laut.de-Kritik
Der French Touch verblasst: Electropop im Vintage-Anzug.
Review von Kerstin KratochwillDie Performance war brillant, aber der Eurovision noch nicht bereit: 2008 trat Sébastien Tellier für Frankreich an, mit dem flirrenden Electropop-Beach-Boys-Stück "Divine", co-produziert von Daft-Punk-Legende Guy-Manuel de Homem-Christo und erstmals bei dem Wettbewerb auf Englisch gesungen – choquant! Er landete auf mit dem Geniestreich auf dem unrühmlichen 19. Platz.
18 Jahre später veröffentlicht der französische Dandy sein mittlerweile siebtes Album "Kiss The Beast" und der ESC-Auftritt ist nur eine kleine Randnotiz in Telliers schillernden Karriere. Er ging mit Air auf Tour, deren eine Hälfte Nicolas Godin seinen Song "La Ritournelle" als einen Pop-Klassiker adelte, und landete auf dem wunderbar kompilierten Soundtrack "Lost In Translation" von Sophia Coppola mit dem Stück "Fantino" neben seinen Landsleuten Phoenix oder Legenden wie My Bloody Valentine oder The Jesus & Mary Chain.
Auf seinem neuesten Streich hat er viele Gastacts geladen, die die Tracks mit Owen Palletts Streichern füllen, Nile Rodgers' funkiger Gitarre aufladen sowie den Beiträgen von Kid Cudi und Slayyyter spannend machen. Produziert wurde "Kiss The Beast" von Victor Le Masne, SebastiAn, Oscar Holter und Daniel Stricker (Midnight Juggernauts), herausgekommen ist dabei ein romantisches Electro-Pop-Wunderwerk mit Vintage und French Touch, naturellement.
Für die erste nostalgisch anmutende Single "Naïf de Coeur" wurden Chöre im Stil von 10cc eingebaut, bei "Thrill Of The Night" sorgt Legende Nile Rodgers für Studio-54-Feeling, und "Parfum Diamant" ist ein synth-geladener Coming-Of-Age-Traum. Das Album hat Style, das Album hat Flair, doch leider auch viel Schwulst.
Energiegeladenere Songs wie "Refresh" simulieren Synthwave, sind aber dann doch zu sehr Eighties-Pastiche, "Copycat" versucht sich am pompösen Electro-Kitsch von M83. Der Charme von Monsieur Tellier verblasst hier ein wenig, ist aber mit seinen eklektischen Sprengseln aus Disco, Rap oder Latino immer noch très chic.


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