laut.de-Kritik
Der legitime Nachfolger Tom Pettys.
Review von Franz MauererKevin Morby hat einen Lauf und nett ist er auch noch. Solche Strahlemänner ziehen die Leute geradezu an. Seine Freundin & Schriftstellerin Rachel Kushner ("See Der Schöpfung", lesenswert) schrieb zur Veröffentlichung des neuen Albums "Little Wide Open" eine liebe, aber nicht weiter bemerkenswerte Huldigung an Morby, die voll ins Narrativ der Scheibe einsteigt: Kevin Morby als die Verkörperung moderner Americana, der legitime Nachfolger Tom Pettys, auf dessen "Wildflowers" er explizit Bezug nimmt.
Mit ihren Gefühlen steht sie nicht allein; sage und schreibe sind auf "Little Wide Open" folgende Musiker zu hören: Amelia Meath, Justin Vernon, Katie Gavin, Lucinda Williams, Mat Davidson, Meg Duffy, Oliver Hill, Rachel Baiman, Stuart Bogie, Tim Carr, Andrew Barr, Benjamin Lanz, Colin Croom und Tom Moth (in den Videos sogar noch ein paar mehr). Alle sind sie aber nur zu Gast, Morby zieht seinen Stiefel durch. Der ist durchaus wiederzuerkennen als dritter Teil der Trilogie aus dem guten "Sundowner" und dem exzellenten "This Is a Photograph", legt aber nicht nur im Vertrieb einen emotionalen Schwerpunkt auf van life im Mittleren Westen – leicht losgelöst von den irdischen Beschwerden der anderen, fast schon fröhlich und ausgesprochen homogen im stets fließenden, tendenziell akustischen Sound.
Mit Aaron Dessner legt der dritte Produzent Hand an an den dritten Teil der Reihe. Gerade den dahinströmenden Aspekt seiner Hauptband, den Morby aber zuvor auch immer wieder teilte, wird er verstärkt haben. "Little Wide Open" ist ein Wohnzimmeralbum im besten Sinne, niemand wird sich beim Lesen oder Abwaschen daran stören. Einem bewussten, tiefen Hören verschließt es sich aber auch nicht, selbst oberflächlich simplere Songs wie "Die Young" erfreuen auch nach vielfachem Hören mit immer neuen Details. Der gekonnte Texter Morby beherrscht eher Sprache als Gefühle, vermeidet mit diesem eher philologisch als emotionalem Ansatz zu jedem Zeitpunkt auch den Kitsch.
Um zwei große Totems gruppieren sich die Songs. Immer wieder kommt die coole, lässige Americana-Geste des strohkauenden "Badlands", des wilden Mustangs "100,000" und des ganz sanft am Honky-Tonk schnuppernden "Dandelion" durch. Zum anderen ist es der große Popwillen von Morby, der die Scheibe prägt. "Javelin" könnte mit anderen Mitteln auch von Popstars kommen, ein astreiner Straßenfeger. In der B-Note finden die spürbare Härte und das metallische Klirren von "All Sinners" und der Folk von "Natural Disaster" (dessen elektrischer Abschluss dagegen leicht pflichtschuldig anmutet) und "Cowtown" eine überzeugende Balance.
"Little Wide Open" ist nicht weniger hart als die Vorgänger, sondern einem gewissen Soundbild stärker verpflichtet, was nicht immer zu schunkeligen Ergebnissen wie dem Titeltrack führt, aber trotz allem melodischen Pop keine schnellere Gangart als in "I Ride Passenger" zulässt. Schwächen hat die Scheibe mit Ausnahme des zu lieblichen "Junebug" und der unebenen Verteilung der Songs – die zweite Hälfte gerät viel ruhiger - nicht, die Glasdecke zum Meisterwerk will sie aber gar nicht zerschlagen. Verzagt ist Morby zwar nicht, die Tiefe eines Callahan verwehrt er sich noch selbst, und verspielt wie auf dem Closer "Field Guide For The Butterflies" ist er zu selten. Tom Petty wäre stolz und würde umso entschlossener sagen: Such dir nicht wieder Produzenten, die genauso kompetent und wenig wild sind du.


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