laut.de-Kritik

Poppy sabotiert jede Form von Sicherheit.

Review von

Nach Poppys weiter Reise könnte man das, was auf "Empty Hands" passiert, fast schon als Stillstand bezeichnen, orientiert sich das Album genretechnisch doch spürbar an seinem Vorgänger. Nur: Wenn der Vorgänger bereits ein Monolith wie "Negative Spaces" war, wirkt dieses neue Werk weniger wie ein Rückschritt, sondern eher wie eine konsequente Fortsetzung auf hohem Niveau. Keine radikalen Stilwechsel mehr, keine 180-Grad-Kehrtwenden. Poppy hat ihren Sound gefunden und sie reizt ihn weiter aus.

Schon mit "Public Domain" lebt das bekannte Themenfeld ab Sekunde eins wieder auf. Treibende Drums, darüber ein Synthesizer-Geflecht, das sich tief in Industrial-Texturen eingräbt. Dann diese Stimme: glasklar, fast zu sauber, im Refrain plötzlich blechern und distanziert. Der Mix aus gesprochenem Text, melodischer Poplinie, monoton wuchtiger Percussion und komplettem Synth-Overload macht schnell klar: Hier wird nicht kopiert, hier wird verdichtet. Gegen Ende kulminiert die Kälte in schweren Schlägen, als wolle der Song alles noch einmal zusammenziehen. Kein Track für alle, aber einer, der Spannung aufbaut und seine vier Minuten konsequent füllt.

"Bruised Sky" macht da weiter, wo andere Alben längst abbrechen würden. Statt Synthesizern gibt's hier Pinch Harmonics, die einen ähnlich industriellen Effekt erzeugen. "There's no one to come for you", flüstert Poppy, ehe eine Riff-Wand hereinbricht und "The only way to cope is to see you as a disease" in die Ohren gebrüllt wird. Diese Mischung aus Härte und Kontrolle zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Platte. Das Wechselspiel zwischen Klar- und Shoutstimme mündet in einer Zweistimmigkeit, die eigentlich nicht funktionieren dürfte: Poppy schreit, während sie gleichzeitig singt, als wäre es ein vollkommen anderer Song.

Mit "Guardian" wird es hymnischer, fast schon poppig, ohne die düsteren Züge zu verlieren. Eine melodische Rocknummer, die kurz etwas Luft schafft, ohne den Grundton zu verlassen.

Danach folgt das obligatorische Poppy-Interlude: "Constantly Nowhere" ist eine A-cappella-Verschnaufpause, ein kurzer Reset, dessen letztes Wort direkt in "Unravel" überleitet. Pulsierende Synths, ein mechanischer Drum-Sound, zunächst fast zu brav. Man spürt: Da schlummert noch etwas unter der Oberfläche. Und tatsächlich reißt Poppy in den letzten Sekunden alles noch einmal auf. Trotzdem lebt der Track vor allem von seinen ruhigen Momenten und von einer Hook, die sich sofort festsetzt.

"Dying To Forget" beweist einmal mehr: Es braucht keine Knocked Loose, um Poppy wütend zu machen. Ohne Vorwarnung drischt der Track los, als hätte jemand den Pop-Anteil bewusst zurückgedreht und den Beatdown nach vorne geschoben. Dass dieser Song und sein Vorgänger im selben Album existieren, ist ebenso verstörend wie genial. Core, Pop, Beatdown – alles gleichzeitig, alles funktionierend. In der zweiten Hälfte wird es erdrückend schwer, fast schon monumental. Ein Track, der in nichts schwächelt.

"Time Will Tell" tut zunächst so, als wäre wieder Normalität eingekehrt: Stadion-Pop-Rock-Gesten, ein sauberer Einstieg. Doch natürlich bricht der Song unkontrolliert in Metal-Gefilde aus, was einen vermeintlichen Filler plötzlich ins Gesamtkonzept integriert. Poppy sabotiert jede Form von Sicherheit. "Eat The Hate" wird grungiger, die Gitarre jault knapp zwei Minuten durchs Set, unterbrochen von Stille und plötzlichen Scream-Eruptionen.

Mit "The Wait" kommt dann tatsächlich der erste Track, den man als etwas zu geradlinig bezeichnen darf. Er bricht nirgends aus, bleibt in seiner Spur. Trotzdem gilt: Selbst Poppys schwächere Momente wirken im Vergleich zur restlichen Poplandschaft noch ambitioniert.

"If We're Following The Light" spielt mit Nu Metal-Strukturen und gehört zu den spannendsten Momenten. "Blink" setzt als zweites Interlude den Faden fort, bevor "Ribs" wieder alles zusammenführt. In Sekundenbruchteilen denkt man an Linkin Park oder Deftones – aber eben nur kurz. Denn Poppy bleibt konsequent bei ihrer eigenen Mischung aus Avant-Pop, Industrial Metal und modernem Core.

Und dann kommt der Titeltrack: "Empty Hands" zieht endgültig alle Grenzen ein. Pure Prügelei, pures Chaos, pures Gewicht. Riff- und gesangstechnisch einer der stärksten Songs des Albums, inklusive Pig Squeal als einen letzten Ausbruch.

"Empty Hands" ist sicher kein Album, das jedem gefallen will und genau darin liegt seine Stärke. "Am I A Girl?"-Hörer werden bei Tracks wie "Dying To Forget" vermutlich eher verstört als abgeholt, doch Poppy interessiert sich längst nicht mehr für Zugänglichkeit um jeden Preis. Dieses Album ist die konsequente Weiterführung ihres aktuellen Sounds: härter, dichter, fokussierter. Eine Platte, die Pop nicht entschärft, sondern mit Industrial, Core und Chaos auflädt, bis daraus etwas Eigenes entsteht.

Ganz makellos ist das Ganze nicht: Einzelne Tracks wirken im Vergleich zur überwältigenden Spitze etwas zu geradlinig, und nicht jeder Moment erreicht die brutale Präzision der Highlights. Trotzdem bleibt unterm Strich ein Album, das in seiner Mischung aus Härte und Hookwriting derzeit kaum Konkurrenz hat – und Poppys stärkste Phase eindrucksvoll bestätigt.

Trackliste

  1. 1. Public Domain
  2. 2. Bruised Sky
  3. 3. Guardian
  4. 4. Constantly Nowhere
  5. 5. Unravel
  6. 6. Dying To Forget
  7. 7. Time Will Tell
  8. 8. Eat The Hate
  9. 9. The Wait
  10. 10. If We're Following The Light
  11. 11. Blink
  12. 12. Ribs
  13. 13. Empty Hands

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Poppy – Empty Hands €17,95 €3,00 €20,95
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Poppy – Poppy, Neues Album 2026, Empty Hands, CD €32,90 Frei €35,90

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Poppy

"I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy. I'm Poppy.

1 Kommentar mit 4 Antworten

  • Vor 3 Stunden

    An mich geht das Teil nicht ran. Die Dame nenn sich nicht umsonst Poppy, so klingt auch das Album. Core Elemente mit Pop Melodien zu vermengen, mag für einige interessant sein, für die meiste Metalheads ist das aber eher ein Graus! Kein Wunder, dass die Fangemeinde in erster Linie aus Jugendlichen besteht und davon gefühlt 70 % aus girls. Frauen erobern den "Metal"? Warum auch nicht, aber leider klingt es nicht mehr nach Metal, sondern nach Musik die im Douglas Shop produziert wurde. Sauber produziert, keine Ecken und Eckten, Pop Melodien, Alibi Core Elemente, weil ohne scheint es bei den Kids nicht mehr zu gehen. Man schaue sich das Cover an, es sieht nicht nur aus wie ein Pop Album, es klingt auch so! Wenn man davon absieht, einige gute Songs, aber auch viel 08/15. Dachte eigentlich die Dame wäre experimentierfreudiger, geht aber eigentlich sehr auf Nummer sicher. 6/10

    • Vor 2 Stunden

      Naja dann falle ich als Old School Metal Fan wohl aus der Reihe :D - und sorry, ich muss Dir hier komplett widersprechen. Die meisten Metalheads, die ich kenne finden Poppy cool. Selbst meine alten Metallica oder Slayer Hardcore Fans freuen sich darüber, dass Metal wieder Anklang bei "den Jüngeren" findet. Von den Meisten zu reden ist also Deine exklusive Meinung. Denn du redest eher von den ewig Gestrigen, die in Ihrer 80er-90er Suppe baden und alles Neue nicht mögen, egal ob Poppy, Spiritbox, Babymetal, Architects, Ghost oder BMTH etc. Und ich weiß nicht welches Album Du gehört hast, aber sicher nicht "Empty Hands". Es stimmt, dass Poppy ein Händchen hat für eingängige Refrains, das ist sicher eine Stärke der Pop Musik und auch von Poppy. Auch kann man Jordan Fish als Producer klar erkennen. Er hat seinen signifikanten Stil. Den kann man mögen oder nicht. Also kein Hate für Deine Meinung. Wenn die Platte aber objektiv eins NICHT ist, dann ist es rund, ohne Ecken oder mit Alibi Core Elementen. Im Gegenteil. Sie ist eine konsequente Weiterführung von Negative Spaces. Ausserdem ist Poppy nicht Metal. Poppy ist Poppy. Eigenes Genre - beinhaltet Pop, Metal, Metalcore, Industrial, Elektro, Jazz etc (manchmal alles in einem Song). Für mich ist Empt Hands klar eine 10/10. Und sollte Douglas jemals Poppy spielen, dann haben sie einen neuen Kunden mehr *lol*.

    • Vor einer Stunde

      Schön und gut, Leute. Aber viel wichtiger die Frage: Ist Poppy eigentlich noch Hardcore...?

    • Vor 6 Minuten

      Lieber Partyman, behaupten kannst du viel, glauben tue ich dir kaum was davon. Ich verschließe mich neuer Metal Musik? Komisch, dass ich Bands wie Imperial Triumphant, Opeth, Alkaloid, Blood Incantation etc. liebe. Alles Metal Band die den Metal in die Zukunft transformieren. Es liegt also wohl nicht daran, dass ich neuem Metal nicht aufgeschlossen bin, sondern dass ich halt nach modernen Metal ausschau halte und nicht nach irgendwelche in Pop Melodien getränkte Musik, die wohl an ein junges Publikum angepasst wurde und maximal kommerzialisiert klingt. Ich habe mir schon viele Eindrücke sammeln können. Metalcore wird großteils von Jugendlichen gehört und davon sind 70 % girlies. Das ist die Zielgruppe! Die Metalscene ansich kann damit nichts anfangen, seit wollen die Pop Musik im Metal haben? Das taugt ja höchstens Spasskapelle. Deine 10/10 zeigen auch, dass du als Fanboy wahrscheinlich auch nicht in der Lage bist, hier auch nur einigermaßen rational dranzugehen. Schau dir das Review hier von laut.de an. Einige durchschnittliche Songs, ich möchte kaum sagen Lückenfüller auf dem Album. wie kann das eine 10/10 sein? Völliger Humbug.
      Und ob das Hardcore ist? Wenn dann ist HEARTcore, wenn man mich fragt (sidekick in Richtung Deathgasm2)