laut.de-Kritik

Wie ich es wagte, dem Geese-Sänger eine 3/5 zu geben – ein Essay über Hype.

Review von

Ich habe mir diese Review auch anders vorgestellt. Ich bin mit der Hoffnung hineingegangen, mir beim Hören die Augen auszuheulen und wie alle anderen Medien die Höchstwertung zu zücken. Das ist nicht passiert, und doch sehe ich, warum alle gerade Cameron Winter so mit Lob überschütten (schließlich habe ich selbst das auch schon getan). Auch auf "Live At Carnegie Hall" sehe ich seine Genialität und doch löst es in mir emotional wenig aus. Es nervt mich sogar stellenweise.

Darum will ich nicht nur die Aufnahme eines denkwürdigen Konzerts rezensieren, sondern auch ein paar Gedanken zum Thema "not getting the hype" teilen. Mich beschäftigt es, welchen Druck ein Hype und die Meinungen anderer auf uns haben können. Wie beeinträchtigt das die Wahrnehmung? Wie trennt man Objektivität und Subjektivität? Muss man das überhaupt?

Viele Fragen, erstmal ein paar Fakten: Cameron Winter ist schon länger nicht mehr nur als Frontmann von Geese oder potentieller Olivia Rodrigo-Boyfriend bekannt. Kurz bevor Geese mit "Getting Killed" endgültig als die unerwartete Rockband der Stunde explodierten, bewies Winter sich auf seinem Solodebüt "Heavy Metal" als besonderer Künstler: verletzlicher und gewöhnungsbedürftiger Gesang, sehr wilde Produktion und Songstrukturen, unfassbar gute Lyrics. Obwohl oder gerade weil er solo ruhiger, noch melancholischer und mehr in der Tradition klassischer Singer-Songwriter musiziert, macht Winter sich damit auch abseits von Geese einen Namen als einer der besten Musiker seiner Zeit.

Das ist kein leichtfertig vergebener Titel, der nun auch von einer Tatsache untermauert wird: Im Dezember 2025 spielte Cameron Winter in der ausverkauften Carnegie Hall, einer der prestigeträchtigsten Konzertvenues der Welt. Da war er 23 Jahre alt, womit er der jüngste Musiker seit Bob Dylan (damals 22) ist, der dort je spielte. Obendrein kommt das bald als Konzertfilm unter der Regie von Paul Thomas Anderson in die Kinos. Große Namen, aber die Performance dieses Abends bewies eben auch, warum Winter hier gelandet ist und warum ihn manche nun den Dylan seiner Generation nennen. Zumindest liest man solch hohe Meinungen in so ziemlich jedem Bericht von Presse oder Fans zu diesem Livealbum.

Und in Teilen stimme ich ihnen sogar zu. "Live At Carnegie Hall" ist ein besonderes Livealbum, auch wenn es nur Cameron Winter an einem Klavier und sonst gar nichts ist. Gerade deswegen ist es so ein signifikanter kultureller Moment, da es uns so klar wie noch nie zuvor zeigt, was für ein brillanter und einzigartiger Schreiber und Performer dieser Mann ist. Wenn ich "Live At Carnegie Hall" höre, kniee ich vor diesem Mann, spüre aber ziemlich wenig. Ich habe auch Sachen daran auszusetzen.

Aber wenn ein Phänomen solch einen Hype erfährt, nicht mal in den Charts, sondern unter den Tastemakern, die "bestimmen, was gut ist", bekommt man fast das Gefühl: "Ich muss das gut finden. Ich will das auch gut finden, denn ich will das spüren, was scheinbar alle spüren. Und wenn ich das nicht spüre, scheine ich dumm zu sein. Die Dinge, die ich auszusetzen habe, sind also vielleicht gar keine validen Kritikpunkte, sondern Genialitäten, die ich nicht richtig wahrnehme. Es finden ja alle anderen auch genial." Vor allem bei einem Album, das so viele Menschen durch seine emotionale Wirkung überzeugt, zu Tränen rührt oder ehrfürchtig zurücklässt, bringen diese hohen Erwartungen, die man an sein eigenes Emotionssystem stellt, in solchen Situationen eher das Gegenteil: Genervtheit, Leere.

Nach Jahren des Schreibens habe ich mittlerweile genauere Perspektiven auf Objektivität und Geschmack als früher. Wenn ich mir bei so etwas Schwachsinnigem wie einer Punktewertung unsicher bin, kann ich mir denken: "Komm, ich werd's mir zwar nicht noch mal privat anhören, dennoch ist das einzigartig und gut gemacht, dann gönne ich ihnen mal die vier Sterne." Aber reine Objektivität gibt es bei Rezensionen ohnehin nicht. Was ich wiedergebe, ist persönliche Wahrnehmung, und die wird durch Geschmack gefiltert sein. Kritiker:innen haben auch keinen "schlaueren" Geschmack als Normalsterbliche, sie können ihn nur gut in Worte fassen. Über Musik zu reden ist nicht, eine Checkliste an Kriterien für "gut" abzuarbeiten.

Weil ich also so viel Besonderes an "Live At Carnegie Hall" sehe, muss ich ihm fünf Sterne geben, nur um ein "professioneller Kritiker" zu sein, der die "objektive Qualität" von Kunst erfasst? Nein. Es fühlt sich dennoch falsch an und das liegt nur an dem Druck, den so ein Hype erzeugt. Gerade da ich mich als Geese-Fan bezeichnen würde und viele Lobhudeleien gegenüber Cameron Winter als Künstler unterschreiben würde, hege ich natürlich Erwartungen daran, was mich die Musik fühlen lassen wird. Dass "Live At Carnegie Hall" und im Übrigen auch "Heavy Metal" dann so wenig in mir auslösen, führt mich oft zum Fazit: Muss ich wohl öfter hören, wird schon irgendwann klicken, ich mag den ja eigentlich.

Abseits meiner emotionalen Erfahrung erschließt sich mir, was wirklich toll an diesem Livealbum ist. Dieses Nur-Klavier-und-Gesang-Setup rückt klar in den Fokus, was Cameron Winter so gut kann: unkonventionell und expressiv schreiben. Er nutzt die angeblichen Regeln von Komposition so, dass es einem das traditionelle Gefühl eines Singer-Songwriters gibt, verbiegt diese Regeln aber dann so, wie es dem, was er im Song ausdrücken möchte, am besten passt. Daher kann er seine Songs in dieser Performance auch so gut weit ausdehnen oder aufs Wesentliche reduzieren. "The Rolling Stones" etwa schmückt nun ein übertrieben dramatisches Klaviersolo, "Drinking Age" baut in der zweiten Strophe laute Attacken auf die Tasten ein, gefolgt von unerklärlich langen Pausen. Wiederum zeigen Songs wie "Try As I May" ohne die quirky Studio-Produktion nun, was für unfassbar schöne Piano-Balladen sie im Kern doch einfach sind.

Zwischen der Musik sagt Cameron Winter über den Abend verteilt insgesamt nur zwei simple Sätze, auf die frenetischer Applaus folgt. Doch auch in den leisesten Momenten dieser Songs hält das Publikum den Atem an und folgt jedem Ton und Wort. Winter quäkt laut und Kermit-hafter denn je, wechselt dann in sanfte Kopfstimme; er haucht Klavier-Outros hin oder endet abrupt. Seine dynamische Performance legt seine Eigenheit und Verletzlichkeit offen, was insbesondere in den Texten übers Künstlerdasein berührt. Wenn er also in "Cancer Of The Skull" vom Musizieren als einer krankhafte Leidenschaft singt, die er liebt, aber die ihn gleichzeitig knechtet, und erklärt: "i>Songs are a hundred ugly babies I can't feed" – dann denkt man sich nur: Ja, Mann, genau wegen Leuten wie dir braucht es Kunst!

Insbesondere Winters lyrische Brillanz kommt auf "Live At Carnegie Hall" deutlicher denn je hervor. Die drei neuen Songs etwa, die noch keine Studioversion besitzen, überzeugen gerade durch ihre Texte; durch Zeilen wie "I don't like what happened to Jesus, but I sure do like Saturday morning" ("Emperor XIII In Shades"). In "If You Turn Back Now" bittet Winter seine potentielle Partnerin darum, ihn allein zu lassen, damit er sie lieben kann, und zeichnet ein selten so besungenes Bild von Abstand und persönlicher Freiheit in Beziehungen. Ein befreiendes Gefühl des Verlusts ziert auch "It All Fell In The River", das den Abend gelungen mit der rundesten Ballade einläutet.

Gerade solche simpler strukturierten Songs überzeugen mich auf diesem Album, die ausschweifenderen Stücke häufen sich aber besonders in der zweiten Hälfte und ziehen sich. "$0" oder "Nina + Field Of Cops" wirken eher, als würde Winter lange vor sich hin schwafeln; die Reduktion auf nur Klavier und Gesang hilft nicht dabei, die Songs zu sortieren. Insbesondere letzterer Song setzt die Intensität der Studioaufnahme nicht um, und wird über fast sieben Minuten nur zunehmend anstrengender. Ist das Geschmackssache? Wahrscheinlich.

So spannend Winter schreibt, so wünsche ich mehr doch ein paar mehr klare Melodien. So gut die Klavierversionen einigen Songs hier tun, so wünsche ich mir an anderen Stellen der insgesamt 67 Minuten doch Akzente von anderen Instrumenten. Es ist gut, dass er bei genau diesem reduzierten Setup geblieben ist, denn es ist der ganze Sinn dieses Konzerts. Es zeigt aber, dass einige Songs doch sehr verworren komponiert sind, was manche Fans für Winter begeistert, mich aber unschlüssig zurücklässt. Und das ist okay so. Anhören oder Anschauen dieses Konzerts ist immer noch allen empfohlen, die sich für Musik interessieren. Wer Lobeshymnen lesen will, findet diese zuhauf, ich gönne sie Cameron Winter zutiefst.

Trackliste

  1. 1. It All Fell In The River
  2. 2. Try As I May
  3. 3. Emperor XIII In Shades
  4. 4. The Rolling Stones
  5. 5. Love Takes Miles
  6. 6. Drinking Age
  7. 7. Cancer Of The Skull
  8. 8. If You Turn Back Now
  9. 9. Nina + Field Of Cops
  10. 10. $0
  11. 11. Take It With You
  12. 12. Vines

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