laut.de-Kritik
Husums Westcoast-Sound hat eine lange Tradition.
Review von Philipp KauseAls Rockmusik das Versprechen von Freiheit ausstrahlte, Lynyrd Skynyrd ihre langen Haare din den Fahrtwind hängten und die Doobie Brothers über die "Toulouse Street" brausten, oszillierten auch die Keyboard-Klänge einer norddeutsch-britischen Crew im warmen Vibe, der sich zwischen San Francisco und den Muscle Shoal-Studios ausbreitete. Lake spiegeln im Bandnamen bis heute quasi das Unterfangen, die Nordsee als Teich zu betrachten und von zwei Ufern aus mit Classic, Westcoast- und Southern-Rock zu bespielen.
Nach dem Ausscheiden und Ableben einzelner Mitglieder rückte das Kern-Quartett an den Instrumenten - zwei Tastenspieler, Bassist und Lead-Gitarrist - noch einmal zusammen, vervollständigte sich mit zwei Sängern und einem Auftrags-Drummer und legt nun "Four" vor. Die ausgewogene Platte pendelt zwischen originellem Upbeat-Party-Tune mit Saxophon-Würze ("This Can't Go On") und zarter Feuerzeug-Schwenk-Ballade ("No Regrets").
Es ist nicht die vierte LP, sondern die elfte unter dem Namen Lake (die Band hat rein gar nichts mit den anderen Lake zu tun). Aber von der fünften bis zur zehnten war jeweils keiner oder maximal ein Gründungs-Instrumentalist beteiligt. Nach "Lake" (1975), "Lake II" (1976) und "Paradise Island" (1978) liegt die vierte Platte mit den vier Herren Alex Conti an den sechs Saiten, Martin Tiefensee an den vier tief gestimmten, Geoffrey Peacey an den Keyboards und Detlef Petersen als Komponist und an den Tasten vor. Detlef hat die Platte auch produziert. Er betrieb in der Zeit nach Lake ein Tonstudio, komponierte für Udo Lindenberg Lieder wie "Odyssee", "98 Luftballons" und "Du Knallst In Mein Leben". Mehrere Wader-LPs gehen technisch auf sein Konto, Detlef Petersen schrieb Filmmusik für viele hierzulande produzierte Komödien-Hits der 90er wie "Karniggels", "Rennschwein Rudi Rüssel" und "Männerpension". Auch einen "Tatort" aus Saarbrücken versorgte der Nordfriese mit einem Soundtrack. Lake wiederzubeleben ist wie ein Renten-Projekt, Petersen ist 75, acht Jahre lang schraubte man an dem Material, suchte nach einem Sänger, strauchelte an der Corona-Situation und vollendete schlussendlich das Werk.
Nummern wie "See Them Glow" und "Angel In Disguise" aus den Siebzigern, als Lake sogar durch die USA tourten, tauchen als Bonus-Tracks in der Deluxe-Edition auf. Zwischen die alten und neuen Songs passt kaum ein Blatt. Eine Besonderheit bei den neuen Stücken ist ihre rhythmische Dynamik. Mehreren der jüngeren Tracks wohnt etwas Hüpfendes inne. Wie Bassist Martin Tiefensee erläutert, habe Session-Schlagzeuger Kenny Aronoff den Vorlagen einen eigenen Spin hinzugefügt und die Idee eingebracht, "Strophen 'hinter dem Beat' und Refrains 'vor dem Beat' zu spielen". Besonders wirkungsvoll macht sich dieser Trick im hymnischen "The Road Is Long" bemerkbar, unüberhörbar ist der Kniff im Fusion-Groove von "All We Need" mit mehrstimmigem Falsett-Gesang der Herren. Die Ekstase, welche die Lead im Outro zu "All We Need" anstimmt, würde man freilich gern noch weiter hören, doch da leitet die Band radikal ins Fade-Out um. Zumindest diese Abgrenzung zu den Seventies findet statt: Episches Gniedeln findet nicht statt.
Petersen dient der Band derweil sonnige Harmonien an, die durchaus dem Spirit des Siebziger-Soft Rock entsprechen und insbesondere den Ton damaliger kalifornischer Aufnahmen treffen, wie "Hey Sam" zeigt. Gerade diese Fähigkeit, amerikanisch zu komponieren und zu spielen, bereitete der Band damals vor roundabout 50 Jahren jedoch enorme Probleme: "Uns wurde von Plattenfirmen oft gesagt: 'Wenn wir so etwas wollen, wenden wir uns gleich an die Amerikaner'", erinnert sich Detlef Petersen. Immerhin, die namhafte und einflussreiche Firma CBS, schloss einen Vertrag mit den Europäern.
Unter den neuen Stücken auf "Four" ist "City Of Silence" ein Key-Song, der verschiedenste Mainstream-Stile der ausgehenden Siebziger unter einen Hut bringt, die man in der heutigen Musiklandschaft eher als nischig und alternativ betrachten würde. Da trifft das jojomäßig Klimpernde eines Al Stewart mit dem pathetischen AOR-Gestus von Def Leppard zusammen, die schnulzige Rockigkeit von Boston paart sich mit der rhythmisch kunstvollen Prog-Komplexität von Kansas, dem Storytelling-Approach von Billy Joel und Countryrock-Crossover, einer wichtigen Rezeptur der Zeit um 1976. Die Keyboards stehen bei "City Of Silence" glasklar im Mittelpunkt.
Apropos Storytelling: Einiges von der Inspiration zu den Texten beziehen Lake daraus, wie wir über verschiedene Medien in Kontakt zur Außenwelt treten - etwa Reality-TV und Facebook in "Ordinary People", musikalisch Marillion-Stil auf Folk-Rock getrimmt, der zu checkenden E-Mail im atmosphärischen "No Regrets", oder Instagram. Dort begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach dem aus seinem Leben verschwundenen Leuten wie dem Sam in "Hey Sam". In Summe behandeln die Lyrics den Kontrast zwischen glitzerreichen Träumen und banaler Wirklichkeit.
Die Doppel-CD-Deluxe-Ausgabe von "Four" umfasst Demo-Aufnahmen bereits veröffentlichter, aber vergessener Songs und ein Bündel guter, wenngleich ein bisschen provisorischer Konzert-Aufnahmen aus der Phase 1975 bis '78 mit dem längst verstorbenen Original-Sänger mit seinen bissigen Vocals. Zwei entstanden bei der BBC, das boogiegetränkte "On The Run (BBC 1978)" sowie "Love's A Jailer (BBC 1978)", diese Nummer geht Richtung Rock-Oper. "Angel In Disguise (Live)" ist zwar ein dumpfer, aber stimmungsstarker Mitschnitt. Ein hymnischer Hybrid aus Doobies, Climax Blues Band, David Crosby und The Band entfaltet sich in "Do I Love You - You Make Do It Again (Demo)". "See Them Glow (Live)" rumpelt mit charmant unperfekter Balance-Aussteuerung von einem alten Magnetband. "Chasing Colours (Demo)" und das energetische "Time Bomb (Live)" haben einige Parallelen zu Supertramp. Diese Bonus-Stücke erschienen ursprünglich verteilt auf die ersten drei Alben der Band, die es seit 2013 auch als CD-Set gibt.
Lake haben ihre neue LP in Husum eingespielt. Drummer Kenny schickte seine Tonspuren aus den USA ein, dann baute Petersen alles zusammen. Dass die Senioren dieses nostalgische Werk fertig stellten, lässt eine Glanzzeit der Classic Rock-Spielarten wieder aufleben. Auch wenn die ersten beiden Tracks etwas zahm Anlauf nehmen, lohnt es sich dran zu bleiben und diesen richtig gelungenen Longplayer zu erleben.


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