laut.de-Kritik
Verliert er den Hunger, verliert er sich selbst.
Review von Stefan Johannesberg"I ran off the deep end / Kicked out my mama house, came back carryin' things in / I'm careful 'cause they give you five for a robbery / But they buryin' kingpins." Im Jahr 2019 droppte Buffalos Benny The Butcher mit "5 To 50" den modernen Rags-To-Riches-Klassiker. Mit dem dazugehörigen Album "The Plugs I Met" manifestierte der Griselda-Künstler seinen Platz an der Spitze des Eastcoast Coke Rap, die Erben von "OB4CL" waren gefunden. Keiner erzählt Drogengeschichten so intensiv, boden- und doppelbödig wie Benny.
Zwei Jahre später wagte er sich mit Harry Fraud an den zweiten "Plugs"-Teil. Sample-Surfer Fraud passte sich an den düsteren, minimalistischen Loop-Sound an und webte noch ein bisschen 80er Miami Vice-Vibe in die Lieferantenkette.
Jetzt, als Aperitif für einen dritten Teil und im Rahmen der "The Plugs I Met Anniversary Edition", füttert der Mann aus Buffalo die Straßen und Streams mit der "The Plugs I Met 2.5"-EP und sechs neuen Tracks.
Bruiser Wolf aus Detroit spricht das Intro "The Dog & The Wolf", das dank Harry Frauds John Woo-Filmmusik-Reminiszenz jedes Clan-Album der 90er veredelt hätte. "A comfortable life can come with invisible bars / So the wolf turned back toward the darkness, toward the struggle, toward the hunger, toward the unknown / Because some souls would rather starve free than feast in captivity".
Benny The Butcher ist dieser Wolf. Nach Jahren des Erfolgs und der Majorlabels fühlt er tief im Inneren: Ich darf meinen Hunger nicht verlieren, ansonsten verliere ich mich selbst. Welches Motto könnte für ein 2.5-Sequel eines alten Klassikers besser passen als dieses? Benny zieht damit eine Linie zum "Intro Skit" des ersten Teils, in dem ein Wolf ein blutverschmiertes Eisschwert leckt, weil er seinen Hunger nicht besiegen kann, dem Blutgeruch folgt und letztendlich in der Falle verblutet. Drogendealer wie Benny sind die Wölfe und das Blut ist der Cheddar.
Standesgemäß bricht der Nacken direkt im Opener mit dem Boom-Bap-Loop-Monster "Rise & Fall", bevor der erste Vers ertönt. Harry pitcht die Vocals, die Violinen vibrieren, und Benny nimmt den Faden aus dem Intro auf. "I'm a twenty year vet, you know a boss don't talk (Bars don't talk) / I tore my old trap down so the walls don't talk". Wie sagte De Niro in "Heat": "Binde dich an nichts, was du nicht in 30 Sekunden stehen lassen kannst, wenn dir der Boden zu heiß wird."
Benny selbst hätte es gerne anders, doch Regeln sind Regeln. Neben ihm sind auch noch 38 Spesh und El Camino in the cut. Vor allem Letzterer ist kriminell unterbewertet. Auf seinen dutzenden Tapes der letzten Jahre bewies der Black Soprano-Rapper, dass er zwar nicht den originellsten Flow im Game besitzt, aber in 95 von 100 Fällen den perfekten Beat pickt.
Ein weiterer Kumpel von Bennys Black Soprano-Posse folgt. Fuego Base, der stets so heiser wie Jadakiss klingt und auch durchaus kluge Punchlines vertickt: "My trap known for a potent mix / Jaheim niggas put the woman first and be broke as shit". Auch Bruiser Wolf aus dem Danny Brown-Umfeld darf wieder ans Mic. Sein akzentuierter Spoken Words-Style stört jedoch den straighten Street Rap. Ein Ol' Dirty Bastard oder auch ein Danny ist er nicht. Der Beat des verstorbenen DJ Shay vereint trockene Drums mit sirrenden Streichern, und Benny macht Benny-Sachen: "Money, sex and drugs and organized crime / Get your shit together, I organized mines".
Für die guten, alten Zeiten – also für den Bogen zu den Anfangsjahren – diggt er auf "Once Upon A Time" einen tiefschwarzen, fast depressiven Daringer-Beat. Der einstige Haus-und-Hof-Produzent des Griselda Camps hat nichts von seinen trocken-pumpenden Trademarks verloren. "Every leader was a good soldier / At least once upon a time". Etwas sonniger wird es bei "Talk Shows", das wieder vom aktuellen Lifestyle handelt.
Fraud flirtet stark mit der Hip Hop-Kultur, inklusive Scratches, Cuts, Piano- und Flöten-Loops, während Raekwon The Chef wieder ohne Anstrengung aus den Boxen fließt, wie Bruce Lee boxt. "Real life moguls, we luxury locals / Steel hands still'll poke you, then ride down to Whole Foods / Have a good meal and then bill, you gotta wheel? That's the bro rule".
Die EP endet mit melancholischen Streichern und Coke Rap standesgemäß ("Can't Be Much"). Die Lieferkette steht, der dritte Teil kann kommen. PS: "Sink" (Bonus Track) ist ein Geheimtipp. Harry Fraud und ein RZA-Gedächtnis-Loop, der dann mystisch und melancholisch aufbricht.


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