laut.de-Kritik
Kein Comeback, eine Machtdemonstration.
Review von Emil DröllZugegeben: Das Comeback von Poison The Well ist dermaßen geräuschlos an mir vorbeigerauscht, dass ich nicht einmal den Release von "Peace In Place" auf dem Schirm hatte. Im Nachhinein vielleicht die beste Ausgangslage. Kein vorab kultivierter Pessimismus, sondern der direkte Sprung ins eiskalte Wasser. Und der tut gut. Denn wer mit "The Opposite Of December... A Season Of Separation" einen der prägenden Meilensteine des Genres im Rücken hat, kann sich keine halbgaren Nostalgieübungen erlauben. Dass nach "The Tropic Rot" dann 16 Jahre Release-Funkstille herrschten, wirkte ohnehin eher wie ein stiller Abgang als wie eine Pause.
Um so überraschender fällt das Urteil aus: "Peace In Place" ist kein Pflichtkauf, es ist Pflichtlektüre. Ein Album, das nicht um Relevanz bettelt, sondern sie sich mit jeder Sekunde zurückholt. Poison The Well klingen hier wütender denn je, gleichzeitig kontrollierter, unglaublich präzise in der Verbindung aus Melodie und Härte.
Schon "Wax Mask" setzt die Messlatte absurd hoch. Ein paar Sekunden Verstärkersurren, schwebende Clean-Vocals und dann, unausweichlich, der Bruch. Nach nicht einmal einer halben Minute zerreißt der Song sich selbst. Hardcore-Breakdowns treffen auf fast schon poppige Metalcore-Hooks, und plötzlich klingt das Ganze wie eine unerlaubt gut funktionierende Fusion aus Deftones und Sepultura. Der Opener macht klar: Hier wird nichts vorsichtig angetestet, hier wird sofort alles offengelegt.
"Primal Bloom" führt dieses Prinzip konsequent weiter. Die Wechsel zwischen Klargesang und Shouting greifen so selbstverständlich ineinander, dass man sich fragt, warum das andere Bands nie so hinbekommen. Im Zentrum bleibt Jeffrey Moreiras Stimme, ein Organ, das auch 2026 noch irgendwo zwischen Zusammenbruch und völliger Eskalation pendelt. Dieses gequälte Jaulen kratzt an einer Form von Perfektion, die im Genre selten geworden ist (für mich nur erreicht von Get The Shots "In Fear We Stand" und "Perdition").
Mit "Thoroughbreds" öffnen Poison The Well erstmals das Klangbild. Weniger Dystopie, mehr Vorwärtsdrang: treibende Drums, galoppierende Strukturen. Doch natürlich hält die vermeintliche Leichtigkeit nicht lange. Spätestens wenn der transzendental angehauchte Klargesang einsetzt, schleicht sich eine Gojira-eske Chor-Ästhetik ein – und mit ihr wieder dieses unterschwellige Unbehagen.
Der vielleicht größte Überraschungsmoment folgt mit "Everything Hurts". Bass und Stimme tragen den Einstieg, ehe sich eine Hook entfaltet, die fast zu eingängig wirkt. Fast. Denn sobald sich so etwas wie Komfort breitmachen könnte, reißen Poison The Well das Steuer herum. Strukturen kippen, Breaks setzen ein, Vocals zerfransen, die Band sabotiert ihre eigenen Ohrwürmer, bevor sie belanglos werden.
"Weeping Tones" knüpft zunächst an die melodische Seite an, nur um sie kurz darauf wieder in reine Gewalt zu überführen. Überhaupt wirkt dieses Album wie ein manifestierter Albtraum: dicht, bedrückend, emotional überladen.
"A Wake Of Vultures" ist der brachialste Moment der Platte. Thrashige Riffs, maximale Härte, bis der Song im letzten Drittel plötzlich auseinanderfällt und in ein fast schon meditatives Clean-Gitarrenstück übergeht. "Bad Bodies" hält das Energielevel hoch, stapelt Vocalspuren übereinander und gehört zu den experimentelleren, spannendsten Tracks des Albums.
Mit "Drifting Without End" zeigen Poison The Well erneut ihre Spannweite: Streicher eröffnen, leise Passagen wechseln sich mit eruptiven Ausbrüchen ab. Zeitweise vergisst man tatsächlich, dass man hier eine Band hört, die einst das Metalcore-Fundament mitgegossen hat.
"Melted" reißt einen dann wieder zurück ins Jetzt: direkt, roh, gitarrengetrieben, stärker im Post-Hardcore verankert. Und "Plague Them The Most" treibt die Unberechenbarkeit endgültig auf die Spitze. Nach einem aggressiven Hauptteil folgt ein Hidden-Track, der alles runterfährt: klare Gitarren, verletzlicher Gesang, ein fast schon verträumtes Ausklingen. Moreira klingt hier nicht mehr wütend, sondern entwaffnend offen.
"Peace In Place" hat keine Leerlaufmomente, keine Belanglosigkeit, keine unglaubwürdige Emotion. 42 Minuten Emotion, Spannung und permanente Überraschung. Das ist kein Comeback, das ist eine Machtdemonstration.


1 Kommentar
Gute Sache und erfreulich, dass es reviewed wurde. 5/5 ist aber etwas zu euphorisch