laut.de-Kritik
Wilde Soli, tighte Riffs, Doublebass-Attacken und mitreißende Chöre.
Review von Stefan JohannesbergIrgendwann im Jahr 1985: Kai Hansen sitzt nach einem Benefizauftritt zur Rettung der Blauwale mit Bela B in einer Bochumer Kneipe und trinkt um die Wette. Nach dem achtzehnten Herrengedeck lallen die beiden ein gemeinsames Kollabo-Projekt ins Leben: Iron Kobra.
Okay, da ging Claudias Schäferhund mit mir durch. Zur Ehrenrettung sei gesagt: Bereits nach dem ersten Durchlauf von "Eternal Dagger", ihrem dritten Album, pflanzen die Recken aus dem Ruhrpott genau jenes Bild in die Nacken- und Synapsenstränge. Wilde Soli, tighte Riffs, Doublebass-Attacken und mitreißende Chöre treffen auf einfache Songstrukturen und die klare, fast punkige Indie-Stimme von Sänger Ela.
Iron Kobras frühere Werke, die schon über ein Jahrzehnt zurückliegen, klingen dagegen teilweise wie die Aufnahmen einer extrem amateurhaften bis hängengebliebenen Schülerkombo. Hier zeigt sich der alte Spruch: Trust the process. Wie beim Sport sind auch nicht alle Teams oder Spieler von Anfang an Weltklasse. Learning by Doing.
Bereits der Opener "Trembling Dungeons" bläst mit Shouts, Speed Metal und "Whiplash"-Vibes die früheren Ergüsse in die Gelsenkirchener Gosse. Die Walls Of Jericho wackeln bedenklich – und fallen bei "Forbidden Fruits". Die Chöre bleiben bombastisch, die Geschwindigkeit atemberaubend hoch, doch Iron Kobra streuen nun Tempowechsel ein und dringen insbesondere mit den Gesangsharmonien in Punk- und Melodic-Hardcore-Gefilde vor.
Full Ärzte gehen sie beim einzigen deutschsprachigen Song "Fliehen". Ein Poet ist an Ela zwar nicht verloren gegangen, doch im Gegensatz zum peinlichen Vorgänger "Wut im Bauch" besitzt die Metal-Version von Illegal 2001 einen bodenständigen Charme.
Der Hit für die Aftershow-Party in Wacken hört auf den originellen Namen "Shibuya Nights". Shibuya ist ein Viertel Tokios, und passend dazu entdecken Iron Kobra die Eingängigkeit und das Gitarrenspiel der Scorpions. Dazu liefert Björn einen treibenden Four-to-the-floor-Groove mit wippender Kickdrum, wie ihn Mike Portnoy einst bei Drumeo demonstrierte, als er sich einen Nickelback-Song vorknöpfte. Ein "Wasted Years"-Moment der Band.
"Silver Strings And Iron Wings" zieht danach die Geschwindigkeit wieder mächtig an und bringt selbst gestandene Kuttenträger zum Weinen. Chöre, die auch frühe Blind Guardian gut gefunden hätten, eine starke Leadgitarre, Elas Klargesang, der wie ein Erzähler über allem schwebt, und ein Running-Wild-Gedächtnisriff – Metal-Herz, was willst du mehr?
"Unchained & Untamed" diggt im selben Graben, nur dass diesmal ein Maiden-Gedächtnispart die wilde Fahrt kurz unterbricht. "Treacherous Tyrant" ist dagegen vor allem im Refrain eine lupenreine Respektsbekundung an Helloweens Klassiker "Victim Of Fate".
Ironischerweise sprüht der Punk gerade auf dem Titeltrack "Eternal Dagger" am heftigsten. Wohoho-Shouts leiten den Song ein. Die Gitarren bewegen sich zunächst im Hintergrund, während die Harmonien auch der Deutschpunkband deiner dritten Wahl gut zu Gesicht gestanden hätten.
Und am Ende bitte episch. Wie es sich für ein echtes Heavy-Metal-Album gehört, schließt der monumentalste Song des Albums den wunderbaren Reigen. Die Drums galoppieren, die Songstrukturen weichen vom reinen Strophe-Chorus-Strophe-Chorus-Bridge-Solo-Chorus-Schema ab und öffnen mit "Mountains Of Madness" ein ganz neues Kobra-Kapitel.


1 Kommentar
Unfassbar geil. Klingt wie einst Exciter zu „Violence and Force“.
Das Cover passt gar nicht dazu, mag ich.