laut.de-Kritik

Baltimore Hardcore kennt nicht nur Turnstile.

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Baltimore bietet dank seiner Lage an der Chesapeake Bay eine vielfältige Krabbenküche und ist der Geburtsort von Edgar Allan Poe sowie der amerikanischen Nationalhymne "Star Spangled Banner". Fakten, die man gerne auf einen Flyer oder die Homepage des Stadtmarketings schreibt, die aber eben auch nur ein Teil der Wahrheit sind. Die Industriestadt kämpft mit dem Strukturwandel, gilt als eine der zehn gefährlichsten Städte Amerikas und war die Kulisse für die deprimierende HBO-Serie "The Wire". Eine Stadt also, die auf eine stolze Vergangenheit und in eine wenig rosige Zukunft blickt.

So konnte sich abseits der Coolness-Faktoren in den letzten 20 Jahren eine Punk- und Hardcore-Szene entwickeln, die - ähnlich wie in Seattle - im Verborgenen und in Ruhe eine neue Variation des Genres erschuf und gerade dabei ist, die Welt zu erobern. Die Bandszene ist stark miteinander verknüpft, Mitglieder spielten in mehreren Projekten, auch sonst gibt es inzestuöse Verstrickungen. Die heutigen Turnstile-Mitglieder Brendan Yates, Nicholas Heitman und Daniel Fang gehörten zum originalen Line-Up von Angel Du$t. Deren Sänger und Gründer Justin Tripp scheint bei seinen ständigen Projektwechseln selbst den Überblick zu verlieren. Angel Du$t öffneten, wie Turnstile, das Genre für weitere Einflüsse, während Tripps zweite Band Trapped Under Ice einen kompromissloseren Weg ging.

Vielleicht verwechselte man nun den Proberaum zwischen beiden Bands, denn "Cold 2 To The Touch" klingt eindeutig eher nach seinem bösen HC-Zwilling. Der wütende Opener "Pain Is A Must" - der Preis für den klischeehaftesten Hardcore-Songtitel 2026 geht schon jetzt raus - reicht weit zurück zu den Wurzeln des Hardcore-Punk. Erstaunlich für eine Band, die bisher genau gegenläufig für die Weiterentwicklung des Genres stand. Ein grimmiges Einlassverbot für die Kids, die über Turnstile ihren Zugang gefunden haben.

Scott Vogel leistet Schützenhilfe und fühlt sich im HC-meets-Metal-Setting hörbar wohl. Kein Wunder, denn seine Band Terror steht sicherlich nicht für poppige Ausflüge und die Albumtitel haben Namen wie "Pain Into Power". "Cold 2 To The Touch" und "I'm The Outside" schlagen genau in die gleiche Kerbe (oder eher in die gleiche Fresse), bevor mit "Jesus Head" endlich ein funkiger Bad-Brains-Moment folgt.

Ab hier entwickelt das Album, das bis dahin eher wie eine ideenlose Karikatur wirkt, plötzlich Spannung. Angel Du$t standen einmal für die Freude an experimentellen Momenten und nicht für einen totgeprügelten Gaul wie "Zero" - eine sagenhaft langweilige Null-Nummer, die alle Agnostic-Front- und Sick-Of-It-All-Standards noch einmal in einen Song komprimiert. Sicherlich nicht viel schlechter als die genannten Bands, aber diese Alben stehen nun einmal schon im Regal und bedürfen keiner Kopie.

"Du$t" bietet immerhin einen netten Alternative-Rock-Einstieg, der sogar nahe an einer Ballade operiert, aber mit einem Break überrascht. Eindeutig einer der besseren Songs, weil hier nicht einfach bibelfest alle Oldschool-Regeln heruntergebetet werden und mit den zwei konträren Parts etwas Dynamik einkehrt. Auch "Nothing I Can't Kill" fügt sich deutlich besser in Tripps nicht besonders guten Shouts ein, der in den souligen Momenten von "Cold 2 To The Touch" dann seine Stärken richtig ausspielt. Das proggige "Man On Fire" schafft sogar angenehme The Mars Volta-Vibes - ebenfalls eine Band, die ihre Wurzeln in der Hardcore-Szene hatte, deren Grenzen jedoch schnell als zu einengend empfand.

An die Virtuosität der Latin-Prog-Legenden kommen Angel Du$t nicht heran, was auf dieser Zeitreise zurück in die Neunziger aber sehr wahrscheinlich auch gar nicht beabsichtigt ist. Die vorliegenden elf Hardcore-Prügler sind demnach ein Geschenk für Menschen, die ihren Hardcore straight und simpel mögen - für jene, die in den letzten Jahrzehnten durch progressive Einflüsse eine Entfremdung von einem Genre spüren, in dem es einst maximale Abgrenzung gab. Das bessere Geprügel liefern weiterhin Trapped Under Ice.

Trackliste

  1. 1. Pain Is A Must
  2. 2. Cold 2 the Touch
  3. 3. I'm the Outside
  4. 4. Jesus Head
  5. 5. Zero
  6. 6. Downfall
  7. 7. Du$t
  8. 8. Nothing I Can't Kill
  9. 9. Man on Fire
  10. 10. The Knife
  11. 11. The Beat

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