laut.de-Kritik

Unfassbar öde wie die Vertonung eines Booktok-Romans.

Review von

T-Swifty, das Wort fällt häufig, wenn man über Gracie Abrams spricht. Beim Blick auf das ernste Album-Cover und den Titel "Daughter From Hell" glimmt kurz die leise Hoffnung auf, dass sich hier eine Künstlerin endlich aus dem Fahrwasser der Corporate-Pop-Königin freischwimmen möchte. Abrams selbst hatte das Album im Vorfeld als "existenzieller und wütender" angekündigt. Lernen die ganzen Baby Swifts endlich alleine laufen und trennen sich von ihrer Übermutter, die in diesem Jahr mehr mit Heiraten beschäftigt war?

Dieser Optimismus verschwindet augenblicklich bei "Death Wish", einem Song, der den eh schon hochgenerischen Taylor Swift-Normie-Pop noch einmal auf seine Essenz reduziert. Es ist genau jener austauschbare Country-Folk-Pop, gepaart mit außerordentlichem Selbstmitleidsgejammer, mit dem sich derzeit unfassbar viel Geld verdienen lässt. Musik gibt es auch noch, aber ein Popstar muss heute in erster Linie wie ein Content Creator funktionieren und seine Follower mit Soap-TV-artiger Unterhaltung bei der Stange halten. Das Format Pop-Album funktioniert in 2026 als Produktlinie, erzählt als choreografierte Herzschmerz-Authentizität, die irgendeine Pseudo-Nähe suggeriert und in eine parasoziale Beziehung mündet.

Gracie Abrams denkt also nicht im Traum daran, an diesem Kopiermechanismus etwas zu ändern, und wieder einmal steht ihr Aaron Dessner von The National als Produzent zur Seite. Der wusste schon nach Swifts "Evermore" kaum noch, für welchen Popstar er als Nächstes gefällige Radiohits schreiben sollte, aber für Abrams scheint immer ein Platz frei zu sein. Gerade bei so einer dahinblubbernden Nummer wie "Death Wish" mag man kaum noch glauben, dass dieser Mann einst so berührende National-Songs geschrieben hat. Ungefähr das Gleiche gilt auch für Marcus Mumford, der schon das einschläfernde Stück "Badlands" mit Gracie schrieb und ungefähr die gleiche Nummer nochmal als "What If It's Right?" auf ihre Album hinzufügt. Im Gegensatz zu The National waren Mumford & Sons natürlich schon immer die niedrigschwelligere Festival-Ausgabe, aber auch dieser Mann hat irgendwann mal mit "I Gave You All" auf "Sigh No More" wahrlich Besseres abgeliefert.

Es ist erstaunlich, wie komplett uninspiriert die Songs auf "Daughter From Hell" immer dieselbe melodramatische Mumble-Pop-Dramatik wiederholen. "Hit The Wall" gibt den Ton vor, "The Knife" und "Good Reason" ziehen ihn stur durch, und irgendwann ist es fast unmöglich zu erkennen, wo ein Track aufhört und der nächste anfängt. Es gibt kurze Momente, in denen Abrams, ganz wie ihr großes Vorbild, auch mal etwas Indie-Gracie sein möchte. Der Titelsong "Daughter From Hell" ist weiß Gott kein großer Wurf, aber nach der Langeweile zu Beginn ist man für ein paar Rhythmusverschiebungen schon dankbar.

Besser nicht daran denken, dass dieser Song in seiner Entstehung mal ein solider Folk-Rock-Song war, der etwas Frightened Rabbit sein wollte – jene große, leider zu wenig gewürdigte schottische Folk-Band, deren Sänger Scott Hutchison in jedem Barthaar allein mehr Talent hatte und seine großen Hymnen aus den Highlands so erzählen konnte, dass das Drama fast unaushaltbar greifbar ist. "Daughter From Hell" kommt dem weder lyrisch noch musikalisch auch nur nahe. Es darf nur kurz ein einfacher Folk-Moment bleiben, bis am Ende der komplette Bombast jede Ahnung von wahrhaftiger Emotion zubetoniert.

Und dieser nicht mal gute Moment ist bereits das Highlight. "Men Like You" und "Broke My Heart" wiederholen einfach Taylors Enttäuschungsformel bis zum Abwinken. Etwas Klavier, etwas Country-Geige, gedoppelte Vocals und ein gebrochenes Herz, am Ende bleibt elende Radio-Pop-Sülze, die man beim Einkaufen zwischen Sülzwurst und Scheuermilch aushalten muss. Es ist fast unnötig, noch auf den Rest des Albums einzugehen, weil ich hier ohnehin nur dieselbe Songkritik copypasten müsste: "Sober" klingt wie "Mews" klingt wie "Minibar" klingt wie "Imaginary Friend" klingt wie "Afflictions" klingt wie "Humming" klingt wie "What If It's Right?" - alles Songs, mit denen ein trauriges Mädchen in ihrem Zimmer über die Trennung von einem miesen Arschloch hinwegkommen möchte und auf Insta endgültig das Paarfoto löscht.

Das ist absolut in Ordnung so, und trotzdem hätten diese Themen mehr verdient als sechzehnmal dieselbe Swift-Kopie. In den Lyrics erkennt man eine gewisse Tendenz, nicht mehr die liebe Gracie sein zu wollen. "I'm a crack in the pavement / I'm a slipknot" sind zwar unfassbar plakativ, aber mit einem härteren Sound wie bei Sofia Isella hätte daraus eine abgründige, emotionale Vehemenz entstehen können.

Immerhin: Chris Martin oder Imagine Dragons hätten noch ein "Ohohohoooooo" oder Drums zum Refrain eingefügt, von daher darf man das bei den gängigen Pop-Mustern sogar als eine Ahnung von Intimität werten. "Daughter From Hell" klingt wie die CD-Beilage eines Booktok-Romans. Dieselbe Zielgruppe, die auf BookTok "Enemies To Lovers" und "Bad Boy"-Dark-Romance-Tropes konsumiert und die Musik nicht mehr als Mittel oder Ausgangspunkt, sondern als Zubehör zu einem bereits bestehenden Content-Ökosystem versteht.

Es bleibt alles so unfassbar öde und mutlos, dass man lieber im Hatewatch-Modus einem irren TikToker und seinen zwanzig Product-Placement-Videos zuhört als diesem blutleeren Background-Gewaber. Schade, da sich Gracie Abrams außerhalb ihrer Musik mutiger präsentiert und in den Sozialen Medien deutlich gegen Trump positioniert. Nur alles mit einem guten Charakter zu entschuldigen, führt auch nicht zu einer Verbesserung von all diesem Pop-Einheitsbrei. Vielleicht sollte auch mal jemand nach Aaron sehen: So wie sich seine letzten Arbeiten anhören, sitzt er kreidebleich und innerlich tot an seinem Mischpult, gefangen in einem sich ständig wiederholenden Soundmatsch, bei dem selbst er längst den Überblick verloren hat - das ist wohl am Ende die wahre Definition der Hölle.

Trackliste

  1. 1. Hit The Wall
  2. 2. Death Wish
  3. 3. The Knife
  4. 4. Daughter From hell
  5. 5. Look At My Life
  6. 6. Good Reason
  7. 7. Men Like You
  8. 8. Sober
  9. 9. Broke My Heart
  10. 10. Mews
  11. 11. Sober
  12. 12. Imaginary Friend
  13. 13. Afflictions
  14. 14. Humming
  15. 15. What If It's Right? (fest. Marcus Mumford)
  16. 16. Cold Goodbyes

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