laut.de-Kritik

Hits aus dem Jukebox-Zeitalter.

Review von

Das Prinzip geht in die fünfte Runde: Der rotbärtige New Orleanser Marc Broussard covert für den guten Zweck Songs aus einer verstaubten Schatzkiste. Bei "S.O.S. V" sind nicht nur wegen der "5" im Titel die Fünfziger dran: "Songs Of The '50s". Broussard hatte mit seinen Bandmitgliedern abgestimmt, welches Material sich mal anbieten würde, und man landete bei richtig alten Schinken, teils fetten Schnulzen aus dem Zeitalter von Jukebox, Tanzlokalen und Jünglingen voller Pomade im Haar.

Über den berühmtesten Song in diesem Kontext hätte man vor ein paar Jahren noch gesagt: 'Kennt jeder!' "I'm Walking" stammt vom 2017 verstorbenen Rock'n'Roll-Pionier Fats Domino, einer der großen Persönlichkeiten aus Broussards Heimatstaat Louisiana. "I'm Walking" wurde mehrmals zum Kassenschlager, auch dank einem TV-Werbespot, den die Nummer unterlegte. Marc und seine Jungs sind dem Klassiker zweifelsfrei gewachsen und präsentieren ihn mit Schneid und Kraft.

Weitere Welthits heißen "Lucille", "Hey Baby", "You Send Me" sowie "Tell It Like It Is" vom wiederum aus New Orleans stammenden Aaron Neville. Zumindest war Neville der erste und prägendste, der diesen Soul-Evergreen aufnahm. Aaron Neville lebt noch, er ist vierfacher Grammy-Gewinner, und Broussard versucht gar nicht erst, sein spezielles Vibrato nachzuahmen.

Das romantische "You Send Me" erkennt man alsbald, wenn man ein paar Takte hört. Sam Cooke war der Urheber, die Liste der Interpreten ist lang - kleine Auswahl: wieder Aaron Neville, Paul Anka, Aretha Franklin, Roy Ayers, Michael Bolton, Diana Ross nebst Supremes, Dixie Chicks, Everly Brothers, Steve Miller Band, Otis Redding, Mavis Staples, ... braucht es da wirklich noch eine neue Auflage? Eigentlich nicht, aber das Lied versetzt nun mal in eine alte Zeit, als das Fernsehen schwarz-weiß und Liebesbriefe in Tinte gegossen waren. Zwischen Rock'n'Roll und Pop gilt dieser Tune als extrem wichtig. Broussard trägt lebhaft raspy und mit tollem Chor vor - und denkt an die Bühne. Im März bespielt er die deutschen Locations, dann darf dieser Song als Lichter-Schwenk-Highlight herhalten.

Teens und Teens der Sechziger kennen "Hey Baby" (komponiert 1957) von Bruce Channel, dem wenig berühmten Autor, und von Delbert McClinton, seinem schon um einiges berühmteren Mundharmonika-Spieler. Die Jugend der Achtziger wuchs dank "Dirty Dancing" damit auf, und wer in den 2000ern groß wurde, erlebte die eher unrühmliche Version von DJ Ötzi als Hit hautnah. Wichtig an diesem Song war nicht nur sein Einfluss auf John Lennon und Ringo Starr, die ihn stilistisch nachahmten und coverten, sondern auch seine textliche Einfachheit.

Wer also denkt, bei Anmachsprüchen, Verlobungs- oder Heiratsanträgen zähle der Einfallsreichtum, den belehrt dieser beliebte Klassiker eines Besseren. Auch Broussards Band packt die Quetsche zwischen die Lippen, sensationeller Weise mit dem originalen Musiker, dem 85-jährigen Delbert, und der Rhythmus schnalzt saftig wie selten. Marcs Stimme trifft die mutigen Parts des Songs wie auch den Umstand, dass dem Antragsteller die Nerven blank liegen, und so überschlägt sich die Stimme in der Höhenkurve.

Den Track "Lucille" rief uns vor ein paar Jahren der Tod Little Richards in Erinnerung. Es ist eine gesalzene Klavier-Nummer samt Saxophon-Stakkato. Die Basslinie tritt bei Broussard etwas in den Hintergrund. Er keift den Track weniger als Little Richard, trägt ihn aber ebenfalls mit Nachdruck vor.

Die "Unchained Melody", rückblickend gerne den Righteous Brothers und den Sechzigern zugeordnet, datiert viel länger zurück. 1942 hat Filmkomponist Alex North ihn wohl für den Film "Unchained" komponiert, der Streifen kam erst 1954 in die Lichtspielhäuser. Ab 1955 gibt es regelmäßig mehrere Plattenaufnahmen jährlich - exemplarisch seien Bing Crosby, Cliff Richard, Duane Eddy und Gene Vincent genannt. Broussard lässt den Titel so schmalzig und cineastisch, wie er immer schon war und wie er es wohl auch einfach gehört.

Die Zeitreise des Blues- und Soul-Barden Broussard, der bekanntlich auch tolle eigene Stücke schreibt, dient dem Benefiz. So klingelt beim Verkauf des Longplayers die Kasse der gemeinnützigen Organisation Love Of People in New Orleans. Deren Anliegen ist zwar ein wenig schwammig. Zum Konzept gehört es jedenfalls, Gealterten im Musikgeschäft zu helfen, die nicht mehr touren, seien es nun Techniker oder Kreative. Oft haben sie zu spärliche Rücklagen fürs Rentenalter. Sie halten die Kultur der Südstaaten am Leben - ihnen will Broussard daher etwas zurück geben.

Die Folge zuvor widmete sich dem New Yorker Schulbetrieb und der Finanzierung von Instrumenten für Schüler:innen. "S.O.S. IV" stand unter der Schirmherrschaft von Joe Bonamassas KTBA. Teil 5 erscheint nun beim Kölner Label India Media. Das Akronym "S.O.S." steht für "Save Our Souls". Marc legt viel Seele hinein. Er spielt seine Kompetenz als Geschichtenerzähler selbst bei diesen simplen und durchgenudelten Texten so aus, als wären sie ganz frisch geschrieben. Sein Vortrag ist hinreißend, dynamisch, ein großes Schauspiel. Diese Interpretationen legen die passende Würze in die alten Songs, die dabei durchaus alt bleiben und auch so klingen dürfen.

Trackliste

  1. 1. Hallelujah, I Love Her So
  2. 2. Dream Lover
  3. 3. Unchained Melody
  4. 4. Lucille
  5. 5. Tell It Like It Is
  6. 6. I'm Walking
  7. 7. Hey Baby
  8. 8. You Send Me
  9. 9. Stagger Lee
  10. 10. Baby Girl
  11. 11. Smile

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