laut.de-Kritik
Mit dem DSDS-Dritten in die Großraumdisco.
Review von Dani FrommDaniele Negroni zeigte es bereits: Bei "Deutschland sucht den Superstar" nicht zu gewinnen, bewahrt nicht davor, Dieter Bohlen in die Hände zu fallen. Nachdem er seinen Staffelsieger Luca Hänni abgefertigt hatte, schob der Chefjuror gleich danach den Vize-Gewinner durch seine Fließband-Produktion.
Jesse Ritch, der die letzte DSDS-Staffel als Drittplatzierter verließ, entging dem Bohlen gerade noch. Ihm hätten also die Türen offen gestanden, es besser zu machen als seine einstigen Mitstreiter. Er hätte sich Produzenten aussuchen können, die etwas für ihn übrig haben und ihm Titel angedeihen lassen, in denen er seine Talente auch beweisen darf.
Nix. Mit seinem selbstbetitelten Debüt-Album verschenkt der junge Schweizer alle Chancen. Der Schriftzug "Music 4ever" ziert zwar sein Schulterblatt. Mit "Jesse Ritch" legt selbiger dessen ungeachtet aber die ideale Platte für alle Zeitgenossen vor, denen Musik grußlos am Arsch vorbei geht.
Nie, nie, nie im Leben werde ich begreifen, warum sich ein hoffnungsfroher Nachwuchssänger dafür hergibt, seine Stimme unter autogetunten Effektschichten zu verstecken. Dass Jesse Ritch eigentlich tatsächlich ganz ordentlich singen kann, hört man seinem Debütalbum allerhöchstens an zwei Stellen flüchtig an.
Die dunkle Klavierballade "Back With Me" präsentiert sich zwar nicht sonderlich originell, lässt aber Jesses Gesang etwas Raum. "Brand New Start", in dem Drums, Handclaps und Fingerschnippen dem Klavier beistehen, wirkt zwar auch bestenfalls nett, markiert aber dennoch den schmissigen Höhepunkt.
Das spricht nicht für den Rest der Platte. Bocklangweilige Bummsbeats und billige Autoscooter-Synthies ruinieren abseits der beiden Ausnahmen jeden Song. Der Opener "Let Me Love You" zeigt schonungslos, wohin die Reise führt: Geradeaus in Richtung Großraum-Disco.
Lassen einige Strophen, etwa in "This Is My Time", Pflänzchen der Hoffnung keimen, pflügen Refrains direkt aus der Hölle alles wieder um: Plastiksynthies, Claps aus der Retorte ... was immer die 90er an verachtenswerten Klängen ausgeschissen haben, darf mit und planiert zum Beispiel den zarten 80er-Vibe der Verse in "I Wanna Know".
Modern wirken soll wohl der Versuch, auf den ach so populären Dubstep-Zug aufzuspringen - wie in "Holding On To You". Ohne auch nur einen Hauch von Wucht dahinter: ein kläglicher Hüpfer ins Leere.
"Woooaaahuuoooh-aah" jodelt sich Jesse Ritch durchs Vokalsortiment, bekommt aber in den flachen Produktionen keinerlei Möglichkeiten, zu zeigen, was er möglicherweise drauf hätte. Inhaltlich gestattet er ebenfalls keinerlei Einblick in die Person Jesse Ritch.
Texte ohne jeden Tiefgang reimen in achttausendfach gehörter Manier "ever" auf "forever" und "never", wie es uninspirierter auch Bohlens Lyric-Generator nicht hätte ausspucken können. Dem "Let me, let me, let me, let me" der Eröffnungsnummer möchte man sich, so sympathisch einem der kleine Schweizer erscheinen mag, rasch anschließen: "Lass mich!"
57 Kommentare
Ich würde ja jetzt anprangern, das ich immer noch vergeblich auf die Foals Kritik warte... aber dafür is die Kritik ma wieder viel zu gut geschrieben: Der Schriftzug "Music 4ever" ziert zwar sein Schulterblatt. Mit "Jesse Ritch" legt selbiger dessen ungeachtet aber die ideale Platte für alle Zeitgenossen vor, denen Musik grußlos am Arsch vorbei geht." Großartig
ach du scheisse das is ja von 7us media... was hat der Herr Derer denn da verbrochen? oO
Kenn ich nicht.
Wann kommt eigentlich Medlock mal wieder mit Output an Start?
Wann kommt der Meilenstein für Jesse?
@ Morpho: Madlock sind vom vielen Nuckeln die Zähne rausgefallen. Da kommt so schnell nichts mehr.