laut.de-Kritik
Untanzbare Musik mit tief vergrabenem Beat.
Review von Franz Mauerer"URGH" denkt sich jedenfalls nicht, wer "I've Seen Ways" noch im Kopf hat, das tolle Debüt der hypereuropäischen Mandy, Indiana. Die wandern irgendwo zwischen Berlin, Leeds und Manchester herum, Sängerin Valentine Caulfield krächzt meist auf französisch. Das Quartett hat noch einen Produzenten und Gitarristen, einen Knöpfchen- und Regelbediener und einen Schlagzeuger, entsprechend hört sich das dann auch an. Der Albumname ist im Übrigen keine Hommage an die serbische Grindcore-Band, sondern im englischen (Comic-)Sprachgebrauch mit "Würg" zu übersetzen.
Mandy, Indiana machen strikt (zumindest in der Öffentlichkeit) untanzbare Musik, mit meist tief vergrabenem Beat, und erinnern eher an analoge Noise-Künstler wie Dälek, nur eben meist ohne Rap – und ohne Geschrei. Caulfield hat keine Probleme, aus dem Gewühl hervorzustechen, das aber zumeist auch nur im Ergebnis, aber nicht in den Komponenten Noise ist. Das kann recht unterschiedliche Formen annehmen: Pixie-Industrial wie auf dem flirrenden "Dodecahedron", Post-Trip-Pop mit "Try Saying", der Noise-Rap des Openers "Sevastopol", der Drone-Pop von "A Brighter Tomorrow". Caulfields Stimme schaltet dabei blitzschnell vom Dolchstoß über eine Kate Moss-Modellstimme zur Indiedirne. Nur die Texte bleiben fast immer im höchstpersönlichen Verletzungsspektrum und überzeugen auch sprachlich durchgehend.
Auf "Life Hex" erinnern die Mandys an Dead Can Dance, würden die auf der Walpurgisnacht spielen im Wissen, dass nur richtiger Bumms sie hier wieder lebend rausbringt. Dieses Ungetüm bockt ewig auf der Koppel, ohne jemals auszubrechen, der Zaun ist danach aber hin. Es ist die Mischung aus Hyperaggression wie auch auf "Magazine" und den ebenso stark überzeugenden vielfältigen oben genannten Songs, die den Reiz von "URGH" ausmacht.
"Ist Halt So" nähert sich mit großen Schritten Rap an, überzeugt mit einer merklichen Eindimensionalität aber am wenigsten. Billy Woods hätte nie bei einem schlechten Song mitgemacht, und so ist auch "Sicko!" respektabel. Caulfield fühlt sich wohler als Zeremonienmeisterin denn als MC und gebietet über den Rahmen, den Woods bespielt, der ihn in seiner Angespanntheit aber ein wenig zu überfordern scheint. "Cursive" stellt das gewohnte Qualitätsniveau endgültig wieder her mit einem atemlosen Dschungelpop-Stück. "I'll Ask Her" katapultiert einen mit Kettensägensound förmlich aus dem Album, das skelettierte Stück ist von allen das vermutlich innovativste und der beste Rapsong von "URGH".


3 Kommentare
Schon gewagt, dieses Album als HipHop/Rap einzukategorisieren. Rap findet nur in Form von Billy Woods auf dem einen Song statt. Und HipHop hör ich hier auch nicht raus.
Album ist aber trotzdem ganz arg geil und läuft seit Release bei mir rauf und runter. Sicher was für Fans von Noise/Industrial/Dancepunk etc.
Und selbst der Song mit Billy Woods klingt ziemlich nach Death Grips, die sich ja schon hart im Grenzbereich von HipHop bewegen
Ein Rotz!