laut.de-Kritik
Selbstentwicklung konkurriert mit dem Kleben in alten Mustern.
Review von Philipp KauseJohannes Oerding hat eine melodramatische Sinnsuche angetreten. Wie er uns im ersten Song seines "Hotel"-Albums wissen lässt, gondelte er jenseits eigener Wertmaßstäbe jahrelang vor sich hin. Er funktionierte, aber sei dabei nicht so recht er selber gewesen. Ein Drama: "Ich kann nicht fühlen, wer ich bin", lautet ein tragisches Zitat aus "Hier Gehör Ich Hin", wobei dieser Song musikalisch eher fröhlich drauf los eiert. "Aus meinem Jetzt will ich auch nicht weg / und ich freu mich, was in Zukunft ist", brachte er 2022 im Song "Schnee Von Gestern" seine Kompasslosigkeit bereits auf den Punkt.
Dank einer Weltreise habe er zu sich selbst gefunden, zu dem, was wirklich in ihm steckt. Es sei "Niemals Zu Spät", um neu anzufangen. Prinzipiell ist das ja eine schöne Botschaft. Wäre die Hookline nicht "hey hey hey". Hier gerät die Soundgestaltung auf dem Akkord-Pattern von "Died In Your Arms Tonight" der Cutting Crew zwar catchy. Jedoch giert sie nach dieser überflüssigen Überproduziertheit, die Instrumente möglichst nicht nach Instrumenten klingen lässt, sondern nach Library-Gedudel für Krimiserien.
Die lebensplanerische Grundlinie und 'es-muss-alles-offen-auf-den-Tisch'-Haltung der Platte mündet immerhin großenteils trotzdem in eine geradlinige Singer/Songwriter-LP. Das ist die eigentliche Überraschung. Erst nach hinten raus fasert sie sich auf. Dann stolpert man über Peter Maffays mehr als präsente Gaststimme in "Eiszeit 2.0 ft. Peter Maffay", wobei das eines der besten Stücke ist, aber eben mehr Gast als Gastgeber enthält und das Lied eines von Maffay ist. Der darf im Vordergrund stehen - Oerding hat ja viele Songs für ihn verfasst.
Außerdem, und das mag gewollt sein, kippelt die anfängliche Balance aus lebhaften und ruhigen Nummern gen Ende zugunsten von Balladen. Diese könnten es vertragen, ein bisschen abzuspecken, sich auf Unplugged- oder Akustik-Modus zu reduzieren. Das stilistisch ein bisschen abgegrenzte "Wolken ft. Michael Patrick Kelly" sorgt schließlich für ein Ende, das schwächer als der Anfang wirkt und als Trauersong missrät.
Der Aufbruch der ersten Stücke ist ganz nett, teils frisch. Trotzdem macht es keinen so ganz runden Eindruck, wenn jemand mit 44 beschließt, seine Selbstfindung mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die anteilig autobiographische Platte kreist also um die Loslösung vom Kapitel 2009 bis '23. Derweil liegt weiterhin, auch nach einer Autobiographie in Buchform, eine lange Lebensphase von 1999 bis 2008 ziemlich im Nebel verborgen. Was mag der Singer/Songwriter, damals schon mit Major-Plattenvertrag, aber ohne Veröffentlichung, alles so getrieben haben? Unter anderem absolvierte er ein Diplom-Studium in BWL. Üblicherweise sind die Jahre der eigenen Positionierung hinsichtlich Zielen, Wünschen, Werten die Post-Pubertät und die Twen-Jahre. Aber im Showbiz läuft manches anders, dort ereignet sich sogar ein "Märchen Aus Hollywood ft. Sarah Connor".
Als Auslöser für den neuen Lebensabschnitt gab es in der Realität ähnlich schwerkalibrige Einschnitte, wie sie auf dem Album das neue Lied "Jahreszeiten" behandelt. Der Track umschreibt die Probleme eines Paares, zum Beispiel bei der Familienplanung, und streift als weiteres Thema eine schwere Krankheitsdiagnose vor der Kulisse des Spätherbstes, und die Erfahrung, wie schnell alles vorbei sein kann. Diese Zeilen sind recht behutsam formuliert, als ob sie aus dem direkten Umfeld des Musikers inspiriert wären. Ihn selbst traf der Tod seines Vaters. Der Song "Eins-zu-eins-Gespräch" hatte kurz vorher auf "Plan A" noch die Beziehung zum Papa behandelt. Im Januar 2024 wurde Oerding Senior beigesetzt. Zu diesem Zeitpunkt war der Musiker bereits nach einer langen Beziehung nicht mehr mit Ina Müller zusammen, sondern nunmehr mit der Ex von Wincent Weiss, der früheren Bravo-Redakteurin Yvonne Goldschmidt. Dass sie in Johannes Leben trat, liegt als Folie hinter der Platte, hinter der Stimmung des Albums.
Es geht also um große Fragen, um "all das Chaos und die Tränen", wie der "Sing meinen Song"-Moderator schief singt. Dabei setzt sich "Jahreszeiten" inhaltlich als so interessant durch, dass man über die allzu durchschnittliche Performance hinweg hören kann. Insgesamt hört sich die ganze Scheibe übrigens recht deutsch und amerikanisch an - also gar nicht kosmopolitisch nach Weltumrundung. Deutsch wirkt "Hotel" hinsichtlich der lokalen Markt-Konventionen, wie ein Pop-Song wohl aufgebaut sein sollte, welchen strammen Regeln er sich fügt. Die Schiene von Bendzko, Lea, und diversen ähnlichen, die bei "Sing meinen Song" schon ein und aus gingen, bleibt zwingender Maßstab: Man nehme eine Kombi von angedeutetem Electro, mikroskopisch dosierten Rock-Elementen, unschuldiger Folk-Credibility, Hookline-Zentrierung, und Pathos in den Refrain-Inhalten und Melodien, die nie ganz zufrieden stellen und keine Endorphine ausschütten, aber vorläufig hinhalten und auch nicht so ganz falsch klingen.
Den amerikanischen Anteil hört man bei deutschsprachigen Produktionen jenseits von Westernhagen dagegen selten. Oerding setzt mit "Hotel" wenigstens ab und an auf Autoren-Americana-Stil. Zumal er ja in der Regel selbst seine Lieder textet, kann er hier auch ein bisschen den nachdenklichen James Taylor auf Deutsch mimen. Freilich haben zugleich immer noch andere bei ihm in Beteiligungen die Finger mit im Spiel, um alles mehr auf Glätte zu trimmen und Teflon-Imprägnierung auf die Songs aufzutragen. Insoweit bescheidet sich der ein oder andere Country-Anklang auch mit vorsichtigem Andeuten.
Sowieso umschließt ja eine Weltreise mehrere Kontinente, in seinem Falle vier plus Insel, und es verwundert, dass aus der bunten Vielfalt der Rhythmen, Tonleitersysteme und Instrumente der Welt so gar nichts weiter beim Münsteraner gelandet ist. Der eingehende Befund der Platte lautet plump "Hier Gehör Ich Hin". Im Verlauf besinnt sich der Musiker darauf, dass es in der Hansestadt gar nicht so schlecht sei. "Hamburger Regen" mache, so lernen wir - haltet euch fest - "nass, aber tut gar nicht weh (...) man freut sich noch mehr die Sonne zu sehen. / Wenn ich im Dunkeln über die Elbbrücken fahr (...) dann ist mir alles egal." - Auch musikalisch haben wir es hier mit einer gleichgültigen, wässrigen Angelegenheit zu tun.
Das "Hotel" als Titel steht für vieles. Er habe immer gern in Hotels geschrieben, sagt der Sänger der dpa, fühle sich dort wohl. Das gleichnamige Lied ist auch sehr gut, unaufgeregt, zugänglich, differenziert und schön. Es beinhaltet verschiedene Szenarien und Emotionen. Das lyrische Ich schildert beklommen die eigene innere Leere während des Aufenthalts in einem Hotel, als Alleinreisender. Im Nachbarzimmer macht sich ein sexuell aktives Paar bemerkbar. Der Protagonist sehnt sich das Ende der Nacht herbei. Außerdem beschäftigt sich der Song mit Rastlosigkeit, Leben aus dem Koffer, gemischten Gefühlen "zwischen Heimweh und Fernweh", Vermissen und Erschöpfung, "zu müde zum Schlafen (...) und viel zu leer um wach zu bleiben". Um es zu betonen: Der Song sticht auch musikalisch heraus - konzentriert, feinfühlig, echt, schön, erfrischend unkalkuliert. Besser kann man es nicht machen. Es ist auch nicht das einzige, was auf der Platte diese Richtung einschlägt. Doch solche Perlen sind in der Minderzahl.
Einen Bruch zum Synth-Fake mit Zeilen-Schaumschlägerei, wie auf den vorherigen Alben, kann man trotzdem attestieren. Dann aber Händels Hallelujah-Chor aus dem Messias-Oratorium, Los Del Rios "Macarena", Prince-Androgynität und Rednex-Techno miteinander zu vermanschen ist zwar auch erfrischend, aber musikalisch schon eine Belastung. Der Text lobt allerlei Vermischtes, Erfindungen, Entwicklungen der Pop-Kultur und spielt darauf an, dass Oerding Robbie Williams "Angel" in einem knallvollen Oktoberfest-Zelt gesungen hat, wie TikTok dokumentiert.
Um noch einen guten Track zu nennen, loben wir abschließend den wichtigsten. Maffay, dessen Händchen für politische Statements ich schon sehr infrage gestellt habe, bringt ein paar wirklich scharfzüngige Formulierungen ein. So deutet er mit der Metapher brennender Regenbögen den Rückbau von Toleranz und Vielfalt durch so manches Regime an."Die Welt wird dunkel, das ist Asche und kein Schnee, weil Hass lebt und Menschen sterben / Regenbögen brennen, Kinder, die rennen." Der Peter macht gern was über Kinder, das verkauft sich gut, aber ist schon okay. Im Original von 1982 singt er über den Kalten Krieg, "Rotes Telefon - wenn du versagst..."
Mit dem eher unauffälligen Statement "Du hast davon gehört - ich hab es dir erzählt" schlägt er jetzt eine Brücke zum Faschismus der 1930er Jahre, und zur Problematik, dass danach niemand von etwas gehört und gewusst haben will. Insgesamt heißt die Zeile "Du hast davon gehört - ich hab es dir erzählt / Wir brauchen Feuer und Wärme für Liebe und Frieden", und dass die beiden das Lied in Zeiten der Erderwärmung Covern und es bei ansonsten geändertem Text weiter "Eiszeit 2.0 ft. Peter Maffay" heißt, spricht für sich. Auch hier entscheidet sich Oerding zum Glück für Klarheit und Rock und verwässert dieses Stück nicht in seichtem Geplätscher.


1 Kommentar mit 6 Antworten
Musik für Luschen.
Du magst Johannes Oerding??
10p
Schwingo bingo, lösch dich endlich. Es wird Zeit!
Brillanter pun und brillante Retourkutsche. Ich sehe, du hast deinen Doktortitel verdient.
Schwingo, du Ingo/
Ich stempel dich wie Bingo/
Mit dir ist finito/
Capito amigo
So!
nice!
Garret, du Barret/
Ich tanz mit dir Ballett/
zeig deine groteske/
Arabesque
Go!