laut.de-Kritik
Zwei weirde Typen rappen weird.
Review von Yannik GölzManche Musik ist erlernter Geschmack. Da braucht man sich nichts einreden. Manchmal wird ein erlernter Geschmack ein Genre. Und je mehr Leute sich in diesem Genre an einen erlernten Geschmack gewöhnen, desto weniger seltsam kommt er ihnen vor. Wenn dieses Genre unter Ausschluss der Öffentlichkeit fröhlich in der Petrischale vor sich hin mutieren darf, kommt gerne mal Zeug heraus, das dem Durchschnittsfan schwer zu erklären ist.
Bestes Beispiel: Wenn jemand während der Odd Future-Tage aufgehört hat, Earl Sweatshirt zu hören, wie erklärst du dann dieses Tape? Als allererstes müsste man erklären: Also, guck mal, die Untergrund-Lyriker haben sich jetzt wohl den Mumble-Rap gekrallt. Klingt komisch, ist aber so. Mitte der Zehnerjahre hat Earl nämlich dieses extrem untergrundigen Typen namens Mike entdeckt, der über perkussionlose, sperrig-abstrakte Sampleloops genuschelt hat. Er fand das so geil, dass sein Neuerfindungsalbum "Some Rap Songs" sehr davon inspiriert war. Zusammen sind die beiden heute wesentliche Innovatoren dessen, was unter dem Schlagwort Abstract Hip Hop läuft.
Trotzdem wäre damit noch lange nicht erklärt, was auf "Pompeii / Utility" passiert. Dieses Doppelalbum im Stile des letzten großen Outkast-Outputs markiert nämlich das Aufeinandertreffen der Abstract-Giganten. Aber sie treffen sich nicht zum Heimspiel. Auf diesen dreißig skizzenhaften Tracks kommen sie auf der Produktion des futuristischen Hip Hop-Kollektivs der Surf Gang zusammen. Die stehen in den Zwanzigern für innovativen Post-Soundcloud-Rap Pate wie kein zweiter und haben von Lucy Bedroque, Xaviersobased bis Jackzebra quasi den Motor des Untergrunds auf ihrer Seite.
Nun muss man aber sagen: Xaviersobased und Mike fallen beide unter das Schlagwort Untergrund, aber wohl an diametral entgegengesetzte Enden davon. Genau so hören sich die Beats auf diesem Projekt auch an, produziert im jungen Stil des Ambient Plugs.
Gott im Himmel, was soll das also schon wieder sein? Es sollte mal jemand einen Erklär-Artikel über all die aktuellen Amirap-Strömungen schreiben! Aber die Kurzfassung: Artists wie Izaya Tiji haben den eh schon sehr luftigen Plugg-Stil der letzten Jahre aus Atlanta (bekannt von Leuten wie Rich The Kid, Famous Dex oder dem frühen Playboi Carti) über die Jahre immer mehr Elemente entzogen und eine superrudimentäre Version davon gezimmert. Auf der streicheln die 808-Bässe, statt zu wummern. Statt Perkussion gibt es noch ein paar hohle, hallende Snares, die den Klangraum vom oben eingrenzen. In der Mitte wabern diese sperrigen, melodisch weirden und teils mikrotonalen Synth-Motive. Atmosphärisch wäre das gar nicht so weit weg von "Die Lit", nur gibt der Minimalismus dem noch einmal eine Radikalität, die all dem neue Vibes verpasst.
Und hier ist der Bogen schließlich geschlagen: Denn bei 'abstrakt und sperrig' treten wohl Mike und Earl wieder auf den Plan. "Pompeii / Utility" ist so etwas wie die Untergrund-Rap-Hufeisentheorie. Und wisst ihr was? Hat man diese Geschmäcker erlernt, hittet das wie sonstwas.
Das hat vor allem mit Mike und Earl selbst zu tun, die die absurdesten Personas entwickelt haben. Mike klingt wie ein dreihundert Jahre alter Weiser aus den Bergen, der durch die Straßen der Stadt wandelnd profane Weisheiten vor sich hin murmelt. Earl tritt auf, als wäre er ein Jazzbassistenonkel, der vor vielen Jahrzehnten mal in der Band von Miles Davis gespielt, dessen goldene Jahre miterlebt hat und deswegen heute nur müde Lächeln kann, wenn irgendjemand irgendetwas für avantgardistisch hält. Beide rappen, als würden sie kaum wahrnehmen, dass sie gerade rappen.
Will heißen: Da entsteht seltsamer Sound, aber eine ganze Menge Aura. Vor allem in Tandem mit dem Minimalismus, der Monotonie und der Repetition dieser Beats, die eine ganz subtile Psychedelik mitbringen. Sie sind nicht druff genug, dass man von ihnen high würde. Aber man fühlt sich schon ein bisschen so, als würde man nach einem sehr langen Tag auf Arbeit und wenig Stunden Schlaf in der S-Bahn nach Hause fahren.
Der Track "Minty" von Mike zum Beispiel: Evilgiani sitzt am Beat, der ganz unterschwellig von unten schiebt. Die Hats hallen in den Abendhimmel, Mike steht in der Dämmerung. Der rappt Punchlines: "Bro, you not a gangster, take your talents off to LinkedIn". Es ist nicht so, als wäre "Pompeii / Utility" ein Lebensringen wie "Some Rap Songs" oder "Weight Of The World". Mike und Earl sind einfach nur flye Typen, die etwas über das Game verstanden haben, und die anderen nicht.
"Afro" ist einer der konventionelleren Track, gibt aber einen guten Groove her. "Your lil' vape don't even sting, why it's bubblewrap? An innovator, I'm the dream, my lucky ass", rappt er da. Auf der Earl-Seite des Projektes stechen Tracks wie ":( again :)" heraus - die Synth-Komposition klingt wie dieses eine viel zu atmosphärische Level auf einem alten GBA-Spiel. Das findet sich auch auf einem "Chali 2na" wieder.
Das Witzige ist: Dafür, dass die beiden diesen krassen Lyriker-Status haben, sind die Texte für dieses Projekt eigentlich gar nicht so wichtig. Sie sind auf ihre Art gut und effektiv, weil sie auf den verworrenen Gedankengängen davon driften und den Treibsand-Charakter der Musik noch verstärken. Aber superlebendiges Storytelling oder krasseste Zinger hatten sie schon anderswo deutlich mehr.
"Pompeii / Utility" hat die größe Stärke da, wo es die meisten abschreckt: Es ist ein supermonotones, atmosphärisch sperriges Projekt voller Skizzen mit weirden Sounds, auf dem zwei weirde Typen weird rappen. Aber gerade darin entfaltet es eine Einzigartigkeit und eine Atmosphäre, die sonst nichts hat. Wenn Schlaflosigkeit und Arbeit hart an den Schläfen hängen, dann ist das hier die Musik, zu der man abschweifen und den Zügen im abendlichen Bahnhof hinterherschauen sollte.


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