laut.de-Kritik

Keine Panik, nur Routine.

Review von

Als Deutschrock-Pionier im hohen Alter scheint das Leben für Udo Lindenberg längst zum Selbstläufer geworden zu sein. Das riesige Compilation-Set "Alles Unter Einem Hut", das am 15. Mai erscheint, wirkt dabei fast so, als sei es selbst den Verantwortlichen irgendwann etwas stumpf vorgekommen. Unter dem Arbeitstitel "We Love Udo" erscheint eine Woche zuvor nun also ein Tribute-Album, das den Panik-Rocker gebührend feiern will, zumindest der Idee nach.

Inga Humpe darf aus Befangenheit wohl nicht an "Ein Herz Kann Man Nicht Reparieren" ran und muss stattdessen den Auftakt bestreiten. Ihr "Happy Birthday President Lindenberg" hängt sich hörbar an Marilyn Monroe auf, erinnert im mangelnden Wohlfühlfaktor aber eher an die "Breaking Bad"-Version.

Danach folgt der wohl internationalste Beitrag des Albums: Hans Zimmer widmet sich Lindenbergs und Apaches "Komet". Kein Track, der völlig überwältigt, aber einer, der mit der Bedeutungsschwere eines "The Dark Knight"-Epos aufgeladen wird und genau dadurch zumindest als Experiment interessant bleibt, auch wenn die Emotion eher konstruiert als organisch wirkt.

Céline versucht sich an "Plan B". Keine schlechte Interpretation, durchaus sauber gesungen, aber die eigentliche Melodiösität des Songs bleibt letztlich doch exklusiv Udo vorbehalten. Jan Delay greift danach endlich zum alten Tobak, vielleicht auch weil der stimmliche Bruch zum jungen Lindenberg hier weniger ausfällt. Und tatsächlich: "Er Wollte Nach London" sitzt bei ihm wie angegossen.

Der Pressetext erklärt: Die Tributeplatte sei "von Menschen, die ohne Udos Musik vielleicht ganz andere Wege gegangen wären." Der Anspruch war offenbar allerdings lediglich, ein möglichst breites Spektrum deutscher Musiker zusammenzubringen, egal wie genrefremd diese sein mögen. Und siehe da: Was 1987 noch einen gewissen Charme hatte, wirkt 2026 mit Max Giesinger erschreckend generisch: poppig, glatt, vorhersehbar.

Einen der stärkeren Momente liefert Alli Neumann. "Ein Herz Kann Man Nicht Reparieren" bekommt von ihr eine eigene Handschrift, irgendwo zwischen Indie-Pop und lakonischer Haltung, und wirkt tatsächlich so eigenständig, dass es dem Original gefährlich nahekommt. Um so deutlicher fällt danach der Bruch auf: "Na Und?!" war im Original ein sehr direktes, konfrontatives Erzählstück, mit Tokio Hotel klingt es plötzlich wie ein Kinderfilm-Soundtrack.

Das Kunststück, sentimentale Texte nicht ins peinlich Schlagerhafte kippen zu lassen, etwas, das Lindenberg über Jahrzehnte immer wieder gelungen ist, schafft immerhin Ina Müller mit "Bis Ans Ende Der Welt" noch am überzeugendsten. Swiss & die Andern wiederum entziehen "Mein Ding" konsequent jede Coolness: repetitives Gitarrenriff, Stadionpose, alles wirkt wie eine Blaupause dessen, was ohnehin schon zu oft existiert.

The BossHoss übernehmen "Reeperbahn" und es kommt, wie es kommen muss: Schunkel-Country, im Duo gegrölt. Mit Original und Cover stehen sich hier wie zwei Extreme gegenüber, deren Zuordnung nicht allzu schwer fallen dürfte.

Gentleman macht aus "Eldorado" ein erstaunlich stimmiges, modern wirkendes Reggae-Stück. Zwar eindeutig ein Bruch zum Rest der Platte, aber einer, der in seiner Konsequenz funktioniert und dem Song eine neue, glaubwürdige Farbe gibt.

An "Cello" beißt sich Elif hörbar die Zähne aus. Alles wirkt überladen, das Raunen, der Pathos, das Vibrato, alles ohne je wirklich zu greifen. "Wenn Du Durchhängst" wiederum war im Original nie ein Aushängeschild, entsprechend unauffällig bleibt auch Johannes Oerdings Version.

Lara Hulo liefert mit "Was Hat Die Zeit Mit Uns Gemacht" einen soliden Beitrag. "Wozu Sind Kriege Da?" war bereits im Original ein schwer verdauliches Stück Pathos, hier noch einmal von Peter Maffay gemeinsam mit seiner Tochter interpretiert und in aktuelle politische Bezüge gezogen.

Thomas D nimmt sich mit "Sonderzug Nach Pankow" schließlich das wohl zentralste Stück aus Lindenbergs Repertoire vor und verwandelt es in einen erstaunlich belanglosen Fanta-4-artigen Beitrag. Die einzige Version, die Honecker vermutlich noch weniger gefallen hätte, als das Original. Zoe Wees bearbeitet einen der wenigen englischsprachigen Udo-Songs und formt daraus einen Pop-Track, der zwar sauber produziert ist, aber wenig nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Aus unerfindlichen Gründen teilen sich Sammy Amara und Deine Cousine "Horizont". Statt sich zu ergänzen, wirken sie eher wie zwei parallele Interpretationen, die sich gegenseitig im Weg stehen. Besonders im gemeinsamen Refrain entsteht ein unangenehmer Reibungsverlust. Auch die Songwahl wirkt fragwürdig: Die Punk-Anmutung beider ist zwar naheliegend, passt aber nur bedingt zur melancholischen Weite des Originals.

Michael Schulte hinterlässt mit "Niemals Dran Gezweifelt" einen absolut nichtssagenden Eindruck, während Stefanie Heinzmann gemeinsam mit dem Takeover Ensemble "Durch Die Schweren Zeiten (I'll Carry You)" zu einem der wenigen Momente formt, in denen der ursprüngliche Geist des Songs nicht nur erhalten bleibt, sondern sinnvoll weitergedacht wird.

Am Ende macht dieses Album vor allem eines klar: Warum es sich lohnt, Udo Lindenbergs 80. Geburtstag zu feiern. Der Deutschrock-Pionier wurde über Jahrzehnte hinweg zu einem Symbol für Ost-West-Erzählungen, politische Positionierung und große wie kleine Gefühlswelten, ohne sich dabei je der Peinlichkeit zu ergeben. Genau diese Gratwanderung zeigt "We Love Udo" indirekt sehr deutlich, allerdings oft als Negativbeispiel.

Udo Lindenberg war immer seltsam genug, um die Bundesrepublik nervös zu machen. Dieses Cover-Album ist ebenfalls stellenweise seltsam, nur eben ohne echte Nervosität. Panik entsteht hier keine, höchstens Routine. Am Ende bleibt das Gefühl, dass weniger ein Künstler gefeiert wird als seine kulturelle Unangreifbarkeit. "We Love Udo" ist kein Rockalbum, sondern ein deutscher Feuilleton-Götze ohne Hut und Eierlikörfahne. Man spürt ständig die Absicht hinter der Musik, und Absicht ist fast immer der Feind von Coolness.

Trackliste

  1. 1. Happy Birthday President Lindenberg (Inga Humpe)
  2. 2. Komet (Hans Zimmer)
  3. 3. Plan B (Céline)
  4. 4. Er Wollte Nach London (Jan Delay)
  5. 5. Ich Lieb' Dich Überhaupt Nicht Mehr (Max Giesinger)
  6. 6. Ein Herz Kann Man Nicht Reparieren (Alli Neumann)
  7. 7. Na Und?! (Tokio Hotel)
  8. 8. Bis Ans Ende Der Welt (Ina Müller)
  9. 9. Mein Ding (Swiss & Die Andern)
  10. 10. Reeperbahn (The BossHoss)
  11. 11. Eldorado (Gentleman)
  12. 12. Cello (Elif)
  13. 13. Wenn Du Durchhängst (Johannes Oerding)
  14. 14. Was Hat Die Zeit Mit Uns Gemacht (Lara Hulo)
  15. 15. Wozu Sind Kriege Da? (Anouk, Peter Maffay)
  16. 16. Sonderzug Nach Pankow (Thomas D)
  17. 17. Good Life City (Zoe Wees)
  18. 18. Horizont (Sammy Amara, Deine Cousine)
  19. 19. Niemals Dran Gezweifelt (Michael Schulte)
  20. 20. Durch Die Schweren Zeiten (I'll Carry You) (Stefanie Heinzmann, Takeover! Ensemble)

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Udo Lindenberg

Panik Udo: Der Name passt. Nicht weil Udo Lindenberg von der ängstlichen Art wäre, vielmehr weil er ein Getriebener ist, ein Überzeugungstäter, der …

1 Kommentar mit 2 Antworten