laut.de-Kritik

Frühlingsspaziergang mit dem Big-Thief-Gitarristen.

Review von

Ein neues Album aus dem Big-Thief-Kosmos ist doch immer ein Grund zur Freude. Man weiß, dass man sich auf einen warmen, schönen Vibe (und eigentlich immer auf Qualität), auf Schnittstellen zwischen holzigem Folk und angefuzztem Rock einlässt, aber die Ausführung des Endprodukts hat stets seine eigene neue Nuance. So scheint "The Mirror" von Gitarrist Buck Meek in einer anderen Dimension als "Double Infinity" aus dem letzten Jahr zu existieren, wenn man auch klar hört, dass die gleichen Leute am Werk waren. Nicht nur Meek selbst: Big-Thief-Drummer James Krivchenia hat die Produktion betreut und Adrianne Lenker hört man öfters im Hintergrund singen.

Was für einen Schritt geht "The Mirror" nun? Der Vergleich mit dem letzten Big-Thief-Werk veranschaulicht das gut. Während "Double Infinity" noch atmosphärisch, psychedelisch und kommunal klang, wirkt Meeks neue Platte viel geerdeter und simpler. Adrianne Lenker erklärte mir letztes Jahr in einem Interview, sie habe zwei Modi, in denen sie gerne Texte schreibe: Entweder sei es poetisch, metapherreich und verschwommen "wie eine Analogkamera", die mehr ein Gefühl einfangen soll, anstatt alles haargenau abzubilden; oder sie schreibe direkt und flach "wie eine Digitalkamera" über ihre Gefühle. Buck Meek scheint auf "The Mirror" dem zweiten gefolgt zu sein. Es überrascht, wie simpel und klar er über Liebe und Reflexion spricht. Songs wie "Ring Of Fire" lesen sich auf dem Papier fast kitschig und klischeehaft, doch meistens hat diese Einfachheit etwas Sympathisches im Zusammenspiel mit Meeks fidelem Country-Gesang. Eine Art kindlicher Freude und Sonnigkeit durchflutet "The Mirror".

Der Opener "Gasoline" schafft so einen der schönsten Songs des bisherigen Jahres. Meek wirft kosmische Bilder und selbsterfundene Wörter hinein, wirkt dabei aber null prätentiös, da er abseits davon nachvollziehbare Gedanken und Bilder einer Lebens-/Liebensphase schildert. Das Gefühl, frisch verliebt zu sein, muss man nicht in blümeranten Metaphern verwursteln; Meek beschreibt es in seiner ganz konkreten Freude, die man ihm dadurch abkauft: "Making words up while we made love / One month and she’s in my blood / Ooheeah lalo, faroosee mneykro / Will it be me or will it be her / To say I love you first?"

Verliebt hobby-philosophierend geht es in "Pretty Flowers" weiter: "The more I get to know you, the less I know of love / Is it science? Is it art? / Can I learn to give away my heart?" Ein vergnügtes Shoutout an einen guten, erst kürzlich verstorbenen Freund in "Demon" darf aber auch nicht fehlen: "Stolе that last line from my friend / Tucker Zimmеr-zim-zim-zimmerman".

So sympathisch klingt das alles auch, da die Songs munter vor sich hin wippen und überraschend catchy sind. Die im Kern simplen Country-Songs ergänzen wiederum dreckigere und unerwartete Elemente im Sound: "Can I Mend It?" loopt ein hochgepitchtes Stimmsample. "Outta Body" schichtet unterschiedliche Percussion aus allerlei Instrumenten übereinander. "Worms" und "Demon" enthalten quirlige Gitarrensoli mit einer Graham-Coxon-esquen Mischung aus lärmiger Unsauberkeit und verspielter Melodik. In den letzteren Song quetschen sich zunehmend immer mehr verzerrte Synthesizer hinein, wie der besungene innere Dämon, den Meek jedoch bald zum Lesen und Schreiben erzieht.

Das größte Manko am Album ist, dass die zweite Hälfte deutlich schwächer und uninteressanter als die erste ausfällt. Songs wie "Soul Feeling" oder "Deja Vu" trotten sehr gemächlich voran und nutzen dabei einen ähnlichen Sound anderer Tracks ohne die gleiche Prägnanz. Zum Ende der Platte klingt er fast wie Jack Johnson und weniger wie ein Indie-Kauz. Dennoch bleiben auf "The Mirror" genug berührende und selige Momente, die beim aktuellen Wetter zu einem Frühlingsspaziergang einladen.

Trackliste

  1. 1. Gasoline
  2. 2. Pretty Flowers
  3. 3. Can I Mend It?
  4. 4. Ring Of Fire
  5. 5. Demon
  6. 6. God Knows Why
  7. 7. Heart In The Mirror
  8. 8. Worms
  9. 9. Soul Feeling
  10. 10. Deja Vu
  11. 11. Outta Body

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