laut.de-Kritik

Rebellisch, knurrig, unkaputtbar.

Review von

"To the status quo, it's to your dismay, Rock'n'roll animal, gonna come your way": Herrlich großmäulig und direkt wie eh und je taucht er vor uns auf. Verschwitzt, tätowiert, unverwüstliche Frise und die Coolness in Person: Mike Ness. Der ikonische Fronter und Hauptsongwriter einer der dienstältesten US-Punkbands, der rebellische Straßenpoet mit der unverkennbar knurrenden Stimme, nun steht er wieder vor seinen Mitstreitern und es scheint, als wären sie nie weg gewesen: Social Distortion.

Obwohl stattliche 15 Jahre zwischen "Hard Times And Nursery Rhymes" (2011) und ihrem achten Album "Born To Kill" liegen, kann weder von unerwünschten (Weiter-) Entwicklungen, aber noch weniger von Altersmilde die Rede sein. Mit unheilvollem, sicherlich obligatorischem Gitarrenfeedback rumpelt der Titeltrack mit einer unbändigen, saftigen Energie aus den Speakern und gefällt augenblicklich als trotzige Kampfansage im etablierten Stil. Der unverwechselbare Gitarrensound im Vordergrund, Drums und Bass als stabiles Fundament und das raspelnde Gesangsorgan stacheln sich gegenseitig auf. Trotz eher unspektakulärer Riffs entsteht eine spürbare Spannung. Gelegentlich doppelstimmiger Gesang, typische Soli an den richtigen Stellen, alles passt zusammen.

Mit "No Way Out" halten zwei weitere SD-Signaturen Einzug in das ohnehin schon einnehmende Wesen des Albums. Die wunderbar einfachen Soli-Riffs und die Kunst, aus einem wirklich eher simplen Song eine Hymne zu machen. Mit geschlossenen Augen fühlt es sich an eine Fahrt im 1954er Chevrolet auf dem Küstenhighway, mit heruntergelassenen Scheiben, ziellos in Richtung irgendwo. Kaum eine andere Band, schon gar keine aus einem eher limitierten Genre wie diesem, entwirft solch starke Bilder.

Die ersten ruhigeren Töne schlägt "The Way Things Were" an und zusammen mit dem träumerischen Schmachtfetzen "Don't Keep Me Hanging On" kredenzt uns die Band hier wieder waschechte Ness-Balladen. Nicht nur die schlichten, wunderschönen Melodien, die leicht räudige Melancholie und das staubige Pathos machen diese Songs so besonders, sondern auch die Poesie im Storytelling. Wieder erzählt er die gleiche Geschichte und wieder hören wir aufmerksam zu. "As the night falls, we shed a tear watching all our freedoms disappear / And we said, 'Goodbye' to the way things were."

Wer sich mit den Soloalben des Bandchefs oder mit dem "Prison Bound"-Album der Band aus dem Jahr 1988 auseinandergesetzt hat, kennt sein Faible für Countrymusik. Waren es bei den vorigen Alben eher Anleihen und Einflüsse, liefert Ness mit "Crazy Dreamer" nun eine schlonzige Schnulze vor dem Herrn ab, die den Album-Flow auf den ersten Eindruck ausbremst. Mit der Zeit fügt sich der Country-Track dank sympathischem Geschrammel und der angenehmen Gaststimme von Lucinda Williams aber doch gut ins Album ein.

Als absolute Highlights glänzen die beiden Evergreens "Tonight" und "Never Goin' Back Again". Hier findet sich alles, was man an Social Distortion je lieben gelernt und die ganzen letzten Jahre unbewusst vermisst hat. Es passiert nicht wirklich viel, es sind aber auch keine kompositorischen Verrenkungen notwendig, wenn man solch einfache, emotionale, eingängige und nachhaltige Rocksongs aus dem Ärmel schüttelt. Hin und wieder trifft man auf doppelte Gesangsharmonien, leichte Variationen in der Instrumentierung und trotz ihrer Bodenständigkeit sehr abwechslungsreiche Soli.

In "Over You" kommt leichtes 50s-Feeling auf, in "Walk Away (Don't Look Back)" Erinnerungen an US-Proto-Punk und sogar vereinzelt an den europäischen Schweinerock, doch nie in einer Deutlichkeit, die den ursprünglichen Stil der Kalifornier überschatten würde. Nur das Chris Isaak-Cover von "Wicked Game" hätte vielleicht nicht unbedingt sein müssen. An diesem Stück haben sich schon zu viele Künstler*innen mehr oder weniger erfolgreich vergangen und die vorliegende Version wirkt arg zahm und nah am Original. Am Ende aber nur ein kleiner Schönheitsfehler an einem überaus gelungenen Album-Comeback.

Trackliste

  1. 1. Born To Kill
  2. 2. No Way Out
  3. 3. The Way Things Were
  4. 4. Tonight
  5. 5. Partners In Crime
  6. 6. Crazy Dreamer
  7. 7. Wicked Game
  8. 8. Walk Away (Don't Look Back)
  9. 9. Never Goin' Back Again
  10. 10. Don't Keep Me Hanging On
  11. 11. Over You

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