laut.de-Kritik
Man nehme eine Projektionsfläche und taufe sie Weiss.
Review von Anton SchroederDas Musikvideo der ersten Singleauskopplung von "Hast du kurz Zeit" beginnt mit einem Disclaimer: statt eines handelsüblichen Videos habe Wincent Weiss seine (ganz ganz echten) Freunde zu einer (ganz ganz echten) Reise mitgenommen, "um das Wertvollste zu teilen, was es gibt: Zeit". Wer schon immer einmal wissen wollte, wie so ein Popstar urlaubt, schnalle sich an: man schlendert gen Sonnenuntergang, beim Tischfußball wird herumgejuxt, Prost, hoch die Tassen. Beeindruckend ist vor allem, wie superauthentisch normal die sonnenbrilligen Friends ihre wertvolle Zeit verbringen, dabei müssten da doch ur viele Kameramänner anwesend sein. Zwischendrin wird natürlich – irgendwie ist's ja doch ein Musikvideo – in die Cam gesungen, Wincent (die Kumpeligkeit im Auftritt verstehe ich als Angebot zum Du) sieht dann echt süß aus und irgendwie auch glücklich. Good vibes only, ein Urlaub mit Prädikat megageil.
Nicht nur bei diesem Clip fragt man sich nach 30 Sekunden, wann bei YouTube der Werbe-Überspring-Button auftaucht. Auch Wincents Musik arbeitet nach schnöden Marketing-Prinzipien. Wie auf den (zur Recherche natürlich allesamt ganz genau studierten) Vorgänger-Alben will sich auch auf "Hast du kurz Zeit" partout kein eigener Stil einstellen. Ideenloses Gitarrengezupfe auf Song A weicht uninspirierter Karibikvibe-Perkussion auf Song B, vielleicht ist es auch andersherum, es spielt keine Rolle. Mit Fug und Recht darf man vermuten, dass genau das Wincents Konzept ist.
So spielen selbst die Songtitel ein verwirrendes Verwechselspiel: "Letzte Liebe" heißen die, oder "Letzter Song", "Hast du kurz Zeit" und "Zeit vergeht". Wincent, der selbst aussieht wie die Voreinstellung einer Videospielfigur, fungiert dabei als farblose Litfaßsäule generischer Emotions-Kalauer. Mit makelloser Stimme mimt er mal den Sehnsüchtigen, dann wiederum einen geläuterten, Angekommenen und bietet dabei die perfekte, unbeschriebene Projektionsfläche. Man taufe ihn Weiss!
Die Texte, äh Slogans, die durch diesen Astralkörper hindurch in des Hörers Ohrmuschel katapultiert werden, sind erwartbar simpel. Dass auf einigen Songs bis zu fünf verschiedene Werbetexter als Co-Autoren angegeben sind, darunter Rap-Gesichter wie Takt32 oder PTK, ist angesichts der gähnenden Uninspiriertheit verwunderlich. Erinnert man sich an Kindheitstage in der Vorschule, gärt jedoch der vom Faktencheck bis dato nicht bestätigte Verdacht, die Autor*innen hätten sich des surrealistischen Schreibspiels Cadavre exquis bedient: jeder schreibt eine Zeile, kennt aber weder Kontext noch Sinn. Als Rezensent dieses Machwerks fühle ich mich an dieser Stelle inspiriert, das Spielchen noch weiter zu drehen: fügt man den jeweils ersten Satz eines jeden Hast-du-kurz-Zeit-Songs aneinander, ergibt sich folgende Kurzgeschichte:
"Wenn alles zerbricht, bist du das, was bleibt. Ich seh uns beide noch im Sommer. Wenn irgendwer fragt: ich halt dich noch fest, ist der Sommer vorbei. Du könntest meine letzte Liebe sein. Ich lass ein'n Fußabdruck vor deiner Tür. Ich kam mit Blumen von der Tanke beim zweiten Date an. Bin ich gut genug? Ich hab keine Ahnung, was ich hier mach. Vor ein paar Jahren war noch alles cool (mmmmh). Ich wünschte, die Augen würden regnen, das Holz im Steg ist brüchig, der Weg scheint ewig lang. Große Welt, tausend Fragen. Ist eine Sache klar, dann, dass hier keiner überlebt. Verrückt, wie schnell doch unsre Zeit vergeht. Ich atme ein, nehm den allerletzten Zug. Als du noch nicht da warst, war's mir egal. Kurz bevor die Sonne untergeht, vielleicht war'n das die schönsten Tage im Jahr."
Doch dann, nach zwei Dritteln des Albums: eine Überraschung. Auf "Den Letzten beissen die Hunde" (das "ß" wurde komischerweise auch aus dem bürgerlich Weiß heißenden Interpretennamen getilgt): eine Brise Selbstreflexion. Über tatsächlich einmal dringlich klingende Synthesizer-Kaskaden schmettert Wincent eine Art Neoliberalismus-Kritik im Schafspelz: "Kranke Welt, haben viel aber nie genug / Wir sind schnell wie ein riesiger rasender Zug / Den letzten beißen die Hunde", in der Ferne tobt ein Krieg. Ob die obsessive Nabelschau, die "Hast du kurz Zeit" ansonsten vollständig ausfüllt, damit etwas zu tun haben könnte?


2 Kommentare mit 4 Antworten
Sind Projektionsflächen eigentlich quadratisch oder irgendwie voluminös-dreidimensional? Und wie berechnet man sie in Dreiecksbeziehungen? Ich verbleibe selbst immer in der Grundfläche, dann kann gar nichts schief gehen. Hat auch irgendwas von Unendlichkeit, denn sobald der Raum sich füllt, beginnen schon die Erwartungen.
Nun ja, wie du sicherlich weißt ist eine Projektion ein idempotenter Endomorphismus, folglich sind sowohl Urbild als auch Bild Teilmengen des selben Vektorraums (ich wähle hier den Spezialfall Vektorraum, da du ja an der Idee der Dimensionalität interessiert bist). Das impliziert natürlich, dass die Dimensionalität des Bildes und des Urbildes kleiner gleich der Dimensionalität des Raumes ist. Von hier aus kannst du übernehmen: Was können wir jetzt daraus folgern das jeder Homomorphismus linear ist? Kleiner Tipp: kannst du ein Diagram zeichnen, welches kommutiert?
Ich habe irgendwann in einem Interview mit ihm mal gelesen, dass er selbst privat auf Heavy Metal-Mucke steht ... Irgendwie lustig, wenn man bedenkt, dass er seit Jahren austauschbaren Belanglos-Pop macht ...
Ja gut, aber wer mag schon seinen Brötchenjob. Die wenigsten, denke ich.
@InCrustWeTrust
Du glaubst auch das Konditoren tagein tagaus ausschließlich Torten essen, oder?
Nein keinesfalls, aber bei ihm stell ich mir exht vor, wie maximal er keinen Bock zur Arbeit hat xD