laut.de-Kritik
Auf dem Gipfel des Eisbergs.
Review von Michael SchuhDas Jahr 1977 ist bekannt als "the year punk broke" (später von Sonic Youth für das Epochenjahr 1991 recyclet). Nach dieser Lesart wäre 1979 "the year synth pop broke". Schuld daran ist passenderweise ein Song namens "Electricity" (OMD), "Video Killed The Radio Star" von den Buggles, vor allem aber ein Mann namens Gary Numan.
Gleich zwei seiner Songs erreichen 1979 die Spitzenposition der UK-Charts: "Are 'Friends' Electric?" noch unter dem sperrigen Namen Tubeway Army, "Cars" - obwohl vom selben Album - ist die erste Single unter eigenem Namen, verdrängt aber dennoch Cliff Richards "We Don't Talk Anymore" von der Eins. Damals eine Revolution, denn der heutige Kraftwerk-Evergreen "The Model" stammte zwar aus dem Vorjahr, war jedoch ein Flop und blühte erst als Re-Release 1982 richtig auf, nachdem etliche Synthie-Pop-Bands die Charts überschwemmten, die ihren Erfolg, ihr ahnt es, Gary Numan zu verdanken hatten.
"Mein einziges Talent ist es, Geräusche aneinander zu reihen": Das sind schon 1980 keine Sätze, die Musiker im Fernsehen sagen, aber der 21-jährige Misanthrop aus dem Londoner Stadtteil Hammersmith macht genau das und wird zum ersten richtigen Synthesizer-Popstar mit kreischenden Fans, wie sie bis dato nur die Rock-Welt hervorbringt. "Telekon" wird 1980 sein drittes Nummer-eins-Album in Folge, was Numan als Person bald gehörig aus den Angeln heben sollte. Er bekommt Depressionen und kauft sich Flugzeuge, um all die grässlichen Menschen loszuwerden.
Gut dass es die Erfindung des Alterns gibt: Heute ist Numan glücklicher Familienvater und besteigt als Legende sogar gut gelaunt Kreuzfahrtschiffe für Veranstaltungen namens "The 80s Cruise", wo man in der Regel fossilierte Figuren wie Billy Ocean und Taylor Dane bestaunt. Wobei die genannten in jenem Jahrzehnt immerhin einen Charterfolg vorzuweisen haben, Numans 80er sind in dieser Hinsicht kahl und grau, ein wenig wie die Soundwelten auf "Telekon".
Der synthetischen Kühle von "The Pleasure Principle" setzt Numan 1980 echte Instrumente entgegen, ein mutiger Schritt, der (ein letztes Mal) kommerziell belohnt wird. Wie sehr "Telekon" kommende Generationen beeinflussen sollte, konnte der junge Bursche kaum ahnen und es ist einigermaßen absurd, wie fremdartig diese strengen Moog-Welten selbst nach Jahrzehnten noch klingen.
Die ersten beiden Songs zementieren Numans Sonderling-Status als extravaganter Bowie-Klon für New Romantic-Kids, fallen dennoch komplett unterschiedlich aus. "This Wreckage" verarbeitet die schwebenden Synthflächen aus "Cars" zu einer schaurigen-zähen Eröffnung. Dazu passend betritt er wieder seine dystopischen Welten, diesmal nicht angereichert mit Philip K. Dick-Referenzen, sondern als Ort ohne Gottes Gegenwart, an dem jeder auf sich allein gestellt ist, etwa er selbst als eine Art menschliches Wrack ("This Wreckage").
Danach legt Paul Gardiner am Bass das Fundament für das faszinierende "The Aircrash Bureau", auf dem eine Bratsche später im Verbund mit einer Synthline sowie einem verspielten Klavier den ersten großen "Telekon"-Moment generiert. Hierfür verantwortlich: Chris Payne, ein Mann aus Tubeway-Army-Tagen, der Numan auch durch die bald beginnenden, bleiernen 80er Jahre als Keyboarder treu bleibt, obwohl er zwischenzeitlich den Visage-Welthit "Fade To Grey" mitkomponiert. Numan experimentiert derweil auf dem "Telekon"-Nachfolger "Dance" und 1982 auf "I, Assassin" an einer jazzigen und funkigen Version seines Sounds, bevor er sich angesichts des selbst entfachten Synthie-Pop-Zeitgeists doch unter Erfolgszwang setzte - und kläglich scheitert.
Numans lyrische Bezugpunkte auf "Telekon" sind weiterhin Technik, Weltraum und Entfremdung, seine aufgrund des kommerziellen Erfolgs angeknackste Psyche sowie seine soziale Unbeholfenheit, die sich später als Autismus herausstellt, lassen ihn als Person noch außerirdischer wirken als ohnehin schon. "Telekon" ist der Gipfel des Eisbergs und wie "Aladdin Sane" bei Bowie das Ende einer Entwicklung. Bowie trug danach seine Kunstfigur zu Grabe, Numan wollte komplett abtreten und feierte drei (letztlich verfrühte) Abschiedskonzerte im Londoner Wembley Stadion.
Der Titeltrack ist eine an "telecommunication" angelehnte Kurzform, in "I Dream Of Wires" beschreibt er sich als Elektriker in einer hochtechnisierten Welt, dessen Kenntnisse überflüssig geworden sind - ein Szenario, das heute angesichts von KI beängstigend aktuell wirkt. Warum Numan letztlich von Depeche Mode und The Human League als Synthie-Star abgelöst wurde, belegen beklemmende Songs wie "I'm An Agent" oder "The Joy Circuit": Darin fanden sich zwar verzweifelte Teenies wie Trent Reznor wieder. Zu "Don't You Want Me" oder "Just Can't Get Enough" ließ sich aber bedeutend besser tanzen.
Umso schöner, dass Gary Numan die Kurve bekam und heute sowohl ansprechende Alben veröffentlicht, als auch auf Fanwünsche eingeht. 2025 spielte er eine ausverkaufte "Telekon"-Tournee in Großbritannien - Anlass für einen LP-Rerelease mit neuem Cover, dem zwölfseitigen Tourbuch-Replica der "Telekon"-Tour 1980 sowie dem bisher unveröffentlichen Song "Like A B-Film". Anstelle eines seinerzeit zurecht abgewiesenen Songs unterstreicht der Archivfund Numans großartigen Lauf der damaligen Zeit. Auch der Schöpfer selbst erinnerte sich nicht mehr an den Track und scherzte auf der besagten Tour über den Song: "Jemand behauptete, es sei die KI gewesen." Ein in diesem Bezugsrahmen ausnahmsweise schöner Gedanke.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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