laut.de-Kritik
Harmonie auf berlinerisch.
Review von Franz MauererSchland hat nicht genug Elektrobumms, der sich über DJ-Schranz in Provinzdisken hinauswagt, der "Kunst!" schreit, ohne sich dafür zu schämen, der cool genug ist, einen Song "Leonard Cohen" zu nennen. Brutalismus 3000 machen genau diesen Elektrobumms, fleißige Ummz-Heads wissen schon Bescheid. Victoria Vassiliki Daldas und Theo Zeitner wissen längst, dass sie nicht mehr nur das Berliner Untergrundpärchen mit den schnellen Kicks und den guten Songtiteln sind. Auf "Harmony" reagieren sie darauf nicht mit Bescheidenheit, sondern mit Größenwahn. Das ist die richtige Entscheidung.
Dieses Album möchte gleichzeitig Rave, Punkposenplatte, Rap-Haltungsmixtape, Metalshow und tragisches, poppiges Gesamtkunstwerk sein. Vieles daran ist geschmacklos, manches albern. Fast alles ist zu laut. Aber klingt halt auch nie, nie, niemals nach KI-kuratierter Playlist "Beast Mode Cardio" oder trotz der offensichtlichen Anlehnungen an viele Vorbilder wie diese Vorbilder. Selbst wenn Brutalismus 3000 längst auf internationalen Großbühnen stehen, behandeln sie den guten Geschmack weiterhin wie einen schlecht gelaunten Türsteher: Man kommt schon irgendwie an ihm vorbei, um sich als deutsches 26er-Schranz-Update zum Crystal Castles-Konzept unverblümt anzubieten.
Schon "No Friends In The Company" macht aus Misstrauen und sozialer Verelendung eine Parole, die Tausende gemeinsam brüllen können. "Garland" schichtet sägende Störgeräusche, aufheulende Synthesizer, 808s und einen erstaunlich stabilen Groove übereinander, bis das Stück auseinanderzufliegen droht - aber nur droht. Darin zeigt sich die große Verbesserung gegenüber "ULTRAKUNST": Brutalismus 3000 müssen ihre Ideen nicht mehr bloß mit maximaler Gewalt durchsetzen. Sie können das Chaos inzwischen arrangieren und dann trotzdem mit maximaler Gewalt alles durcheinanderbringen wie das sozialpädagogisch auffälligste Kind der Kita. Und wie die Erzieher heimlich den kleinen Terroristen am liebsten mögen, macht "Harmony" hören einfach Spaß.
"A Milli" ist als Lil Wayne-Cover der typische Einfall, für den man das Duo entweder lieben oder aus Prinzip hassen möchte. Doch je weiter der Track beschleunigt, desto weniger wirkt er wie ein ironischer Gag und desto mehr wie eine ernsthafte Übersetzung von Rap-Prahlerei in Gabber-Mechanik. Auch "I Bring My Gun To The Function" profitiert davon, dass Boys Noize die Produktion etwas glatter und größer zieht, ohne ihr die Zähne abzuschleifen. Das Stück klingt wie Justice mit angezündeten Lederjacken.
Nicht jeder prominente Gast ist ebenso notwendig. In "Morning Is For The Happy" liest die Schauspielerin Anya Taylor-Joy, sehr in, ein Gedicht über einen verkaterten Morgen. Das ist stilvoll, kurz und bedeutungsschwanger im achten Monat. Es ist außerdem genau die Art von Zwischenspiel, bei der ein Album demonstrativ mitteilt, dass es nun bitte als Kunstwerk verstanden werden möchte; in der es will, statt einfach zu sein. Schade, "Harmony" hätte diesen Hinweis nicht gebraucht.
Besser funktioniert "Friends At The Pigshed" mit Underworld. Ausgerechnet diese Begegnung (noch dazu mit diesem Titel) öffnet das ansonsten klaustrophobische Album: heller, weiter und beinahe versöhnlich, ohne deshalb in Festivalpathos zu kippen. Underworld und Brutalismus 3000 verbindet die Fähigkeit, mit scheinbar unsinnigen Worten echte Gefühle freizulegen. Zwischen all dem Metall, Bass und Gebrüll taucht plötzlich so etwas wie Zärtlichkeit auf. Sie hält nicht lange, das macht sie aber umso wirksamer. Dass die Brutalisten die Reife haben, mit so profilierten Künstlern wie Ridha oder Hyde & Smith auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten oder zumindest die richtigen auszusuchen, die sie entsprechend wohlwollend an die Hand nehmen, das ist eine echt fast schon erschlagende Erkenntnis. Wir müssen den Schatz Brutalismus 3000 hüten und schützen.
Gegen Ende ziehen "Gore Louvre" und das zweiteilige "Testo Skin" die Schrauben wieder an. Körper, Aggression und Pose verschmelzen und gerade die Testo-Stücke zeigen, wie gut die beiden das Handwerk beherrschen, diese Songs gehen einfach auf. Und dann heißt ein Stück eben "Leonard Cohen". Nicht, weil Brutalismus 3000 behaupten müssten, dessen legitime Erben zu sein. Sondern weil sie verstanden haben, dass ein guter Titel bereits eine kleine Welt eröffnen kann. Pathos ist bei ihnen Arbeitsmaterial.
Natürlich ist "Harmony" gelegentlich zu bemüht schockierend. Stapelt Genres, Gäste und Gesten so hoch, dass die Konstruktion gefährlich schwankt. Doch das Duo besitzt inzwischen genug Disziplin, damit der Exzess nicht bloß als stickige Berliner Luft verpufft. Unter den verzerrten Stimmen, Reverse-Bässen und übersteuerten Drums liegt eine erstaunlich melancholische Platte über Einsamkeit, Abhängigkeit und den Wunsch, inmitten des Lärms doch noch jemanden zu erreichen.
Der Titel ist deshalb weniger ironisch, als er zunächst scheint. "Harmony" findet Harmonie nicht in Schönheit oder Ausgewogenheit, sondern im kontrollierten Zusammenstoß. Brutalismus 3000 klingen größer, abwechslungsreicher und emotionaler als bisher, ohne sich für den Erfolg zu entschuldigen. Deutschland hat noch immer zu wenig Elektrobumms, der so dreist nach Kunst verlangt. Jetzt hat es zumindest dieses Album, das in weiten Teilen liefert.


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