laut.de-Kritik
Zwischen Säusel-Sopran und trotzigem Rappen.
Review von Philipp KauseDer Trend zum Mumble-Rap mag abgeklungen sein, das Element des Nuschelns und Murmelns entdeckt nun R'n'B-Künstlerin Jessie Reyez für ihren vierten Longplayer "A Little Vengeance" - "eine kleine Rache". Was für ein Albumtitel! Aber es geht gar nicht allzu sehr um Wut und Vergeltung, eher um die traurige Feststellung, dass es mit Beziehungen heutzutage nicht so einfach läuft.
Ihre kratzigen Vocals, die manchmal das Rebellentum eines Teenagers im Stimmbruch signalisieren, treffen dieses Mal auf butterweiche Volle-Pulle-Kickdrums, warmen Schlafzimmer-Sound und insgesamt eine unerwartbare Zahl an Balladen. Bevor der Verdacht aufkommt, es werde zu soft, greift sie in "Dusty ft. Ty Dolla $ign" zu Mittelfinger-Gesten und ergeht sich in vulgärem Schimpfen, was der Feature-Kollege gelassen erwidert.
War Jessies letztes Album "Paid In Memories" eher von Trap geprägt und den Formeln heutiger Spotify-Listen auffällig angeglichen, pflegt "A Little Vengeance" einiges mehr an Musikalität, Dramaturgie, ist auch kein zufällig wirkender Song-Haufen, sondern mutet wie ein stringent zusammen hängender Einblick in Jessies Tagebücher an. Wobei, nein, wenn diese so durcheinander sind wie ihr Buch "The People's Purge", dann gehört das Album doch in eine andere Kategorie: Es ist eine sortierte Abhandlung darüber, wie schwer es fällt, sich die Wahrheit einzugestehen, im Tinder-Bumble-Raya-Zeitalter doch immer wieder plötzlich ganz alleine da zu stehen, analysiert in "N.Y.F.F." - während andere heiraten und wegziehen ("Salt"). Es ist eine Abhandlung darüber, deswegen gar in Depressionen und Selbsthass zu verfallen, beschrieben im hymnisch vibenden "Fuck You Jessie", einer Nummer mit dezentem Latin-Pop-Rhythmus und einer einfachen, aber tollen Melodie.
Wenn der Ex einen am Handy blockiert, kann man vor Schreck schon mal den Geburtstag der eigenen Mutter vergessen und sich selbst bemitleiden angesichts von allzu viel 'Toxizität', wie man das seit eigenen Jahren nennt. Erkenntnis: Man stolperte durch anderer Personen Leben, ohne sich mal Zeit für die eigene Selbstfindung genommen zu haben - nachzuhören im feinfühligen, melancholischen "Everybody Cries Sometimes". Sollten die anderen kirchlich heiraten, hätten sie mit "Love And Money Don't Go ft. Raahiim" gleich einen kirchlich-sakral tönenden Song für den Altar. Raahiim ist ein R'n'B-Kollege aus Reyez' Heimat Toronto.
Die Sehnsucht bleibt, nach einem "warm body to hold (...) in the middle of the night" ("Ur Heartbeat"). Wo die Kissen sich kalt anfühlen, tröstet "Bob Marley in my headphones". In "Ego Atrophy" kommt die Reggae-Ikone zu Wort - Jessie hat das Glück, mit ihrem FMLY-Label, nach dem die "FMLY Interlude" benannt ist, das mittlerweile zehnte Jahr einen Vertriebs-Deal mit Island Records zu erfüllen, und dort lagern nun mal auch die Tonspuren diverser Bob Marley-Dokus. Andere aus dem Marley-Clan, Ky-Mani oder Damian, würden wahrscheinlich mit großer Anerkennung auf die effektiven Bounce-Beats von "99%" reagieren, mit denen Schwung in die kontemplative Track-Abfolge kommt. Es ist derjenige Song, der deklariert, dass nicht einmal Therapie noch helfe, gleichwohl zuvor ein paar Mal aus Therapiesitzungen zitiert wird.
Während Understatement als grundsätzliche Haltung der Platte dominiert, schwingt sich Jessie, manchmal genannt "Yessie" in "When You Hold Her" zu enorm fettem Pathos auf. Das Lied ist eine Hymne für die Halle, zum Mitsingen. Und generell: Der Künstlerin gelingt es dieses Mal vortrefflich, eine Platte durchzuziehen, die statt eines (auch reizvollen) Gemischtwarenladens wie "Before Love Came To Kill Us" so schlüssig und so ausdifferenziert wie ihre Shows ist. Wird Jessie in ihren Konzerten nahbar und setzt auf Spannungsbogen und Inhaltsreichtum, so gelingt ihr dies hier auch. Kommentiert sie auf der Bühne in charmantem Witz, nimmt sie sich auf dem Album die Zeit für die ein oder andere Überleitung ("Madame Joyce's Interlude", "FMLY Interlude", "C's Interlude"). Switcht sie on stage zwischen romantischen Akustik-Strecken und shoutendem Rap, setzt sie diese Pole und die Dramaturgie zwischen beiden hier auch. Sogar innerhalb eines Tracks, "Synesthesia ft. Lekan + D Smoke", turnt sie so akrobatisch wie in ihren Performances, allerdings 'nur' mit ihrer Stimme, springt zwischen Säusel-Sopran und trotzigem Rappen.
Lässt Reyez ihre Stimme bei "iBreak" auf High-Speed pitchen, läuft sie bei "Ego Atrophy" stellenweise in Slow-Motion. Intim, retardierend, so sind beide und überhaupt ungefähr die Hälfte der Songs. Kommen Gäste mit ins Spiel, dienen sie den dialogartigen Momenten und erblühen im Stimmen-Kontrast wie bei "Ain't U Tired? ft. Muni Long", wo Reyez in süßem Sopran trällert, während die ebenso engagierte Muni eine eher dunkle Stimmfärbung annimmt.
Das Konzeptalbum über die Stolpersteine postmodern Liebender und Begehrender wirkt konsequent und dekliniert verschiedene Blickwinkel, Phasen und Stimmungen durch. Vom doppelten Spiel bis zum Ghosting in "Ain't U Tired? ft. Muni Long" über den flehentlichen Wunsch, nicht gefriendzoned werden zu wollen in "N.Y.F.F." bis zur Abrechnung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden - "99%" - reicht die Palette. Wo es dort auf die Trennung hinaus läuft, spielt "When You Hold Her" die Fortsetzung durch. Am Ende verbleibt die Protagonistin alleine, wohl auch einsam mit ihren Wünschen, im absoluten Highlight "Ego Atrophy". Darin geht es ums Schwinden des Egos, und darum, was ihr bleibt. Das sind immerhin Freiheit, die Loslösung von inneren Dämonen, Nähe zu Gott, innere Balance, Dank für den eigenen Atem, und natürlich die Musik: Die Scheibe, wohl eine persönliche Bilanz zum 35. Geburtstag der Poetin, endet mit einem ansprechenden Amalgam aus meditativen Ambient-Neo-Soul-Vibes und wuchtig rollendem Trip Hop.


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