laut.de-Kritik
Der eigentliche Endboss des Spiels.
Review von Sven KabelitzWer auch nur ein wenig Herzblut für Gaming in sich trägt, kam 2025 an "Clair Obscur: Expedition 33" nicht vorbei. Zu Jahresbeginn 2026 überholte das Spiel sogar "Elden Ring" (2022) und steht seither an der Spitze der meistprämierten Spiele aller Zeiten. Darunter auch der prestigeträchtige Titel "Game Of The Year" bei den The Game Awards 2025.
Das Spiel lebt von seiner überraschenden, vielschichtigen Geschichte, der unverwechselbaren Ästhetik im Stil der französischen Belle Époque, von herausragenden Sprecherleistungen (unter anderem von Andy "Gollum" Serkis und Charlie "Daredevil" Cox) und nicht zuletzt vom atmosphärischen Soundtrack von Lorien Testard. All diese Elemente greifen so harmonisch ineinander, dass man kaum glauben mag, dass die Entwicklung unter zehn Millionen Dollar gekostet hat. Eine Summe, die im Vergleich zu vielen AAA-Produktionen der letzten Dekade, die mal locker die 200-Millionen-Grenze knacken, fast schon lächerlich wirkt.
Das vom ehemaligen Ubisoft-Mitarbeiter Guillaume Broche gegründete Studio Sandfall Interactive sammelte für ihr Erstlingswerk Küstler:innen um sich, die ihr ganzes Herzblut in das Projekt steckten. Ein JRPG, das sich von Final Fantasy, Persona, aber auch Paper Mario inspirieren ließ. Ein Spiel, das sie einfach selbst gerne spielen wollten. Über die Handlung selbst zu sprechen, würde bereits zu viel verraten. Nur so viel: Mehr als einmal lässt einen das Spiel staunend und überrascht zurück und wirft existenzielle Fragen auf.
Bei all der Lobhudelei kommt es natürlich auch nicht ganz ohne Schwächen aus. Insbesondere die Plattform-Passagen wirken stellenweise wie direkt aus der Hölle entsprungen und haben mit gelungenem Gameplay nur bedingt etwas gemeinsam. Rage Quit.
Sich auf Testards Soundtrack einzulassen, fällt hingegen sicher nicht allen leicht. Auch mich schreckte er zunächst ab. Am ehesten könnte man ihn vielleicht als opulenten Barock-Core voller Melancholie und Bombast bezeichnen. Als hätte man Claude Debussy mit einer Überdosis Adrenalin in einen Bosskampf geschickt, nur um im nächsten Moment von jazzigen oder elektronischen Passagen überrascht zu werden. Klingt er eben noch wie Nightwish, nur in gut, folgen darauf Mischungen aus Neo-Klassik und Chanson. Voller atmosphärischer Kontraste verfügt er über ebenso vielen Wendungen wie das Spiel selbst. Besonders stechen dabei die Stücke mit der herausragenden Sopranistin und Co-Komponistin Alice Duport-Percier heraus, die dem Klangbild eine besondere Tiefe und traurige Schönheit verleihen. All dies umarmt zusammen die französische Seele, als wolle dieser Soundtrack sie im Alleingang heilen.
Über all dem stehen natürlich "Alicia", "Gustave" und "Lumière", mit denen der Soundtrack beginnt und zu denen er immer wieder zurück kehrt. Die elektronischen "Flying Waters"-Stücke ("Flying Waters - Goblu") führen durch dezent spongebobartige Unterwasserwelten, während "Monoco's Station"-Tacks wie "Monoco's Station - Follow The Steps Of Monoco" eine einsame Kälte vermitteln. Nur um dann im von einem Saxofon angefeierten Jazz "Monoco" ebenso herrlich unkonventionell zu handeln wie eben jener Monoco selbst.
Voller Schwermut drängt sich "World Map - Déchire La Toile" nicht sofort in den Vordergrund, sondern schleicht sich erst mit der Zeit an. Während man über die Weltkarte streift, zwischen trügerischer Hoffnung und unausweichlicher Melancholie, legt sich das Stück wie ein feiner Schleier über jene.
"Ancient Sanctuary – Megabot #33" treibt den elektronischen Teil des Soundtracks gekonnt auf die Spitze, während "World Map – In Lumière's Name" Lust auf Pantomime verkloppen macht. Zu "Sirène – Robe De Jour" gleitet man durch die theaterhafte Welt der Sirene, nur um sich in "Sirène – Rouge D'Iris" mit den überaus lästigen Kleinausgaben eben dieser auseinander zu setzen.
Da sich nahezu jeder Klangschnipsel in der Box befindet, schwächelt es im letzten Drittel doch etwas und dünnt zunehmend aus. Aber spätestens zum Finale "Une Vie À Peindre" dreht "Clair Obscur: Expedition 33 (Original Soundtrack)" völlig am Hauptrad. Der sich in den dramatischsten Momenten hinzu schaltende Victor Borba gesellt sich an die Seite von Alice Duport-Percier, Lorien Testard fährt noch einmal alles auf. Ein dramatischer Wahnsinn zwischen Violinen, Gitarrensolo, Chören und hohldrehendem Schlagzeug. Komplett übertrieben, pures Adrenalin und der ultimative Bossfight-Track. "Bare naked muscles will save the world!"
Lorien Testards "Clair Obscur: Expedition 33 (Original Soundtrack)" bietet eine melodramatische Welt, in die ich mich nach anfänglicher Skepsis schnell einmuckelte, während meine Frau bei ihrem Urteil blieb. Für sie bleibt "Clair Obscur: Expedition 33 (Original Soundtrack)" der "eigentliche Endboss" des Spiels. Wahrscheinlich trifft irgendwie beides zu.


6 Kommentare mit 39 Antworten
Paar coole Sachen schon drauf, aber das Ding ist dreimal so lang wie manche "Final Fantasy"-Soundtracks.
Beschweren wir uns jetzt schon darüber, dass sich Stücke in Videospielen nicht mehr in Endlosschleife wiederholen?
Aber wer hört sich das von vorne bis hinten an? Für so einen Brocken würde ich schon eine ganze Woche benötigen, ohne etwas vom Spiel gesehen zu haben.
"Aber wer hört sich das von vorne bis hinten an?" Ich. Für den Text da oben.
Und deine Frau... anscheinend eher unfreiwillig.
Respekt! Hab schon bei einer Swans-Platte zu tun, mich durchgängig auf die Musik zu fokussieren.
Naja Swans wechselt halt auch regelmäßig zwischen goil und todlangweilig, kann ich schon verstehen
Ich spiel übrigens dank Switch 2 gerade mit Verspätung das Final Fantasy 7-Remake, nachdem ich es damals bei Release recht schnell liegen ließ. So ganz warm werde ich bisher aber auch diesmal noch nicht.
Meinte eher, was die Aufmerksamkeitsspanne angeht. Spätestens nach 2 Stunden brauche ich eine Pause. Habe das originale FF VII noch als Retail, aber nur ungefähr 1/3 gespielt. Da soll bald auf Steam ein Update kommen.
Am Stück hab ich das Ding auch nicht gehört.
Hatte auch schon Re/Release-Boxen von Krautrock-Sachen wie Michael Rother oder Faust von 6-8 Stunden. Musste die auf 4 oder 5 Tage verteilen.
Zudem ist mir das ein oder andere Stück in den vielen Stunden vor dem Bildschirm bereits begegnet. Hat es etwas leichter gemacht.
Hatte bloß in die im Text erwähnten Highlights reingehört. Hatte letztes Jahr neben ein paar Rhythmusspielen nur ein paar Rennspiele und Roguelites angezockt. Hole gerade "Absolum" nach.
Das FF7 Remake fand ich auch mäßig. Die Story ist ja bekannt, verrennt sich dann aber in völlig uninteressanten Nebenfiguren.
Und das Kampfsystem endet bei mir immer im kompletten Button mashing. Clair obscure hat ja toll gezeigt, dass gemächlich rundenbasiert immer noch perfekt funktioniert. Minimal modernisiert werden kann. Und nicht wie bei den neueren final Fantasy sich einer ADHS Teeny Community anbiedern muss und "Actionreich" sein muss.
Tatsächlich kloppe ich bei FF7R auch die meiste Zeit nur blöd drauf, da mich das Switchen in zu den weiteren Möglichkeiten komplett raus bringt. Wie du schon sagst, zeigt CO deutlich besser, wie man das machen kann. Ich bin aber durchaus auch ein Freund von klassischen rundenbasierten Kämpfen. Oder draufhauen. Die Mischung hier ist jedenfalls eher mittelgut. Wenn da jetzt nicht noch irgendwas entscheidendes passiert, werde ich die zwei weiteren Teile wohl eher meiden. Würde FF7R hier wohl eine 3/5 geben.
Ich bin ja eher für rundenbasierte Taktikspiele zu haben. "XCOM: Enemy Unknown" und "Showgunners" hatte ich letztens gespielt. Sehr zu empfehlen. Mein Favorit ist jedoch "Frozen Synapse". Sehr minimalistisch vom Stil, aber auch sehr anspruchsvoll. Sind aber zum Teil schon ältere Sachen.
Wie in der Musik bin ich wahllos und spiele gerne alles, außer Ego-Shooter. Wenn es gefällt, gefällt es. In den letzten Jahren ist zudem ein unerwarteter Hang zu Cozy Games entstanden, denen ich möglichst aus dem Weg gehe, da ich mich darin dann gerne komplett verliere. Siehe gefühlt 3.000 Stunden "Animal Crossing: New Horizons", die mich allerdings halbwegs gut durch Corona brachten.
Ich glaube, das einzige Cozy Game, das ich mir geholt habe, war "Dystopika". Als Megakonzern Cyberpunkmetropolen aufbauen und gestalten. Hatte bei Humble Bundle mal dieses Best Of-Boomer-Shooters-Paket geholt und "Ultrakill" sowie "Turbo Overkill" ziemlich gesuchtet. Da war jedes Spiel empfehlenswert. Ansonsten mag ich auch so ziemlich alles. Nur Aufbaustrategie schreckt mich ab. Zu viel Wirtschaft und Multitasking.
"Zudem ist mir das ein oder andere Stück in den vielen Stunden vor dem Bildschirm bereits begegnet."
... ja. mir auch.
Klar, achteinhalb Stunden ist ein ganz schöner Brocken, zumal sich manche Stücke in unterschiedlichen Interpretationen mehrfach finden. Aber das ist in Ordnung, denke ich: So kann jeder seine Lieblingsversion rauspicken und damit glücklich werden. Ich hab mir selbst eine Playlist mit meinen Highlights erstellt und komme immer noch auf eine absolut übertriebene Laufzeit.
Dani so: Mach doch besser Rap an, das ist bedeutend weniger nervtötend! ♥
kommt auf den rap an, aber ... ja.
Das Spiel war großartig. Gerade die Mischung aus Setpieces und der dazugehörigen Musik.
Der Soundtrack läuft jetzt immer wieder, gerade bei langen Autofahrten. Musik, die auch meine Frau gerne hört. Und gerade die Abwechslung macht es besonders.
Wird sicher nicht täglich laufen. Aber für gemütliche Momente immer wieder mal.
Donkey Kong Country Soundtrack Meilenstein wann?
und vong wem?
David Wise
Nein, wer schreibt den Meilenstein? Wann? Wie?
Na hoffentlich der größte Affe in der Redaktion.
Auf einer Schreibmaschine. Solange bis eine formvollendete Rezi bei rauskommt.
Dann bidde direkt auch alle Zeldas, Banjo Kazooie und Diddy Kong Racing rezensieren @ Redaktion
Aber der Donkey Kong Country 2-Soundtrack ist doch viel besser...
Na super, seit ich den Ausgangskommentar gelesen habe kam mindestens einmal pro Stunde ein imaginärer Donkey Kong in mein Blickfeld gerollt, der mir thumbs up gab, während in meinem Kopf die SNES-Version von "Simian Segue" in Dauerschleife zu spielen begann...
https://www.youtube.com/watch?v=b1xkXrzVQdU
Vielleicht einfach mal ein anderes Haze rauchen.
https://www.youtube.com/watch?v=IwEyob2jmXI
Das schreib ich alles mit!
along comes GOAT (neben David Wise) Grant Kirkhope und recycelt einfach mal genuine unused Donal Duck Vocal Samples für nen creepy Jack in the Box-Boss.
https://www.youtube.com/watch?v=bouTIxPSmLo
DK 64 ist ein brillant-beschissenes Game, aber die Musik ist wie bei (fast) allen rare Titeln großartig.
https://youtu.be/fDRFOYRTT04?si=hBDTNKJEwT…
(und ja, das gilt auch für den DK-Rap)
Der DK-Rap ist Musik für freddy, der ist bestimmt bedeutend weniger nervtötend als das Videospiel-Gedüdel.
Der DK-Rap war einer meiner ersten Kontakte zur Kunstform Rap. ♥ Da konnte der F-Zero X Ost mit seinem faden Metal-Geballer nicht mithalten, ma sagen!
Wenn ich im Sterben liege und die Namen meiner engsten Kontaktpersonen schon längst vergessen habe, werde ich wahrscheinlich immernoch Teile des DK-Raps rezitieren können.
Pitchfork war schneller
https://pitchfork.com/reviews/tracks/david…
ich liebe das spiel aber videospiel ost werd ich mir in diesem leben nicht anhören. hab ja schon 100h diese mucke gehört