unserer Gesellschaft widerzuspiegeln. Daher schmückt beispielsweise das Bild von Donald Trump und Jeffrey Epstein das Video-Thumbnail zu "Can You Feel It".
Da kommt auch das kirchliche Thema ins Spiel. Neben den erwähnten Gospel-Samples tragen die Songs Namen von biblischen Phrasen, es ertönen feierliche Bläser und Chöre. Ein Kanye-Einfluss lässt sich da nicht bestreiten, der ist ohnehin einer von Polyphias größten Inspirationen und hat schon für Songs wie "O.D." als Vorlage gedient. Auf Albumlänge fühlen sich diese religiösen Anleihen etwas nach einem Gimmick an, das sie zwingend überall durchziehen müssen. Manche der Samples klingen auch eher eingesprochen als irgendwo im Internet gefunden. An einigen Stellen funktioniert es aber auch gut und bietet einen skurrilen Kontrast, etwa wenn die Band Gospelchöre mehrere Oktaven hochpitcht und dadurch geradezu gruselig klingen lässt.
"Let There Be Light" liefert einen gelungenen und für Polyphia-Alben gewohnt pompösen Einstieg, als würden die Messiasse der Saiten-Instrumente von ihren Wolken herabsteigen. Ansonsten bietet der Song viel Abwechslung zwischen Djent-Riffs, Slap-Bass, sehr tanzwütigen Hi-Hats und Gitarrenleads, die wie wuselige Synths klingen. "They Know Not What They Do" bietet manche der wenigen Stellen des Albums, wo man mal ein wenig Ruhe hat und hauptsächlich Tim Hensons glasklarer Akustikgitarre lauschen kann. Eine der tatsächlich himmlischsten Stellen des Albums, auch wenn dieser Himmel bewusst nach CGI-Wolken und Michelangelo-Engeln klingt – das ist pure Polyphia-Ästhetik.
In die Hölle geht's dann direkt im nächsten "Mark Of The Beast", das sich dieser Teufel-Thematik mit wunderbaren Metal-Persiflagen widmet. Denn diese Gitarren sind verzerrter und nastier als kaum etwas anderes auf dem Album, was schon etwas heißen will. Wären Polyphia in diesem Track noch etwas konsistenter bei der Heaviness geblieben, wäre das schön, doch leider verliert der Song sich irgendwann in zu vielen unterschiedlichen Teilen, bis er am Ende eher wie eine Parodie auf "Candy Shop" oder "SexyBack" klingt.
Das ist ein allgemeines Problem auf "Be Not Afraid": Polyphia wollen so viel Chaos und Kreativität abbilden, dass sie manchmal in zu viel Abwechslung abdriften. Songs wie "Near Death" oder "J-Bomb" sind total richtungslos und lassen das Album eher wie eine große Suppe ohne klare Songstrukturen wirken. Das hilft bei diesem überfordernden Soundbild nicht gerade.
Denn so dope ich vieles hier finde, es kann auf Albumlänge schon echt anstrengend werden. Die Dynamik ist meistens direkt von 0 auf 100 bis 110, Gnade lassen Polyphia kaum walten. Nur mit anständigen Kopfhörern oder Boxen ergibt dieses Album Sinn, und dann muss man schon auch in einem aufnahmefähigen Modus sein. Wer das mit Handylautsprechern hört, hat ohnehin absolut verloren.
Dennoch möchte ich eine Lanze für dieses Album brechen. Dass Polyphia sich nicht zurückhalten, hat manche ihrer wildesten und kreativsten Momente bisher zu Tage gebracht. Wie cool Thumping-Techniken nach Animals-As-Leaders-Vorbild im Kontext von EDM klingen können, hätte man nicht gedacht. Wie ähnlich sich Nylonstring-Gitarren und Trance-Synthesizer sein können, auch nicht. Das ist eine interessantere Richtung als die der letzten Platte, wo die Band einfach viele Gesangsgäste reindrückte. So runde Prog-Popsongs wie "O.D." oder "Playing God" gibt es hier zwar nicht mehr, aber catchy, groovy und vor allem spaßig sind Songs wie "Can You Feel It" immer noch. Wer auch im brainrot-verseuchtesten Gehirn noch sämtliche Regionen gekitzelt bekommen haben will, könnte dem etwas abgewinnen, Fans von Hyperpop, Skrillex oder Jane Remover ebenfalls. Gitarrenlehrer:innen wohl eher nicht.


8 Kommentare mit 2 Antworten
Die perfekte Untermalung für Insta-Reels.
Nur auf die Gitarren bezogen ruft das für mich Erinnerungen an Yngwie Malmsteen wach. Schnell, technisch, null Seele.
Ihr versteht das ja nur nicht, weil ihr alle alte Säcke seid
https://youtu.be/sfOzTl1pVyg?si=DhvINygqmY…
Verstehe diese Musik nicht. Ist vermutlich handgespielt und dann in der daw so verbogen, dass sie klingt, als wäre sie programmiert. Warum dann nicht gleich programmieren?
Warum überhaupt Musik machen und es nicht die KI übernehmen lassen? Antwort: es sind Musiker...
Gehen konsequent ihren Weg, wie dereinst Steve Vai mit Passion & Warfare. Like it
Alles in einen Topf werfen, was da ist, und gucken, was passiert: Wieso klauen Polyphia jetzt mein Standardrezept aus Studi-Zeiten
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