laut.de-Kritik
Das zweite Country-Album mit T Bone Burnett.
Review von Sven KabelitzFür einen kurzen Moment war Country plötzlich überall, wie ein modisches Accessoire, das sich jeder einmal anheften wollte. Wer etwas auf sich hielt, musste spätestens nach Beyoncés "Cowboy Carter" zwischen 2024 und 2025 knietief in dieses Genre eintauchen. Doch wie so oft zog man weiter, wandte sich Neuem zu und überließ das Feld wieder den für einen kurzen Moment verwunderten Alteingesessen.
Mitten in diesem Geschehen steht seit "Look Up" auch Ringo Starr, der gemeinsam mit T Bone Burnett (Brandi Carlile, Natalie Merchant, Cassandra Wilson) nun bereits sein zweites Country-Album veröffentlicht. Im Gegensatz zu manch anderen verbindet ihn aber seit Anbeginn seiner musikalischen Karriere eine große Liebe mit dem Genre. Im Grunde war es von Anfang an eine naheliegende Verbindung – als hätten das Genre und seine Stimme schon immer zueinander gehört.
Vom Songwriting hat sich der Weltmeister im 'auf Fotos das Peace-Zeichen zeigen' in diesem Jahrzehnt weitestgehend zurück gezogen. Gerade einmal an drei Tracks war er auf "Long Long Road" beteiligt, wobei "Choose Love" bereits über zwanzig Jahre auf dem Buckel hat und 2005 auf dem gleichnamigen Longplayer erschien. Starr lässt heute andere für sich arbeiten, kommt zum Trommeln und Einsingen vorbei, um danach das Leben bei einem leckeren Brokkoli in der untergehenden Abendsonne zu genießen. Wer wollte es ihm verdenken? Schließlich ist er inzwischen 85 Jahre alt und hat sich diese Gelassenheit mehr als verdient.
Sein 22. Studioalbum trägt zu viel von der Erfahrung und Ruhe eines Künstlers, der schon lange nichts mehr beweisen muss. Über weite Strecken plätschert "Long Long Road" so gleichförmig dahin, dass sich die 33 Minuten zeitweise eher wie eine niemals endende Straße anfühlen. Erst die unangenehm nach Alleinunterhalter klingende Version von "I Don't See Me In Your Eyes Anymore", einst unter anderem Carl Perkins aufgenommen, lässt aufhorchen. Wenn auch aus den falschen Gründen.
Am besten funktioniert der Longplayer immer dann, wenn er das enge Country-Korsett hinter sich lässt. Etwa im bereits genanntem "Choose Love": Hier bricht plötzlich jene Band durch, die nicht genannt werden braucht. Gemeinsam mit der sich dezent im Hintergrund haltenden St. Vincent fällt diese Version deutlich ruhiger aus als das rumpelnde Original. Gerade durch die Mischung aus leicht klischeehaftem Psychedelic-Pop und Country entwickelt sie ihren ganz eigenen Reiz. Passend dazu tragt der Schlagzeuger und Sänger auf dem Cover ein Shirt von Studioaufnahmen des Jahres 1968.
In "You And I (Wave Of Love)" bekommt Molly Tuttle endlich den Raum, der ihr zusteht. Wenn Starrs freundlich durch die heutige Technik unterstützte Stimme auf ihre trifft, entsteht eine angenehm kuschelige Atmosphäre. Wenn beide jedoch "Riding on a wave of love / You're the one I'm dreaming of / Riding on this wave of love / Into the night" anstimmen, steht das zugleich sinnbildlich für die Schwächen der Texte, die sich allzu oft im Belanglosen suhlen.
Wie alles hier könnte auch "It's Been Too Long" mehr Staub vertragen, jedoch findet sich das gefällige Stück eher auf der Habenseite wieder. Während der Backgroundgesang von Molly Tuttle und Sarah Jarosz seltsam im Vordergrund steht, bleibt Ringo Starr etwas zu sehr im Hintergrund. Fast, als hätten ihre Positionen gewechselt.
Der im freundlichen Sinne nette Titeltrack, unterstützt von Sheryl Crow, eröffnet mit deutlichen Anleihen an die Beach Boys. Im weiteren Verlauf schimmern Erinnerungen an Neil Young durch. Beides natürlich, ohne deren Qualität zu erreichen. Schließlich versucht sich Ringo an einem Spoken-Word-Part.
Am Ende sollte man sich über die alten Legenden freuen, so lange sie noch da sind. Nach und nach verlassen sie uns. Die neuen Alben muss man deshalb nicht zwingend hören, denn allzu viel gibt es hier kaum noch zu entdecken. Eine wirkliche Begeisterung für die oft generischen Songs und die stellenweise zu flache Produktion ließe sich letztlich wohl nur durch eine gewisse nostalgische Verbundenheit entschuldigen.
Immerhin öffnen Country-Fan Ringo Starr und T Bone Burnett das "Lock Up"-Konzept leicht und vermeiden allzu starre Genregrenzen. Weltbewegend ist das Ergebnis dennoch nicht, was vermutlich auch nie der Anspruch war. Am Ende bleibt ein nettes kleines Gutzi, eine dritte Country-Zusammenarbeit soll bald folgen.


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