laut.de-Kritik

(Selbst)finden - der Spiegel einer Generation.

Review von

Eli Preiss' viertes Studioalbum "(Selbst)bewusst", das blaue und ruhigere Pendant zu rotem Vorgänger "Fuck (ich liebe dich)", ist ihr erstes, das sie ohne Major Label an ihrer Seite releast. Die Wienerin besingt Spiritualität, ihr Bewusstsein und auch sich selbst. Musikalisch bewegt sich die Sängerin in hoffnungsvollen, eher höheren Tonlagen. Dass zu jeden Highs aber auch Lows gehören, kommt in den oftmals schweren und nachdenklichen Lyrics zum Ausdruck.

Die Spatzen pfeifens von den Dächern und leiten in "Frühling" den 15-teiligen Longplayer ein. Der erste Song fühlt sich wie eine Einleitung zum nachfolgenden Track an, in dem das Album dann so richtig Fahrt aufnimmt. "Ich lass mir nix sagen von nem Stefan, oida fix nicht" disst Eli Preiss Männer und schwärmt "ich mag die Bros doch ich lieb meine Schwestern". Eli kombiniert Feminismus mit Wiener Charme - bereits jetzt auf TikTok ein viel genutzter Sound.

"Baby uh, Baby uh, gehen wir hoch, gehen wir tief, gehen wir dumm" begleitet von Disco-Synths. Für diese ausgelutschte Line geh ich jedenfalls nicht dumm. In dem Feature-Song mit Makko vergleicht sich Eli mit dem Anime-Charakter "Sailor Moon", einem Schulmädchen, das gerne liebt, aber das Böse hasst. Der Song, der wie eine moderne Love-Story klingt, ist für mich nett gedacht, aber leider bleibe ich in seiner Seichtheit unangenehm stecken. "Alice D." hört sich so übersteuert an, wie sich in meiner Vorstellung ein LSD-Trip anfühlt - alles verschoben und intensiv. Aber irgendwie gut. Schluss mit dem EDM-igen Major Lazer-Trip, "Die Zeit, die Zeit" leitet den Comedown ein, der drei Tracks lang dauert. Samtig und tief schmiegt sich Elis Stimme in "Kleiner Vogel" an, textlich geht es darum für ihre Schwester da zu sein, die von einem Typen verletzt wurde. Anfang April postet die Sängerin ein TikTok als Song-Preview mit der Caption: "Frohe Ostern ich hoffe der Ex meiner Schwester findet seine Eier". Musik und Text harmonieren - wichtige Message inklusive.

Herzen werden auch im nächsten Song gebrochen. Allerdings nicht von Männern, sondern von Eli selbst - mit nur einem Wimpernschlag. Die Wienerin besingt ihr Selbstbewusstsein und fragt sich in "Weck mich" nach dem Sinn des Lebens. "Ich küss alle meine Narben", Selbstliebe den abhauenden Männern zum Trotz - der zehnte Track erinnert stark an Shirin Davids "Fliegst du mit". Es geht darum, zwar sich selbst, aber gleichzeitig auch nicht alles zu akzeptieren.

Oft findet man auf einer Reise ja nicht nur zu einen neuen Ort, sondern auch zu sich selbst. Diese Reise streut die Sängerin als Ausschnitt einer Therapiesitzung in das Album ein und unterlegt die Sequenz mit einer sogenannten Heilfrequenz, die beruhigen und Angst lösen soll. "Ich versuch zu vertrauen" verspricht Eli Preiss nun im nächsten Track. Vertrauen in sich selbst, aber auch bisschen ins Schicksal, dass alles so kommt wie es soll. Generationstypisch ambivalent hinterfragt sie in "20 & Irgendwas" dann wieder alles und lässt es einfach mal zu, hin- und hergerissen zu sein. Plätschernd begleitet die Melodie das loste Gefühl. In den letzten beiden Tracks "preisst" es noch mal richtig. Die Beats werden stärker und das Tempo schneller, es geht um Dankbarkeit und darum, dass Karma regelt. Im T-Low-Feature erinnert der Rapper daran, dass es dennoch hart ist, sich selbst treu zu bleiben. "(Selbst)bewusst" verabschiedet sich mit einem akustischen Blitzlichtgewitter.

Trotz der kühlen Farbe des Covers wirkt das Album warm und rund. Ein bisschen wie die Frühlingssonne. Hin und wieder versteckt sie sich hinter den Wolken, aber kommt fast immer wieder. Und genauso wie die Sonne im Frühling, fühlt sich auch das Album nicht super neu an. Dennoch - egal, ob man's kennt oder nicht - über die Sonne kann man sich so oder so freuen.

Trackliste

  1. 1. Frühling
  2. 2. Bussi
  3. 3. Sailor Moon
  4. 4. Alice D
  5. 5. Die Zeit, die Zeit
  6. 6. Grau
  7. 7. Kleiner Vogel
  8. 8. Wimpernschlag
  9. 9. Weck mich
  10. 10. Küss meine Narben
  11. 11. Reise (432 Hz)
  12. 12. Vertrauen
  13. 13. 20 & Irgendwas
  14. 14. Glückssträhne
  15. 15. Stück für Stück

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