laut.de-Kritik
Liebevoll gebautes Theaterstück aus drei Jahrzehnten Rockoper.
Review von Stefan JohannesbergSpätestens beim vierten Song fällt es einem wie Schuppen auf die Kutten. Ayreon-Mastermind Arjen Lucassen macht aus seinem Live-Monster "30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time" – und es ist ein Monsteralbum – ein Theaterstück. Im Gegensatz zu fast allen anderen Rock-Bands eröffnet er mit melodischen, tragenden Tracks. Keine harten Riffs, keine mitreißenden Rhythmen, um die Menge erst einmal in Stimmung zu bringen, nein. Wie ein Filmregisseur holt er die Fans langsam in seine Welt, von Mars bis Avalon.
Wie es sich für eine Reise gebührt, startet sie mit einem kurzen Intro und dem Track "My House On Mars" vom "Universal Migrator Part 1"-Werk aus dem Jahre 2000. Der niederländische Sänger Wudstik findet den schmalen Grat zwischen Melancholie und kraftvoller Aufbruchsstimmung. Die Synthie-Fanfaren begrüßen den Gast im Hause. Alles vibriert, man schunkelt, aber das Gefühl, dass man sich auf etwas Großes begibt, umfängt einen wie die Nacht zwischen den Sternen. Die Party-Karawane zieht weiter, hinaus auf die mystischen Meere.
"Sail Away To Avalon" aus der Frühphase Mitte der 90er führt mit tanzbarem Mittelalter-Folk und Prog-Rock auf die Tanzfläche. Die belgische Sängerin Maggy Luyten intoniert den mächtigen Refrain voller Inbrunst und verbindet ihre Bonnie-Tyler-Röhre kongenial mit dem sehr luftigen, fast spielerischen Arrangement. Ehe man sich versieht, sitzt Marion Zimmer Bradley neben einem im Bett. Mehr Fantasy-Feeling geht nicht. Fünf Jahre liegen zwischen diesen beiden Tracks, und doch fügen sich beide nahtlos ineinander, als wären sie immer füreinander bestimmt gewesen.
Ein Grund ist der unfassbar gute Sound. Keine Überproduktion durch Overdubs, keine hineingeschnittenen Publikumsgesänge, kein Sound aus der MIDI-Konsole, alles klingt echt, nahbar und tight, selbst in den tragenden Momenten. Lucassen wählte Livematerial aus sechs Shows in Tilburg vor insgesamt 15.000 Fans aus und gliederte Show wie Album grob in mehrere Erzählbewegungen.
Der Start der Reise markiert den ersten von drei Teilen behutsam, voller Vorfreude und Feierlichkeit. Und der Chef ordnet der Stimmung alles unter. Da darf auch ein Lied von dem Nebenprojekt Guilt Machine strahlen. Der wunderbare Tommy Karevik von Kamelot webt auf "Green And Cream" feinste Melodiebögen um Gitarren und Orgeln und explodiert dann am Ende im großen Moment: "Hold me out of the dark, into her heart, into your sky". Es folgen "Days Of The Knights", ebenfalls nicht aus der Ayreon-Ära, und die Pianoballade "Childhood" mit Anneke van Giersbergen von The Gathering.
Mit "Dragon On The Sea" und "Sign" zieht Lucassen die Zügel langsam an, um mit "Sea Of Machines" vom 2017er Album "The Source", wieder mit Tommy Karevik am Mic, in den zweiten Teil überzuleiten. Die Reise wird ruckeliger, es läuft nicht mehr alles nach Plan, die Gitarren werden präsenter, die Breaks wilder, die Songstrukturen komplexer. Auch hier wählt Lucassen einen Non-Ayreon-Track als entscheidenden Kipppunkt. "The Year Of '41" stammt vom Star-One-Album "Revel In Time" aus dem Jahr 2022. Mit Dino Jelusick (Whitesnake, Trans-Siberian Orchestra) erinnert der Track an eine proggige Version von Black Sabbath zu Tony Martin-Zeiten. Auch die folgenden "The First Man On Earth" oder das Trio "The Lighthouse / The Argument 2 / The Parting" schlagen in diese Kerbe.
Der dritte Teil, der ein paar Songs später beginnt, wirkt verspielter, operettenhafter und ist stärker von Unterbrechungen, Ansagen und Publikumsnähe geprägt. "The Castle Hall" und "Amazing Flight In Space" ziehen noch einmal die große "Into The Electric Castle"-Kulisse hoch, "Everybody Dies" macht daraus den düster-humorigen Abgesang. Und dann steht mit "Set Your Controls" überraschend der erste und letzte gerade Nackenbrecher im Raum. Die Jon-Lord-Gedächtnis-Orgel versprüht Deep Purple-Vibes und der Song drückt wie einst Rainbow über den Highway.
Als finalen Schlusspunkt vereint "Isolation" noch einmal alle Künstler:innen und alle Facetten der vorherigen Reise in neun Minuten. Das Finale nimmt sich Zeit. Tommy Karevik übernimmt die große Lead-Rolle, während Anneke van Giersbergen, Wudstik, Maggy Luyten, Dino Jelusick, Heather Findlay und weitere Stimmen das Stück zum Ensemble-Finale ausweiten. Ein wahrhaft heimeliger Moment.
Natürlich ist "30th Anniversary – An Amazing Flight Through Time" am Ende viel zu lang, viel zu pathetisch, viel zu nerdig und in jeder Sekunde viel zu viel Lucassen. Aber wer sein Universum einmal betreten und sich auf diese Reise begeben hat, bekommt hier ein liebevoll gebautes Theaterstück aus drei Jahrzehnten Rockoper.


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