laut.de-Kritik

Die Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Review von

Ob im antirassistischen Kampf oder auf der zwischenmenschlichen Ebene: Bei Aja Monet geht es immer um Formen von Liebe und Anerkennung, Gleichwertigkeit und die Absage an Ignoranz. Wie die Lage spezifisch in den USA ausschaut, behandelt sie in "Withness", dem Nachdenken über das Versprechen, das im Wort 'America' mitschwingt. Die 38-jährige Afrofuturistin und Wortakrobatin beschäftigt sich auf "The Color Of Rain" sehr mit dem Infragestellen und Aufzeigen historischer Linien und Zusammenhänge, mit Spiritualität und den unsichtbaren Spannungen in der Gesellschaft.

"Hollyweird" traktiert Kolonialismus, Faschismus, hebt auf Korruption und Trans-Identitäten ab. Das Lied gleicht einem Springbrunnen an Reizworten, auf die Evangelikale und Geschichts-Revisionisten in den Staaten anspringen wie Hunde den Postboten. Do$$nald Trump fände das alles eindeutig zu woke, was Monet hier vorträgt, und wohl genau deswegen macht sie es auch. "The stolen presidency", wie sie in "For The Congo" darlegt, die Trump für sich reklamierte.

"The Color Of Rain" dient der Musikerin und Bürgerrechtlerin als Abrechnung, ein vertonter Gedichtband, kein Rap, sondern Spoken Word, das, was schon 'Forefathers' wie Gil Scott-Heron in die Musik einfließen ließen: Soul als Format für Zeitungskommentare, die nie gedruckt werden würden. Wir lauschen einem Geschichtsunterricht im Versmaß, Bürgerrechts-Manifeste in rhythmischer Jazz-Verpackung.

Auch die US-Demokraten bekommen dabei ihr Fett weg. Im federleichten Kontrabass-Tanz "Working Class Musicians" zieht Monet vom Leder, "while the Republicoons and the Democrazies argue the complexion of money / we float between classes and corners / from caviar to canned-beans". Rundherum analysiert die Sprachkünstlerin und die Instrumente daszinieren von den Keyboards bis zum Schlagzeug. Die Platte zeichnet ein plastisches Bild.

"The only religion is: The show must go on!": Der Slogan für dauertourende Musiker:innen, "living from gig to gig" während schon ihre Telefonrechnungen zu hoch sind, und Schulgebühren für die Kinder in weit anderen Preisklassen rangieren als die Gewinnspannen am Merch-Tisch. Klassiker wie Streiks für höhere Löhne kommen im Selbstgespräch "Every Media Minute" vor, einem Plädoyer für Utopien. Wahnwitz sei die Quelle von Erfindungsreichtum.

Manchmal gerät das Ganze sehr meditativ, beinahe hypnotisch, wenn die Poetin mit dunkler Stimme unbeeindruckt von dissonanten Tönen aus der Posaune oder Trompete (Ambrose Akinmusire) stoisch ihre Ansichten ausführt, wie etwa in "I Know That I Don't Know", frei nach Sokrates. Solche Abschnitte auf dem Album helfen allen Politikinteressierten, die es nervt, wenn sich in Talkshows die Leute dauernd ins Wort fallen statt das Ausführen von Gedankengängen zuzulassen.

Dauert ein Argument zweieinhalb Minuten, ist es bei Aja Monet eben so. Sie beansprucht diese Zeit, findet aber auch eine interessante Wortwahl dafür. Sie wird frech, ohne ins Aufgeregte abzugleiten. Im Gegenteil, manchmal wirkt der Vortrag samt bezirzend ausgeglichener Stimme und angenehmer Intonation äußerst beruhigend, so in der Neo-Soul-Poetry "Love Is A Choosing", den Backgroundgesang liefert hier Mereba, Kritikerliebling aus J. Coles Umfeld.

Durch die Slow-Mo-Maschine gezogene Sprache hört sich dann wie der Gruß eines rappenden Aliens an ("Song Of Myself"). Das Rappen überlässt die Dichterin Vic Mensa und Mick Jenkins aus Chicago in einem Annex zu "Melting Clocks", einer kleinen Referenz auf Salvador Dalí. Wo die 'Uhren schmelzen', da kümmert man sich auch um die Zukunft des Gaza-Streifens. Die Gäste drücken sich holzschnittartiger aus, Monet selbst hingegen neigt zu spielerischen Wortgirlanden, wenn sie ihre Sehnsüchte nach einer besseren Welt in Zeilen kondensiert. Beispiel: "That vibrating hungry heavy-handed heart, let it be luminous!". Weniger nach Predigt hört sich ihre Auflistung afroamerikanischer Farbschattierungen an: "Melanin marchin / the color of dread locked Jesus / ogun, skin luminous / cinnamon, bronze, copper, warm sahara, hazel, honeysuckle / cassava, ebony, caramel (...) a thigh thinkin of cocoa beans / skin, i have loved you longer than loving.".

Für ihr kontemplatives und warmes Clicks'n'Cuts- und Organic-Jazz-Gebrodel mit magnetischer Düsterstimme gewann Aja Monet neben Georgia Anne Muldrow, Harfen-Jazzerin Brandee Younger und Meshell Ndegeocello auch Sly Stones Tochter Novena Carmel. Sie träumt von einem Radio ohne Algorithmus, dafür mit Rhythmus. Und genau in Slys Nutzung dieses Mediums als Message, wie Aja das ausdrückt, wurzelt ihr gesamtes "Indigo"-getränkte Opus "The Color Of Rain".

Trackliste

  1. 1. Say It With Your Chest
  2. 2. Elsewhere with Meshell Ndegeocello,.Georgia Anne Muldrow
  3. 3. Withness
  4. 4. Hollyweird
  5. 5. Skinfolk
  6. 6. For The Congo
  7. 7. I Came To The Poem
  8. 8. To Sister
  9. 9. I Know That I Don't Know
  10. 10. Working Class Musicians
  11. 11. Love Is A Choosing
  12. 12. Song Of Myself
  13. 13. Melting Clocks
  14. 14. Every Media Minute
  15. 15. Indigo

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