laut.de-Kritik
Der Bass-Wizzard verzaubert mit Psych-Funk und Fusion-Futurismus.
Review von Kerstin KratochwillSechs Jahre nach seinem letzten Album "It Is What It Is", das 2020 mitten in der Pandemie den lakonischen Kommentar zu dieser abgab, folgt nun mit "Distracted" ein nicht weniger treffender Titel zu unserer Welt im Jahr 2026. Der ständigen Ablenkung, der andauernden Überforderung begegnet Stephen Bruner aka Thundercat mit einer radikalen Ruhe als Antwort, einem Album-Zuhause zwischen warmherzigem Soul, coolem Hip Hop, progressivem Fusion, verspultem Jazz und verspieltem R'n'B sowie dem Segeln in Yacht-Rock-Gefilde.
"Distracted" ist eine musikalische Insel voller übersprießenden Sound-Ideen, auf der Ablenkung sogar heilsam sein kann. Die Zerstreuung durch das Internet jedoch führt in einen Bunker ohne Ausgang. "The internet is like herpes. It isn't going anywhere", konstatiert Thundercat. Den Ausweg sucht der zweifache Grammy-Gewinner in seiner Musik, die auf diesem Album vielleicht am schönsten schimmert und mit Gaststars wie Willow, Lil Yachty, Channel Tres oder A$AP Rocky aufwartet, plus einer bisher unveröffentlichten Zusammenarbeit mit seinem verstorbenen Freund Mac Miller.
Schon der Opener "Candlelight" zündet mit seiner warmen Atmosphäre, verwirbelten jazzigen Einschüben und einem aus R'n'B-Sound gewebten Teppich, der aber, kurz bevor man es sich allzu heimelig macht, mit diversen Breaks und Wendungen unter den Füßen weggezogen wird. Dann endlich: der sich langsam aber sicher ins ewige Hörgedächtnis schiebende Ausnahmetrack "No More Lies" feat. Tame Impala – bereits 2023 als Stand-Alone-Single veröffentlicht – findet nun auch seinen Weg auf ein Album. Der Song endet mit einem Monolog über das komplexe und komische Phänomen Wahrheit, das einerseits eine todernste Sache ist, andererseits den Humor von Thundercat freilegt, der sein Musikgenius dadurch noch unwiderstehlicher, weil unangestrengt macht.
Dass bei dem aktuell vielleicht besten Bassisten der Welt immer kindliche Spielfreude aufblitzt, die dazu auf kindlichen Spaß im Fantasy-Universum seiner Texte trifft, ist nur ein Aspekt des Ausnahmekünstlers mit seinen überbordenden und übersprudelnden Ideen. Und so heißt ein weiterer Track "Anakin Learns His Fate", ein anderer "Walking On The Moon" – und ja, die Songs auf "Distracted" beamen uns in eine andere Sphäre.
Abgelenkt sein wird so zu einem geradezu wünschenswerten Zustand, kein Doomscrolling sondern Destinyseeking. Thundercats Songs folgen dabei oft einer Traumlogik (wieder so ein Oxymoron, denn Traum und Logik beißen sich doch geradezu) – und doch genau so ist seine Musik, eine Woge aus schwindlig machenden Melodien, die einen in einen geradezu entrückten Zustand versetzen.


3 Kommentare
Hm, klingt zu schön um wahr zu sein. Werde reinhören, aber bin skeptisch.
Kritikerliebling
cüüüüüs hätte drunk 5/5 gegeben und dem hier 4/5