laut.de-Kritik
Hall of Selbstbestimmung.
Review von Jasmin LützAls selbstbetiteltes Album erscheint oft das Debüt, mitunter bildet es auch eine besondere künstlerische Phase und den musikalischen Lebenslauf ab. Taylor Swift hat es 2006 getan, die Beatles haben in den 1960ern ihrem zweiten Album noch ein "with" (With the Beatles) hinzugefügt und ach die Ramones haben ihr Debüt bereits 1976 mit ihrem Namen abgefeiert. Christin Nichols reiht sich da nun ein, nach "I'm Fine", dem zweiten Solowerk "Rette Sich Wer Kann" (2024) sowie dem selbstbetitelten Album ihrer Ex-Band Prada Meinhoff.
Die Musikerin und Schauspielerin ist bekannt dafür, dass sie mit ihrer Musik tiefe Einblicke in ihr Seelenwohl zulässt. Das Hadern mit sich selbst konnte man bereits auf "I'm Fine" hören, einem feinen Indie-Rock-Album mit englischen Texten. Jetzt singt Christin auf Deutsch, und auch hier bringt sie persönliche und gesellschaftlich relevante Themen ein. Hopecore hat die deutsch-britische Musikerin das mal genannt, den Ausbruch aus der Melancholie. "Spotlight" brettert auch gleich los und setzt die Musikerin ins Rampenlicht: "Ich will alles oder nichts und dazu ein Beerenmixgetränk. Spotlight allein, weil auf mich wird das Licht geschwenkt."
Früher war mehr Aperol Spritz, jetzt kommt nur noch Lillet Wild Berry ins Glas. Denn damit greift man nach den Sternen und will ganz hoch hinaus. So wie einst Nina Chuba, die mit diesem Aperitif bis zum Mars wollte. Klingt bei Nichols allerdings weniger nach Sommer, Sonne, Strandbar, sondern mehr nach beschwipstem Pop-Karussell.
Der Einfluss britischer Pop und Rockmusik ist durchaus rauszuhören. "Keine Kontrolle" erinnert an die guten Coldplay-"Yellow"-Gitarren. Inhaltlich schmerzt die Diagnose, die sich kein Mensch wünscht: "Ich hab keine Kontrolle und kein Serotonin. Weil wenn ich davon mehr hätte wär ich zu mächtig für sie. Hätt ich ein reguliertes Nervensystem und kein PMDD - ich würd den Laden übernehmen." PMDD ist wie PMS nicht nur postmoderne Scheiße, sondern kann schwere Symptome verursachen, die das Leben massiv beeinträchtigen.
Doch die Show muss weitergehen. Der Elektro-Pop schwingt mit "Unsterblich" ganz gut mit. Textlich kann man es fühlen, muss man aber nicht: "Wir beide gegen alle, dafür hat's nicht gereicht. Ich werd nie Bonnie sein und du warst niemals Clyde. I'm in peace, I'm in glory - und ich bin nicht dein Feind. Mom, I am a rich man. Ich ganz allein, ganz allein, ganz allein, ich ganz allein."
"Chelsea Boots" ist der sehr geheime Sommer-Hit. Er hat sich noch nicht überall festgetreten, aber kann Emotionen und Freiheitsgefühle auslösen: "Heute Nacht nehm ich mir alles, weil sonst ist es selten gut. Heute Nacht glänzen die Lichter in der Stadt und an meinen Chelsea Boots. Verdammt die Welt ist schön, ich bin ein Teil davon. Irgendwas in mir ist heute heil geworden."
Musikalisch schwebt Christin Nichols zwischen 80s Pop, rockigen Strokes-Einlagen und bunter Schlagerparade. Da setzen sich so manche Melodien im Ohr fest, aber das kennt man auch von Songs, die man im Supermarkt hört und die man dann den ganzen Tag mit sich herumträgt.
Christin Nichols singt an, was sie bewegt. Da sind die anderen Frauen, mit denen sie sich solidarisiert. Die Männer, die mal öfter in Therapie gehen sollten. Es gibt Selbstzweifel und toxische Beziehungen ("Keine Depressionen"). Irgendwann kippt diese Stimmung in ein sicheres Selbstbewusstsein. In "Cheerleader" singt sie: "Kein Leben ohne mich und kein Ich ohne mein Leben". Christin hat keinen Bock mehr auf Enttäuschungen im Leben. Sie möchte, dass nur noch Gutes passiert.
Es heißt immer, es sei nicht einfach, gute deutsche Popmusik zu machen, weil es oft an den Texten scheitert. Gute Pop- und Rockmusik sollte im Gedächtnis bleiben und auch noch viele Jahre später überzeugen. Bei Christin Nichols funktioniert das auf ihrem dritten Album ansatzweise. Die Musik läuft, die Themen sind gut ausgewählt, aber die Umsetzung in den Texten oft zu pathetisch und es fehlt der emotionale Funke. Es ist gut über Zusammenbrüche, Orientierungslosigkeit und Wiederaufstehen zu sprechen, heikle Themen ins Song-Repertoire aufzunehmen. Aber diese Lieder sollten auch nachhaltig bewegen und wirklich unter die Haut gehen.


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