laut.de-Kritik
Reggae mit Biss, Stringenz und warmem Ambiente.
Review von Philipp KauseProtoje vereint wieder seine charakteristischen Merkmale: Bubble-Bounce-Beats viben zu geschmeidig gedroppten Alliterationen, Homoioteleutons, großem Wortschatz in One Drop-Rhythmus-Flow. Alles scheint von leichter Hand gestrickt, spontanes Geschichtenerzählen, Sinnieren. Electropop und Hip Hop dienen als Grundlagen für den ästhetischen Rahmen, und doch ist "The Art Of Acceptance" dem Inhalt und Schlagmuster nach Roots Reggae und entstand weitgehend mit jamaikanischen Akteur:innen. Von den Virgin Islands legte Tippy I-Grade Hand an einige Tunes und gestaltete Dub-Versionen. Man erntet sie exklusiv mit dem Doppel-Vinyl. Die entspannte Scheibe meidet Aufreger, unterlässt allzu emotionale Ausbrüche und pflegt vollständig Nonchalance und Understatement. Wer wahrnehmen will, wie scharf geschliffen die Platte wirklich ist, muss genau hinhören.
Die häufigsten Ausdrucksweisen der Speerspitze des Roots- und Rub-a-Dub-Revivals von 2010 sind der Sprechgesang, das Toasten und Splitten, teils hypnotisch, wie in "The Locusts ft. Pressure Busspipe". Derweil tritt eine Reihe namhafter Szene-Gäste zum Singen an Protojes Seite: Besagter Pressure Busspipe (wiederum von den US-Virgin Islands) bringt zwei Vortragstechniken ein, das Singen und das Dancehall-MC'ing, Shenseea trällert in "Goddess ft. Shenseea", Stephen Marley im zarten "1000 Lashes ft. Stephen Marley". Ein anderer Marley, der Junior Gong übernimmt den Rap-Part in "At We Feet ft. Damian Marley". Wo in "Ting And Loud ft. Masicka" der Gast auf Stakkato-Vortrag setzt, wird für den Gastgeber die Rolle des Singenden frei.
Zugegeben: Wer im zeitgenössischen Reggae schon von der grundsätzlichen Beschaffenheit her oft Melodien vermisst, wird, wenn überhaupt, allenfalls bei "Reference" und beim freundlichen, tiefenentspannten und liebenswerten "In Your Corner" anbeißen. Ansonsten überwiegen geringe Tonsprünge. "Reference" hat derweil einen bizarren Text, der sofort auffällt: Der Jamaikaner zieht einen Bogen von Haile Selassies und Marcus Garveys Kampf gegen Kolonialismus und das faschistische Regime Italiens, 1935, und von der Flucht des Äthiopiers vor Mussolini, bis zu Hitler und schließlich bis zum Künstler Christo, der den geschichtsbekleckerten Reichstag verhüllte. Viele jamaikanische Artists haben sich schon an dem Themenkomplex samt "teachings of His Majesty" versucht, teils mit großer Reichweite, wie Burning Spear. Seltenst aber wurde dieses DNA-Thema der Rasta-Mucke so präzise und umfassend binnen vier Minuten auf den Punkt gebracht. Das Artwork stellt passend dazu den Sänger im Military Look auf Reisen durch das ostafrikanische Land dar, das sich wie wenige dem Kolonialismus widersetzte.
Easy-going lassen sich dagegen das religiös gefärbte "Love Overflow" und das fröhliche "Ten Times Around The Sun" an und sorgen für neue Ohrwürmer. Beide erstrahlen in sanften Arrangements mit der lebenden Legende Dean Fraser am Saxophon. Damals, als Protojes Mama Lorna einst vor 54 Jahren als Rocksteady-Prinzessin eine kurze, aber unvergessene Karriere machte, zu jener Zeit, begann Fraser den One Drop-Reggae zu tröten. Bald wurde er der gefragteste Blechbläser des Genres und der Insel. Ebenso unterstützen langjährige Mitstreiter wie Gitarrist Lamont Savory oder die Beatmaker und Producer Philip Winta James sowie Ziah .Push den Meister Proto auf diesem neuen Album.
Wie gewohnt ist das Jonglieren mit verblüffenden Reimen wieder ein integraler Baustein der fluffigen Sound-Couleur. Da bildet 'Tony Rebel' das Echo zu 'vegetable', wie in "Feel It". Tony Rebel war einer der großen jamaikanischen Artists der Neunziger, begann seine Karriere mit dem Song "Fresh Vegetable" in Protojes Singjay-Stil, ist anteilig dessen Prototyp. Gemüselastig gestaltet sich auch der ital Lebensstil der Rastafarians. Solche verschachtelten Bezüge formen die Architektur der ganzen Lyrics hier auf "The Art Of Acceptance".
Der Longplayer hat insgesamt mehr Biss, Stringenz und Verdichtung als manche vorherigen LPs des Songwriters aus Kingston. Ganz so hochkomplex politisch wie auf der EP "The Jamaican Situation (Side A)" fallen die Stücke dieses Mal allerdings nicht aus. Mehr investierte das Team aus Songwriter, Band und Producern dafür in fein ziselierte Keyboard-Patterns, die für ein schönes warmes Ambiente sorgen.


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