laut.de-Kritik

Für die Reggae- und Dancehall-Sängerin tut der König alles.

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Schon vor knapp zehn Jahren war klar, dass sie Potenzial hat. Beim spannenden Projekt "Mista Savona Presents Havana Meets Kingston" führten die produktiven Jamaikaner Sly & Robbie die damalige Newcomerin mit zahlreichen Musiker:innen der Nachbarinsel Kuba und auch Jamaika zusammen, die ein bisschen oder deutlich älter als Aza Lineage waren.

Die Cliquen auf der Reggae-Insel seien in ihrer Generation in Camps organisiert, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen, erklärte sie mir damals in einem Chat. Ihre sei die Lineage Family. Das bekannteste Cluster der Roots-Retro-Welle ist bis heute das erfolgreiche In.Digg.Nation Collective von Protoje mit von ihm geförderten und teils produzierten Artists, visuellen Kreativ-Leuten, spannenden Musikern. Seine Mutter fungiert als Managerin und Anwältin des Kollektivs. Bei Aza und ihren Gefolgsleuten ließ das nationale wie auch internationale Echo dagegen auf sich warten.

In der Zwischenzeit erschienen zwar viele Singles, teils mit erheblichen Zeitabständen, jedoch mussten die Early-Bird-Fans lange schmoren, bis das große Paket und eine Auslandstournee in greifbare Nähe rückten: Wenige Tage vor ihrem 37. Geburtstag erblickte das Debüt dann endlich das Licht der Welt.

Ihr Altersgenosse Jesse Royal, Inkarnation des perfekten Live-Performers, liefert Unterstützung. Und "No Vagabond ft. Jesse Royal + Brandon Rootz" ist einer der Knaller der Platte, die dank der Connections ihres neuen Mentors auch auf Vinyl erscheint: King Jammy, der einst als Prince Jammy mit Gregory Isaacs, Cocoa Tea, Horace Andy, Lieutenant Stitchie oder Josey Wales aufnahm und Chaka Demus entdeckte. Genau dieser Jammy ist immer noch aktiv.

Er ist einer der frühen Soundsystem-Besitzer der Insel. "Sound System" erläutert auch noch mal das Prinzip im Detail, als wäre Aza Lineage eine Musiklehrerin. Jammy entwickelte Dub und Digital-Dancehall mit und grenzte Letzteren von den rollenden Bässen des Rub-A-Dub ab. "Rule The Sound" kann Aza Lineage da nur rufen: "Gimme di sound, we rule the town / gimme di sound, dis is a rastaman sound. (...) We rule di sound - this is a continuous sound / pull up Selector."

In der Tat gibt es einen kontinuierlichen Flow zwischen all den 16 Tracks, die handverlesen wirken und einen guten Querschnitt der Fähigkeiten der MC-Sängerin aufzeigen. "Music profound, it has no bound", schlussfolgert sie zu Recht. Die smoothen Arrangements mit Saxophon in "Nuh Wah Talk und die "positive vibrations" stecken sofort an.

Die Eingängigkeit des Island-Breeze-Pop "Chikiwawawoi", des Good-Mood-Geblubbers "Watch Out" oder des smoothen Brutzel-Bass-One-Drops "Don't Say You Love Me" fordert keine Anstrengung. Für stilistische Überraschung sorgt der 90s-Retro-G-Funk-R'n'B "Love You Too Much". Nein, hier kehren weder Adina Howard noch Shola Ama zurück, es ist immer noch Aza. Dank Querverweisen auf die Heroes Bob Marley und Dennis Brown oder auf Lauryn Hill finden auch Genre-Laien Anknüpfungspunkte.

Erstmals überhaupt widmet sich der Producer einer Frau in diesem Ausmaß. Sie könnte dazu seine Enkelin sein. Mag sein, dass er sich in ihre Situation hineinfühlen kann, hat er doch selbst einen Enkel namens Projexx, der sich schon genauso lange an seinem Durchbruch versucht. Der Großvater hat ja zwar alles, was es braucht: Erfahrung, Studio (in der St. Lucia Avenue, Kingstons Hafengegend), Plattenfirma, einen tollen Ruf, unzählige Kontakte. All das reicht heute nicht mehr, Reggae und Dancehall stecken eben auch in einer Krise.

In der Hochphase engagierte Jammy das Keyboard-Drum-Machine-Duo Steely & Clevie, schrieb mit ihnen auf seinem Label Jammy's Musikhistorie. Sie wirken hier nach jahrelanger Pause wieder mit. Für viele LPs gewann er auch die großen Backing-Bands der jamaikanischen Hauptstadt, darunter die High Times Band von Earl 'Chinna' Smith, dem alten Gitarren-Buddy Bob Marleys. Und auch die High Times Band unterlegt Aza Lineages Vocals auf dieser neuen hochwertigen Album-Produktion.

Einer, der zweimal für Longplayer mit Jammy ins Studio zog, war der damals bereits etablierte Johnny Osbourne: 1983 für "Musical Chopper" und 1995 für "Mr. Budy Bye". Ihn rekrutierte der Produzent für "A Rub-A-Dub Or Two ft. Johnny Osbourne", den nächsten Track über die Schönheit der Musik. Hier liegt tatsächlich ein damaliger Riddim von Jammy zugrunde, "Dance With You" aus den Eighties. Kennt heute zwar keiner mehr, aber Power steckt immer noch drin.

Wenn es punktuell, etwa in "One Draw", etwas repetitiv wird, bewegt sich das Album immer noch weit überm Schnitt der aktuell angesagten und manchmal unausgegorenen Produktionen, die von Jah-Lil bis Samory-I erstaunlich unkritisch gefeiert werden, selbst wenn sie gähnlangweilig und inkonsistent sind. Aus "Rebel Daawta" lassen sich etliche Melodien für die Ewigkeit tanken. Der textlich astreine Rasta-Wertekanon übers Heilen der verwundeten Seele flutscht Aza Lineage sympathisch unbeschwert über die Zunge. Beide Daumen hoch! Ob es live auch weitergeht?

Trackliste

Digital-Album

  1. 1. The Rebel Daawta - Intro by Lone Ranger
  2. 2. Rebels In Town
  3. 3. Nuh Wah Talk
  4. 4. Sound System
  5. 5. Chikiwawawoi
  6. 6. No Vagabond ft. Jesse Royal + Brandon Rootz
  7. 7. Bad Son
  8. 8. One Draw
  9. 9. A Rub-A-Dub Or Two ft. Johnny Osbourne
  10. 10. Don't Say You Love Me
  11. 11. Fight Fi Mi Love
  12. 12. Can't Live For Yourself
  13. 13. Don't Play Around
  14. 14. Baby
  15. 15. Love You Too Much
  16. 16. Watch Out
  17. 17. Rule The Sound

Vinyl-LP (andere Tracklist)

  1. 1. Rebels In Town
  2. 2. Nuh Wah Talk
  3. 3. Sound System
  4. 4. Chikiwawaoi
  5. 5. A Rub-A-Dub Or Two ft. Johnny Osbourne
  6. 6. Rule The Sound
  7. 7. No Vagabond ft. Jesse Royal +Brandon Rootz
  8. 8. Bad Son
  9. 9. One Draw
  10. 10. Watch Out

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