laut.de-Kritik
Brachiale Brut aus Horror-Synth-Nachkommen und Metal-Punk-Erben.
Review von Kerstin KratochwillDie Leder-Trilogie endet im Jahr 2077 und beginnt mit orchestralen Klängen, als würde ein Superschurke wie Vincent Price die Weltherrschaft anstimmen, während sich eine Armee von Synthsoldaten daran macht, den teuflischen Plan in ein Soundtrack-Schlachtfeld aus Darkwave-Fetzen und Industrial-Lärm zu verwandeln. Mit "Leather Temple" schließt Franck Hueso alias Carpenter Brut nun seine unheilige Dreifaltigkeit einer Filmmusik zu einem imaginären Science-Fiction-Horror ab, die mit "Leather Teeth" (2018) extrem nostalgisch begann und mit "Leather Terror" (2022) wesentlich düsterer weiterging.
Die brachiale Brut, die der französische Musiker hier auf die Hörerinnen und Hörer loslässt, besteht aus Nachkommen von John Carpenters Horror-Synth-Soundtrackwelten, Dario Argentos Giallo-Progrock-Schauern und der böse pulsierenden Ästhetik sämtlicher Slasher-B-Movies. Musikalisch wird hier Metal genauso durch den Fleischwolf gedreht wie Noise, Punk oder Synthwave.
Es prallen im harten Kampf Nine Inch Nails, Judas Priest und Justice aufeinander. Doch Carpenter Brut kreuzt auch unerschrocken die Klingen mit Kitsch, so dass Pop-Eighties-Vibes im Stile von Human League oder Hardrock-Pathos à la Europe mitverwurstet werden.
Synthwave oder Computergamesounds jagen ebenfalls durch die Tracks, die einen schwindlig spielen ("Start Your Engines") oder in electric dreams werfen ("Neon Requiem"). Im "Leather Temple" erzittert der Sound kompromisslos und dystopisch, auf dem Synth-Altar wird jegliche anfängliche Verspieltheit oder Ironie geopfert, schließlich nähert man sich wie im Horror- oder Shooter-Genre dem Endboss, dem Erzfeind, der hier mit metallischer Härte und peitschenden Klängen zur Strecke gebracht wird.
Die fiktive Filmtrilogie endet mit einem Happy End, der Tyrann wird besiegt und die Unterdrückten befreit. "The End Complete" ist ein passender Titel für das Schlussstück der Trilogie, und in diese sechs Minuten ist so einiges gepackt – ein warmes Ende nach einer brachialen Schlacht, überall liegen tote Körper auf dem Schlachtfeld, über dem die Sonne blutrot aufgeht und dem Horrorfilmfan das Herz: "You have never been in love / Until you've seen the sunlight thrown / Over smashed human bones" – wie Morrissey einst so irritierend-schön sang. Mit Carpenter Bruts Cresendo endet dann auch diese Vision von Horror-Movie-Katharsis in einem schaurig-schönen Synthrausch.


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