laut.de-Kritik
Musikalische Zeitreise mit Schwung und viel Gefühl.
Review von Kai ButterweckAls Shania Twain vor beinahe dreißig Jahren mit ihrem Über-Album "Come On Over" zum zweiten Mal in Folge vom Gipfel der amerikanischen Countrycharts grüßte, kam Taylor Swift gerade in die zweite Klasse. Ein gewisser Harry Edward Styles, für den Shaina Twain vor Kurzem als Support-Act das britische Live-Publikum anheizen durfte, trug zu der Zeit gar noch Windeln. Wer sich also wunderte, welche Dame da im proppenvollen Wembley-Stadion die countryeske Grand Dame in Hotpants mimte, dem sei gesagt: Frau Twain war mal richtig dick im Geschäft.
Eigentlich ist sie das immer noch. Keines ihrer sechs bisher veröffentlichten Studioalben positionierte sich schlechter als Platz zehn in den Billboard-Charts. Mit "Queen Of Me", ihrem letzte Longplayer aus dem Jahr 2023, landete die gebürtigen Kanadierin in England sogar auf Platz eins.
Drei Jahre später möchte die mittlerweile 58-jährige Sängerin eine musikalische Brücke zwischen dem Hier und Jetzt und ihrer Jugendzeit schlagen – als sie noch niemand kannte und sie vom großen Erfolg in Nashville träumte. "Little Miss Twain" startet mit unaufgeregtem Bumtschak-Country. Musikalisch haut das keinen Cowboy in Texas vom Ross. Aber da ist ja auch noch die Stimme der Urheberin. Und die hat so viel Wärme und Gefühl, dass man den eigentlich ziemlich beliebigen Track sofort noch einmal hören möchte.
"Right Time" vereint Country und organischen Pop. Shanias Stimme bricht jetzt auch mal aus. Gute Laune ist Programm. Der Titeltrack beginnt sanft und ruhig, kommt dann aber irgendwann in Fahrt und endet als schunkelnder Blick in den Rückspiegel. Shania Twain erinnert sich an ihre ersten Gehversuche im Showgeschäft: "According to my mother, I'm the next Tanya Tucker - She drives me to sing in the bar - Push start the Chevy, it's old and it's heavy - And I'm still smaller than my guitar", singt die Grammy-Preisträgerin.
Das flotte "Dirty Rosie" groovt ungemein. "Quit My Life" markiert den ersten und einzigen Durchhänger des Albums. Dann macht Shania Twain das, was sie mit am besten kann: zwei Gänge runter schalten, ihrer Stimme viel Raum geben und den Emotionen freien Lauf lassen. Mit der in samtige "Purple Rain"-Vibes gehüllten Ballade "Problematic" setzt Shania Twain ein dickes Ausrufezeichen.
Der Blues steht der Kanadierin ebenfalls gut zu Gesicht ("I'd Be Loving Me"). Gemeinsam mit Josh Homme geht's dann eine Spur rockiger zur Sache ("Faded Blue Jeans"). Der QOTSA-Frontmann ist nicht der einzige Gast auf dem Album. Auch Ronnie Wood, Tanya Tucker und das bezaubernde Musikerduo The War And Treaty sind mit am Start. Das Rampenlicht gehört aber nur der Urheberin des Ganzen. Und die lässt sich auch im letzten Drittel des Albums nicht vom Kurs abbringen.
Shania Twain bringt Country und Hip Hop zusammen ("That's The Money"). Unterm Saloon-Dach brennt's irgendwann so richtig ("New Love"). Und mit "Take It To The River" und dem abschließenden "Rockstars" kuscheln sich auch noch zwei weitere hochkarätige Balladen in die Gehörgänge.
So endet Shania Twains musikalische Zeitreise mit der Erkenntnis, dass Qualität und Talent kein Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Wenn man was kann, dann kann man was. Und Shania Twain kann was. Vor neun Jahren schüttelte der Autor dieser Zeilen noch enttäuscht den Kopf ("Now"). Nun bestellt er sich einen Cowboyhut und meldet sich beim nächstbesten Line Dance-Kurs für Anfänger an. Das haben weder Taylor Swift noch Beyoncé geschafft.


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