laut.de-Kritik
Lupe Fiasco für Leute, denen Lupe Fiasco nicht Lupe Fiasco genug ist.
Review von Yannik GölzEiner meiner großen Musikrezensenten-Regrets ist es, dass ich 2021 "The Color Blu(e)" von Blu und Exile nicht besprochen habe. Ich habe Blu ja eigentlich schon seit seinem absolut beeindruckenden, liebevollen und monumentalen Miles Davis-Tributalbum "Miles" wieder komplett auf dem Schirm gehabt. Und trotzdem dachte ich: Mein Gott, das ist dieser etwas aus der Zeit gefallene BoomBap-Atze mit Lyrik und Zeug, der eh jedes Jahr ein Album auslässt. Nachdem "The Color Blu(e)" ein halbes Jahr später zu meinen liebsten Rapalben der modernen Rapgeschichte aufstieg, habe ich mir vorgenommen: Den selben Fehler werde ich nicht noch einmal machen.
Vor allem, wenn dann wieder ein Blu & Exile-Album kommt, dem man zehn Meter gegen den Wind anspürt, dass da besondere Mühe hineingeflossen sind. Und "Time Heals Everything" ist definitiv so ein Album. Mit vierzig Minuten wirkt dieser Longplayer etwas kompakter als andere von Blus besten Projekten. Aber dieses Projekt ist eins der wärmsten, liebevollsten Rap-Platten, die das Jahr so hervorbringen wird.
Das hat mit dem generellen Reiz von Blu zu tun. Er ist der Lupe Fiasco für Leute, denen Lupe Fiasco nicht Lupe Fiasco genug ist. Er fühlt sich in der verrückten Welt der Rapmusik an wie der ältere Mann in der Buchhandlung des Vertrauens. Er ist der Archivar, der Bibliothekar mit der kleinen Brille. Und wenn er und Exile ein neues Album machen, spürt man, wie sie den Carrier Bag des Samplings auspacken und so tief in die Musikgeschichte eintauchen, wie es sonst kaum jemand tut.
Im Gegensatz zu anderen Alben hat "Time Heals Everything" kein Konzept, das sich aufdrängt. Der Albumtitel ist eine kleine Spielerei. Vorgänger "Blu & Exile Love (The) Ominous World" ergibt in Anfangsbuchstaben das Wort "Below". "Time Heals Everything" würde dann das "The" ergeben. Mit einem dritten Album, das wohl die Anfangsbuchstaben "Heaven" ergeben wird, haben wir eine Trilogie in Referenz an Blus Debütalbum "Below The Heavens".
Gewissermaßen bekommen wir auf diesem Album also eine Rückschau auf fast zwanzig Jahre Leben als Rapper. Und das kriegt er ziemlich gut artikuliert. Kompakt und pointiert erzählt er: "Wishing that I had the money to do it monthly / But, homie, you know the times rise and fall / One minute, you a king and the next minute a pawn / I was on doing songs with The Roots and Talib / Used to pay 5K for the crib right off of Skid / Then I slid, the deal fell, my brother did a bid / And I couldn't get on for shit, so I split".
Dass "In My Window" nicht zur egalen Nabelschau verkommt, sondern ein emotionales Highlight des Albums ist, liegt an seiner Fähigkeit zum Universalen. "I'm too young to answer, my grandpa got cancer / My great-great-grandma passed after / My stepdad's a pastor, my real dad's a gangster, though / So I'm always asking God to save my soul" - so beschreibt er auf dem selben Song seine Seele. Blu hat diese Besondere Gabe sich selbst nicht als einen Ausnahmefall, sondern nur als einen nächsten logischen Schritt einer langen Folge von Performances zu verstehen. Diese Songs fühlen sich trotz seines besonderen Lebens sehr nah am Leben an.
Das hat aber auch generell mit seinem Stil zu tun. Der Bibliothekar in Blu und Exile kommt in ihrer Art des Samplings hervor. "The Bag" evaluiert erst für zwei Parts das Verhältnis von Kunst und Musik. Dann switcht der Beat und im dritten Verse sratcht Exile einen Haufen Raplines zwischen Blus Vortrag, bettet sie in sein Reimschema ein. Von Biggie bis Q-Tip: Einmal mehr klingt Blu nicht nur als Teil des Kanons, sondern aktiviert überhaupt erst den Kanon. Es hat etwas liebevoll-nerdiges, wie er diese Hip Hop-Ahnenpflege betreibt. Nicht gatekeepy und exkludierend, sondern wie jemand, der eine Kultur hoch leben lassen will.
Und diese Stimmung steckt an: Blu ist ein Performer, der nicht versucht, nach Battlerapstandards jeden unter den Tisch zu rappen. Aber er ist ein kompakter und eindringlicher Lyriker, der dementsprechend auch seinen Gästen Raum lässt. Und wie groß der ein Rapper's-Rapper ist, zeigt sich im Gästeaufgebot, das absolut abliefert. Black Thought, Mach-Hommy, Saba, ICECOLDBISHOP, Fashawn, Rome Streetz: Hier rappt die absolute Elite. Und jeder hat Bock, da zu sein, das spürt man.
Wenn das Album mit dem hymnischen Titeltracks konkludiert, dann spürt man, warum niemand den BoomBap und die Jazz-Samples gerade so frisch und besonders macht wie Blu. Er nutzt das Medium des Oldschool-Raps als etwas Rituelles, fast Spirituelles. Aller Lyricism, aller Skill, der dargeboten wird, ist auf eine seltsame Art zweitrangig. Das Besondere an "Time Heals Everything" ist die überbordende Liebe zur Kultur und zur Craft, die dieses Album jede Sekunde ausstrahlt.


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