laut.de-Kritik

Die stilbildende Neu-Definition von Noiserock.

Review von

Im Sommer 1988 war der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl im darauffolgenden November noch völlig offen. US-Präsident Ronald Reagan durfte nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren, für die Republikaner sollte George Bush (Senior) antreten. Sein Kontrahent auf Seiten der Demokraten hieß Michael Dukakis, ein ehemaliger Hochschullehrer mit griechischer Abstammung, der sich als Hardliner zu inszenieren versuchte und kolossal scheitern sollte.

In New York träumte derweil eine No-Wave-Band, der von der New York Times attestiert wurde, die "ursprünglichste Gitarrenmusik seit Jimi Hendrix" auszuhecken, von einem ganz anderen Präsidenten: J. Mascis, der damals schon ziemlich haarige Frontmann von Dinosaur Jr., die im gleichen Jahr noch das Album "Bug" mit dem Alternative-Hit "Freak Scene" veröffentlichten. Zumindest in einer subkulturellen Utopie, in der mit Fender-Gitarren, Effektpedalen und Marshall-Verstärkern Staat gemacht wird.

Arbeitstitel des Songs, in dem eine Agitation gegen tatenlose Politik und die Altvorderen aus dem satten, weichgespülten Hardrock-Segment (zu der Zeit: Def Leppard, Van Halen, Guns N' Roses, Bon Jovi) durchaus mitschwingen sollte: "Rock And Roll For President". Aus ihm wurde auf "Daydream Nation", dem fünften und mit 70 Minuten Spielzeit bis heute mannigfaltigsten Studio-Album von Sonic Youth, der Song, ach was, das Manifest: "Teen Age Riot".

Schließlich sollte sich herausstellen, dass Sonic Youth und ihre Waffenbrüder wie die Pixies, Dinosaur Jr. oder My Bloody Valentine mit einem extrem krachigen und dabei doch harmonisch-introvertierten Gitarrensound eine "Revenge Of The Nerds" anzettelten, die im September 1991 in der Pop-Grimasse "Smells Like Teen Spirit" gipfeln sollte. Der Präsidentenpalast von J Mascis jedenfalls wurde ziemlich schnell vom besonders verrohten Konterrevolutionär Kurt Cobain gestürmt. Ideengeschichtlich ist "Smells Like Teen Spirit" ohne "Teen Age Riot" nicht denkbar.

Denn es war Thurston Moore, der Nirvana 1989 nach ihrem ungestümen Debüt "Bleach" an Geffen Records vermittelt hatte. Und Sonic Youth hatten Nirvana 1991, in "The Year Punk Broke", als Vorband mit nach Europa genommen und ihnen dadurch einen entscheidenen Karrierekick verliehen. Während Kurt Cobain in der Folge an der Rolle des Jesus Christ Superstar zugrunde gehen sollte, manövrierten sich Sonic Youth in den 90er-Jahren vom "Kool Thing" mit immer abstrakteren Krach- und Jazz-Improvisationen langsam aber sicher ins Abseits.

Der Zenit, da sind sich kunstsinnige und eher brünftige Fans von Sonic Youth ziemlich einig, war und ist "Daydream Nation". Also noch einmal zurück zum Start: Allein dieser poetische Einstieg von "Teen Age Riot", gehaucht von Kim Gordon, der damals unübertrefflichen Venus des American Underground: "You're it, no you're it / Say it, don't spray it / Miss me, don't dismiss me / Spirit desire" - immer wieder - "Spirit desire". Und dann: "We will fall".

Es folgt das definitive Sonic-Youth-Riff: zu verzerrt für die alte Tante Rock'n'Roll, zu slackerhaft für den Hardcore Punk von der Westcoast, dessen DIY-Attitüde Sonic Youth durchaus transportierten. Und auch viel zu einpeitschend für ein Nischendasein in der New Yorker Avantgarde: "Teenage riot in a public Station / Gonna fight and tear it up in a hypernation for you."

Der Sound und der Ideenreichtum lose existierender US-Szenen der 80er-Jahre schwollen in "Daydream Nation" zu einer gewaltigen Feedback-Flut zusammen, die alles mit sich reißen und zugleich für die nächste Generation an Noise- und Experimental-Bands stilbildend sein sollte.

Zudem gespickt mit literarischen und künstlerischen Verweisen (das Cover mit der Richter-Kerze! Das Gemälde wurde 2011 für über zwölf Millionen Euro weiterverkauft) und ohne Scheu vor der konzeptionellen Gigantonomie des Progressive Rock – man höre nur die 14-minütige "Trilogy" am Ende. Dazwischen feministisch grollende Krach-Hymnen wie "Silver Rocket", "'Cross The Breeze" oder "Total Trash".

Keine Frage, die Veröffentlichung von "Daydream Nation" ist für die Geschichtsschreibung der amerikanischen Popkultur ähnlich bedeutsam wie die französische Revolution für die Entwicklung hin zu einer friedfertigen Demokratie. Auch, wenn es manchmal cooler wäre, wenn einfach nur J Mascis regieren würde.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Teen Age Riot
  2. 2. Silver Rocket
  3. 3. The Sprawl
  4. 4. 'Cross The Breeze
  5. 5. Eric's Trip
  6. 6. Total Trash
  7. 7. Hey Joni
  8. 8. Providence
  9. 9. Candle
  10. 10. Rain King
  11. 11. Kissability
  12. 12. Trilogy

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21 Kommentare mit 74 Antworten

  • Vor 12 Jahren

    da wartet man jahrelang auf diese review... dann is man ma en paar wochen nich online und schon verpass ichs...

  • Vor 12 Jahren

    Ich dachte, ihr lasst den lautuser die Rezension schreiben. Der Meilenstein geht für "Daydream Nation" an Billy Corgan und seine Smashing Pumpkins!
    Waaas, das waren Sonic Youth? Warte, ich blätter kurz durch den lauti-Ausredenkatalog. Ah, hier haben wir was:
    a) Wer soviel Musik hört wie der lautuser, ständig auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, was man in Deutschland im Alleingang etablieren könnte, der kann auch schon mal die Trendbands vertauschen, die er vor 20, 25 Jahren hier groß gemacht hat.
    b) Sonic Youth? Smashing Pumpkins? Eh alles derselbe Emorotz-Vorläufer, leicht zu verwechseln, kann jedem passieren. Hab die trotzdem beide überhaupt erst bekannt gemacht in Deutschland.
    c) Der überflash damals war so fett, flashig, fresh, dass wir, die das ja damals selbst miterlebt, quasi überhaupt erst aufgebaut und ermöglicht haben, uns bis heute nix mehr gescheit merken können.
    d) Ich habe das nie gesagt. Zeig mir 3 Beiträge, in denen ich das verwechselt haben soll, die prüfe ich dann, erkläre sie für nicht ausreichend beweiskräftig und bleibe bei meiner Meinung.
    laut.de 4.0 (?) schön und gut, aber dass ihr seit nunmehr 3 Versionen mit jedem Relaunch immer wieder auf den gleichen Haus- und Hoftroll setzt: In jeder neuen Inkarnation weniger amüsant, mehr ermüdend.

    • Vor 12 Jahren

      Nanu, was hat souli denn wieder für ein Problem. All das was er da schreibt entspricht so gar nicht meiner Art. Mich dünkt da gehört einige Semester Fern-Grundstudium nachgeholt. Fresh natürlich. Pff..

    • Vor 12 Jahren

      Der arme Soulburn hat eine Überdosis Lautuser-Beiträge in seinem Leben lesen müssen. Man kann ihm nur beipflichten.
      Aber Respekt, eine so genaue Analyse von Spackenheiners Beiträgen hab ich hier noch nicht gesehen. Wird Zeit, dass der Troll endgültig gesperrt wird.

    • Vor 12 Jahren

      wer ist denn die mauer? Ne Öse?
      Ansonsten: Ja, der arme Souli, war tatsächlich mit vorgehaltener Waffe gezwungen meine Beiträge zu lesen - und kann mich (auf Grund fehlender Fach-Bildung) immernoch nicht richtig einordnen. :)
      Und ja, man sollte mich zwingend sperren, bitte mal Gründe sammeln und an info at laut.de schicken, wird dann sicher gemacht. Aight.

    • Vor 12 Jahren

      Nicht wieder, immer noch! Du bist der gleiche, deine Scheiße ist die gleiche, deine Rechtfertigungen, Ausflüchte, deine dummen unqualifizierten Kommentare und Verwechsler, deine dilettantisch gestützten Meinungen wider besseres Wissen, das vorgeschobene oberflächliche geheuchelte Interesse an Musik und Künstlern, wann immer man dir vorwirft, du produzierst dich hier nur selbst - was du in der Tat seit Jahren unermüdlich tust. So unermüdlich du dabei bist, so ermüdend wirkt das auf mich. Und ja, du gehörst durchaus zu der Sorte Mensch, die damals rumliefen und sämtliche möglichen und unmöglichen Begebenheiten mit Ausdrücken wie "fresh" quittierten.
      Aber da hilft ja wie immer die substanzinduzierte retrograde teilweise Amnesie - dank Langzeitkifferei heute nur noch an die Taten in der Vergangenheit erinnern, anhand derer man sich heutzutage noch als Macker inszenieren kann. Alles, was heute mit Fremdscham belächelt wurde - klar, das hast du dir damals schon geflissentlich gespart. Gähn. Letzter Urlaubstag, ich cruise noch ne Runde durch die Straßen von Los Santos.

    • Vor 12 Jahren

      lol, wie aufgeregt er ist.
      Souli, besser Du lernst Menschen zu ignorieren, besonders im Internet. Sollte jeder erwachsene Mensch können. Und als angeblicher Super-Psychologe erst recht.
      Komm klar und zock weiter Konsole, Du Hirni. :)

    • Vor 12 Jahren

      Ich reg mich nicht auf, dass liest du da hinein. Das ist sachlich und nüchtern so, wie du dich hier gebärdest, mehr nicht. Du Wicht. Ey zieh dir rein Rhymes, ey! Skills und Styles und so und überhaupt, allah! Zieh dir rein, Rhymes, ey!

    • Vor 12 Jahren

      Du redest wirr, mein Guter.. Bitte lass mich künftig einfach in Ruhe und therapier Dich an jemand anderem. Danke.

    • Vor 12 Jahren

      Ich hab mal ne Mail an Nike geschickt mit der Forderung, Billy Corgan solle sich zu diesem Meilenstein äußern.
      3 Tage Schonfrist hat er.

    • Vor 12 Jahren

      Morphi: hehe, sehr schön, Du diggst den shit, ziehst Dir Rhymes rein, Skills und Styles, Du Kifferresthirn, whut whut. :)

    • Vor 12 Jahren

      @Morpho:
      ich sag bescheid wenn er sich im Chat meldet.

    • Vor 12 Jahren

      ich glaube soulburn hat zu lange an den wolfs-zitzen genuckelt

    • Vor 12 Jahren

      Absolut nachvollziehbare Reaktion auf den Schwachkopf aus der Eifel. Der Stuemper erinnert sich natuerlich noch nicht mal mehr dran, was es mit der SY/SP-Sache ueberhaupt auf sich hat.

    • Vor 12 Jahren

      Baudi:
      Ach komm, ich weiß ja dass Du mich übertrieben scheiße findest (was mir nebenbei gesagt immernoch ein völliges Rätsel ist), aber so ein pseudo-psychologisches Geseier wie das vom gutem Souli ist ja wohl wirklich nur noch verquerer Ausdruck von Unzufriedenheit, Neid und einem kleinen Ego. Wäre er wirklich so ein superduper Typ hätte er sicher besseres zu tun als mir hier nachzustalken und auf Therapie zu tun.

  • Vor 3 Stunden

    Was ein sch... Album! Aber immerhin klingt es noch halbwegs nach Musik, ganz im Gegensatz zu den Vorgängern dieses Machwerks!