Porträt

laut.de-Biographie

Olivia Dean

E17 - so heißt kein Zusatzstoff in Süßwaren, sondern die Postleitzahl von Walthamstow im Londoner Norden. East 17 stammen von dort, David Beckham aus dem Nachbarviertel, und Olivia Lauryn Dean ist dort aufgewachsen. Ihrem zweiten Vornamen Lauryn macht sie alle Ehre, denn es scheint, als habe ihre Mutter sie während der Schwangerschaft mit Lauryn Hills "Miseducation" beschallt. Tatsächlich gab sie ihr wegen der berühmten Fugees-Sängerin diesen zweiten Vornamen.

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Olivia kommt am 14. März 1999 zur Welt, als "Doo Wop (That Thing)" die Welt erobert hat, und stilistisch fügt es sich gut: Olivia Dean wird später der schillerndste neue Name des Neo-Soul im den 2020ern. Hinein geboren wird sie auch in den Londoner Drum'n'Bass-Boom, und in diesem Genre sammelt sie ihre ersten Meriten. Sie ist eine der Stimmen bei Rudimental, dem multikulturellen Offbeat-Bass-Projekt an der Themse.

Ihre eigene Musik folgt einer anderen Maxime als die Gastauftritte bei den Drum'n'Bassern: "Wenn mich eine Zeile in einem Song, den ich geschrieben habe, zum Weinen bringt, dann denke ich: 'Ja, das sind die Songs, die mich interessieren'. Es bringt mir nichts, etwas zu veröffentlichen, das mich nicht berührt", rückt sie im Magazin Musikexpress heraus. Dabei erlegt sie sich ein mutiges Prinzip auf, wie sie im Talk mit Apple Music gesteht: "Zu 100 Prozent handeln alle meine Songs von Erlebtem. Mein Leben bietet auch das Material".

"Über etwas anderes könnte ich nicht schreiben, denn alles andere wäre für mich nicht reizvoll! Es muss wirklich etwas bedeuten - denn möglicher Weise werde ich diese Lieder ja für den Rest meines Lebens singen. Mir geht es nicht darum einen Haufen Geld mit der Musik zu scheffeln, sondern einfach darum etwas zu erschaffen, was für immer bleibt - hoffentlich!"

Zumal der Stoff früherer Generationen auf sie eine magische Wirkung ausübt: "90 Prozent der Musik, die ich höre, ist alte Musik. Ich schätze, ich bin ziemlich 'old-souled' romantisch. An älterer Musik fasziniert mich, wenn sie scheinbar ewig überdauert und wenn ich heute spüren kann, was jemand vor hundert Jahren dachte", umreißt Dean ihre Präferenz im NTS-Interview. "Irgendeiner Genre-Welle hinterher zu laufen - so etwas interessiert mich nicht besonders", protokolliert die dpa.

Das Zeitlose und Ewige findet Dean selber als Musikhörerin im Motown-Sound, bei manchen fetten Kick-Drums der 80er, bei Solange, Alice Phoebe Lou, Cleo Sol und bei Prince. Insbesondere die lebhafte, verschwitzte Art, wie er auf Bühnen auftrat, hat es ihr angetan. Die anno "1999" Geborene weiß mit acht Jahren, dass sie beruflich singen will.

Sie ist so vernarrt in die Musik, dass es bei ihr genau anders herum läuft als in so vielen Familien: Nicht die Mama triezt die Tochter, Klavier zu üben, sondern Olivia tritt ihrer Mutter auf die Füße, ihr ein Klavier zu kaufen. Im Budget der Familie ist das nicht enthalten - zumal man mit acht Jahren kaum einschätzen kann, wie lange eine plötzliche Begeisterung anhält. Die kleine Olivia lässt nicht locker und bekommt schließlich einen gebrauchten Flügel.

Olivia Dean - The Art Of Loving Aktuelles Album
Olivia Dean The Art Of Loving
Die Melancholie knistert.

Die schwarz-weißen Tasten bedeuten ihr die Welt, samstags nimmt sie Gesangsstunden. Hier kann sie auch ihre kulturelle Identität ausleben, afrokaribisches Groove-Gefühl. R'n'B heißt hier Olivias erste Wahl. Oma und Opa mütterlicherseits ließen sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus Jamaika und Guyana anwerben, Übersee-Territorien, auf denen die Engländer einst als Kolonialmacht ihre Verwaltung installiert hatten. Die vielen angelockten Gastarbeiter:innen der so genannten Windrush-Generation tragen auf ähnliche Weise zum Wirtschaftswunder Englands bei wie die Leute aus Südeuropa zur

Im Elternhaus habe Olivia einen eklektischen Mix aus viel Reggae, Aretha Franklin, Stevie Wonder, Angie Stone, Jill Scott, Al Green, Paul Simon und Talking Heads mit auf den Weg bekommen.

Und dann wäre da noch Carole King und dieses ganz besondere Gefühl, "wenn man Musik wie ein Buch liest und jedes Lied sich wie das nächste Kapitel anfühlt", erklärt Olivia Dean dem Magazin Wonderland. Derweil Olivia in einem Gespräch mit dem Blog annabelle eine andere Performerin als optisch bestgekleidete Künstlerin sehr schätzt: Rihanna.

Immerhin stammt auch sie aus der Karibik. Der mixed heritage-Hintergrund ihrer Eltern wird zu einer von Olivias Antriebsfedern im zusehends fremdenfeindlicher werdenden England ihrer Teenager-Jahre. Was ihre Großeltern taten, sei ein Akt der Tapferkeit gewesen, ihren Erfolg verdanke sie ihnen, so lässt sie es die Welt beim Empfang ihres ersten Grammy wissen.

Bis zu dieser goldenen Statue ist es indes ein langer Weg. Zu Beginn ihrer Pubertät spielt Olivia in Musicals, für die sie sich bewirbt, und lernt gleichzeitig zu singen und zu tanzen. Sie mag es, sich in den Rollen zu verstecken statt sich selber darzustellen. Angesichts ihrer 1,72 Meter versperrt sich ihr mancher Weg. Sie erhält Absagen für Schauspielrollen, weil sie zu groß sei. Diese Erfahrung frustriert sie, spornt aber an.

Mit 15 entert die schüchterne Jugendliche die renommierte Brit-Schule, eine Art Jazz- und Pop-College für sehr junge Talente, auch Kreative aus Theater und Kunst. Adele, Amy Winehouse, Jessie J, Lola Young und Raye absolvierten dort ihre Ausbildung. Um mit Bus und U-Bahn in den Stadtteil Croydon zu kommen, nimmt Teenager Olivia täglich je 90 Minuten Hin- und Rückfahrt in Kauf. "Ich wollte dort unbedingt hin - was auch immer dazwischen kommt, hell or high water", erzählt sie der BBC. An der BRIT lernt sie ihre späteren Band-Kumpels Finn Zeferino-Birchall, Bassist, und Dan See, Drummer, kennen.

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Im Alter von 18 beginnt die Zusammenarbeit mit Rudimental, für die sie als Tour-Sängerin auftritt. Somit präsentiert sie sich einem partygeneigten Publikum und sammelt Erfahrung mit Leichtigkeit. Um ihr schwermütiges Debüt "Messy" (2023) abzuschütteln, besinnt sie sich für den Nachfolger "The Art Of Loving" auf tanzbare Grooves. Beißen beim Erstling schon Belgien, Holland, Dänemark und die Schweiz an, chartet "The Art Of Loving" 2025 in 25 Ländern in den Top 50, darunter in Australien, Neuseeland, den Niederlanden, Großbritannien und Irland auf der Eins. Das heimische Fachblatt NME in London kürt die Platte in seinen Jahres-Charts auf Platz 18, The Guardian hört beim Rezensieren Soft Rock der Siebziger heraus, und der Independent vergibt die Höchstwertung 5/5.

Sie tritt beim Glastonbury auf, verkauft vier Mal die Londoner O2-Arena aus (80.000 Tickets für eine junge Soul-Sängerin sind ungewöhnlich), und beehrt Jools Holland in dessen Fernseh-Show. Für Elton John spielt sie Support, ein Kollege, von dem sie sich sehr unterstützt fühlt.

Das bizarrste Erlebnis im Rausch des Berühmtwerdens gibt die Sängerin und Keyboarderin beim Plaudern mit Apple Music zum besten: Sie habe immer Naomi Campbell verehrt, diese als weibliche Ikone und Feministin gesehen. Und dann sei sie ihr wirklich begegnet. Noch bevor ihr eine Idee kam, wie sie Naomi ansprechen könnte, kam das Star-Model auf sie zu. Weitere Frauen, zu denen Olivia aufschaut, sind die Film-Kolleginnen Michaela Coel, Issa Rae, Letitia Wright und die verstorbene Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks. Deren Buch "All About Love" fließt immer wieder auf "The Art Of Loving" ein, Bells Namen nennt sie schon im Intro.

Mit "The Hardest Part", "Nice To Each Other", "Rein Me In" mit Sam Fender, "Man I Need", "So Easy (To Fall In Love)", "Baby Steps" und "A Couple Minutes" verzeichnet die Durchstarterin etliche Single-Hits. Auf den Alben "Toast To Our Differences" von Rudimental, "Hugo" von Loyle Carner und "Dance, No One's Watching" vom Ezra Collective hatten aufmerksame Ohren sie schon lange entdeckt. Auch künftig möchte die Grammy-Gewinnerin in der Kategorie 'best new artist 2025' auf ihre Work-Life-Balance achten, langjährige Freundschaften pflegen und ihren Hobbys nachgehen: multitaskend stricken und Podcasts hören, Serien schauen und Yoga.

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Mo 11.05.2026 Düsseldorf (Mitsubishi Electric Halle)
Di 12.05.2026 Berlin (Velodrom)
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