laut.de-Kritik

Der klangliche Höhepunkt der Big Sound-Ära.

Review von

Vor ungefähr fünfzehn Jahren reanimierte Michael Gira die Swans neu und leitete so die Big Sound-Ära der Band ein. Danach lenkt er die Formation jedoch in eine deutlich ruhigere und intimere Richtung. "Newly Sentient Being" bildet nun den krönenden Abschluss der letzten eineinhalb Jahrzehnte und umfasst fünf Stücke, aufgenommen am 28. November 2025 im Berliner Festsaal Kreuzberg, die, was die Gesamtlänge betrifft, bei anderen Bands locker vier Studioalben ergeben hätten. Dabei handelt es sich bei drei Stücken um Tracks, die es noch nie auf einer regulären Scheibe der US-Amerikaner gab, während man "The Merge" und "Paradise Is Mine" von "Birthing" und "The Beggar" kennt.

"The End Of Forgetting" beginnt mit markanten Akustik- und Steelgitarrenklängen sowie den beschwörenden Vocals Giras recht leise. Nach und nach verdichtet sich die Musik immer mehr. Ab der Mitte spielt sich, angetrieben von Phil Puleos fulminantem Schlagzeugspiel und hier und da von ruhigen Gesangspassagen unterbrochen, die Band in einem wahren instrumentalen Rausch.

Dabei wirkt die Nummer wie ein Querschnitt durch fast das gesamte Schaffen der US-Amerikaner, von den ätherischen, gothartigen Sounds von "Children Of God" über die folkigen und melancholischen Töne von "White Light From The Mouth Of Infinity" bis hin zu den eruptiven Klangexplosionen späterer Platten wie "The Seer".

"The Merge" erkennt man gegenüber der Studioaufnahme kaum wieder. Repetitive, laute und dröhnende Sounds, wieder einmal von Phil Puleo zusammengehalten, entfalten einen mitreißenden Klangstrudel, in dem man sich als Hörer geradezu verliert. In der zweiten Hälfte driftet der Track, durchzogen von flächigen Keyboards, schmerzhaften Vocals und doomigen Drums in atmosphärischere, dunklere Gefilde.

"Paradise Is Mine" erweist sich mit seinen knapp vierzehn Minuten als vergleichsweise kurz und knackig und knüpft mit groovigen rhythmischen Tönen und dem Zusammenspiel von Giras Stimme und gospeligen Backgroundgesängen an die meditative Stimmung der letzten Studioalben an. Im Grunde genommen bildet das Stück eine wohlverdiente Verschnaufpause vor dem kommenden Sturm.

Der Titelsong fasst in rund fünfundfünfzig Minuten so ziemlich alles zusammen, was die Big Sound-Ära ausgemacht hat: Repetitive Spannungsbögen, lärmende Gewaltausbrüche, anmutig zeremonielle Momente, packende Grooves und fast schon leichtfüßig psychedelische Ausflüge. Zum Teil gerät der Track für Swans-Verhältnisse sogar recht proggig, was die Saitenarbeit betrifft. Dennoch hat man es im Vergleich zum Opener mit einem deutlich spröderen, sperrigeren Biest zu tun.

"The End Of Regretting" beschließt den Abend auf eher schleppende und fast schon bescheidene Art und Weise. Dabei nennt Gira in dem Text beiläufig die einzelnen Bandmitglieder, die neben ihm als Zeremonienmeister dazu beigetragen haben, dass der Gig für jeden Fan, der am 28. November 2025 dabei war, ein unvergessliches, intensives Erlebnis gewesen sein muss: Norman Westberg, Dana Schechter, Phil Puleo, Larry Mullins, Kristof Hahn, Christopher Pravdica.

Am Ende stellt "Newly Sentient Being" nicht nur ein weiteres Dokument der Live-Fähigkeiten der Band dar, sondern den klanglichen Höhepunkt der Big Sound-Ära. Im Vergleich zu den Studioalben kommt die Musik noch eine Spur klarer, druckvoller und dynamischer aus den Boxen. Nur sollte man, wie man es von den US-Amerikanern kennt, keine leichte Kost erwarten, die sich sofort erschließt. Wer traditionelle Songstrukturen sucht, macht um die Scheibe einen ganz großen Bogen. Der Rest bekommt dafür eine geradezu tranceartige Erfahrung geboten.

Trackliste

  1. 1. The End Of Forgetting
  2. 2. The Merge
  3. 3. Paradise Is Mine
  4. 4. Newly Sentient Being
  5. 5. The End Of Regretting

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